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Mutmaßlicher Silvester-Täter: Auf und davon

Von und Roman Lehberger, Köln

DPA

Auf einem Foto erkennt ein Opfer aus der Kölner Silvesternacht einen der Peiniger: ein Asylbewerber aus Marokko, der kurz zuvor vor Gericht stand. Als die Polizei ihn festnehmen will, ist Mehdi E.-B. weg.

In Saal 18 des Kölner Amtsgerichts gaben sich Otman K. und Mehdi E.-B. kürzlich noch reumütig. Angeklagt, Anfang Januar am Kölner Hauptbahnhof ein Handy gestohlen zu haben, gelobte das Duo baldige Besserung. "Wir bitten um Vergebung", so die Marokkaner, die auch zu den Verdächtigen der Kölner Silvesternacht zählen. Die Richterin mahnte: "Das sollte nicht noch mal vorkommen."

Anschließend konnten die Männer gehen, ihre Strafe von einer Woche Arrest hatten sie mit der Untersuchungshaft bereits verbüßt.

Doch es scheint nicht, als habe E.-B. seither viel dazu gelernt. Auch nach seiner Verurteilung fiel der 19-Jährige wiederholt auf: So erwischte ihn keine zwei Wochen nach der Verhandlung eine Ladendetektivin bei einem Diebstahl in einem Aachener Kaufhaus. Wiederum vier Tage später griff man ihn in einem anderen Kaufhaus in Aachen auf, als er gerade ein Hemd stahl.

Nach einem ersten SPIEGEL-TV-Bericht über Mehdi E.-B. meldete sich zudem ein weiteres Opfer bei der Polizei. Der Geschädigte gab an, den Marokkaner als den Trickdieb wiedererkannt zu haben, der ihn wenige Tage vor Silvester in der Kölner Innenstadt bestohlen hatte.

Doch das weitaus größte Problem des Mehdi E.-B. entstand nach Informationen von SPIEGEL TV vor etwa zwei Wochen. Da identifizierte eine Studentin, Opfer eines massiven sexuellen Übergriffs aus der Silvesternacht, E.-B. eindeutig als Teil der Gruppe von Männern wieder, die sie bedrängt hatte. Auf dem Polizeifoto mit der Nummer 5167878 sei derjenige zu sehen, der vor ihr gestanden habe, sagte die junge Frau den Ermittlern. Da sei sie zu 100 Prozent sicher.

Das Opfer berichtete, wie sie Neujahr gegen 0.30 Uhr auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz von mehreren Männern umringt und begrapscht worden sei. Mindestens einer der Täter griff demnach auch in die Hose der Frau. Als ihr Freund ihr zur Hilfe geeilt sei, sei ihm das Portemonnaie gestohlen worden, sagte sie.

"Novum der Ermittlungen"

"Dass eine Zeugin einen Täter wiedererkannt haben will, und zwar mit großer Gewissheit, ist ein Einzelfall und ein Novum dieser Ermittlungen. Normalerweise sind wir auf die mühsame Auswertung von Videobeweisen angewiesen. Das hat bislang weniger zum Erfolg geführt", sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln, Ulrich Bremer.

Die Behörde beantragte als Konsequenz aus der Aussage des Opfers einen Haftbefehl gegen Mehdi E.-B., der Vorwurf lautet auf Raub und sexuelle Nötigung in einem besonders schweren Fall. Insgesamt ermitteln Polizei und Justiz wegen der Geschehnisse der Kölner Silvesternacht derzeit gegen 78 Personen, 14 von ihnen sitzen in Untersuchungshaft.

Außer E.-B. will die junge Frau noch sieben weitere mutmaßliche Sextäter erkannt haben, darunter auch den Mitangeklagten aus dem Prozess Anfang Januar: Otman K. Der Marokkaner hatte seinerzeit die Richterin besonders flehentlich um Milde für den gemeinschaftlichen Trickdiebstahl gebeten: "Ich habe einen Fehler gemacht und entschuldige mich dafür", sagte der 18-Jährige.

Auf die Frage der Reporter, ob er in der Silvesternacht Frauen am Kölner Hauptbahnhof attackiert habe, antwortete Mehdi E.-B. seinerzeit: "Nein, nein." Er sei in Dortmund gewesen. Zehn Minuten später, bei einem zweiten Zusammentreffen vor dem Gericht, behauptete er dann, er habe Silvester im niederrheinischen Kleve gefeiert. "Ich habe nichts gesehen", sagte er noch und marschierte davon.

Hausverbot im Flüchtlingsheim

Am vergangenen Donnerstag wollte die Staatsmacht die von der Zeugin benannten Männer dann festnehmen. Doch der Erfolg der Razzien in Köln, Hamm, Troisdorf und Bornheim hielt sich in Grenzen. Zwar fanden die Beamten in einer Wohnung 20 Handys, von denen eines auch an Silvester in Köln gestohlen worden war. Doch nur einer der insgesamt acht Männer hielt sich am Donnerstagmorgen um acht Uhr tatsächlich dort auf, wo er gemeldet war.

In die Asylunterkunft in Würselen bei Aachen, wo die Polizei Mehdi E.-B. eigentlich vermutet hatte, rückten die Beamten schon gar nicht mehr ein. Die Kölner Einsatzleitung hatte kurz vor der geplanten Aktion erfahren, dass der Marokkaner dort nicht mehr lebt. Er hat wegen Gewaltausbrüchen und Drogenkonsum seit einigen Wochen Hausverbot. Seither war E.-B. nach Informationen von SPIEGEL TV als Yassine L. in einem anderen Heim untergekommen, fünf Kilometer entfernt.

Dort erinnert sich die Hausmeisterin an den Marokkaner, als sie sein Foto sieht. "Na klar, kenn ich den", sagt Waltraud L. "Alle suchen ihn. Beim Ordnungsamt liegt haufenweise Post für den. Der hatte immer neue Klamotten an, von Kopf bis Fuß. Der hat geklaut wie ein Rabe." Letzte Woche sei sie ihm zum letzten Mal im Haus begegnet, so L. Und der kosovarische Mitbewohner des Mehdi E.-B. sagt: "Der ist nicht mehr hier. Er ist abgehauen nach Italien. Er wollte nach Neapel."

Zurückgelassen hat Mehdi E.-B. allerdings, unter der Matratze seines Bettes, die Registrierung als Asylbewerber in Deutschland.


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