Silvesterbabys Gezerre im Kreißsaal ums Elterngeld

Am 1. Januar kommt das neue Elterngeld. Wer sein Kind vorher kriegt, hat oft weniger Geld im Portemonnaie. Doch auf die deutschen Hebammen können Mamas und Papas in spe nicht zählen. Es gibt keine Geburtsverzögerungen und keine vorgestellten Uhren.

Von Sonja Pohlmann


Berlin – Im Kreißsaal des Hamburger Marienkrankenhauses hängt die Uhr direkt neben dem Geburtsstuhl. Es ist eine Funkuhr, sie geht auf die Sekunde genau – einige werdende Eltern würden in der Silvesternacht jedoch gerne an ihr drehen. Entweder vor. Oder zurück. Je nachdem in welcher beruflichen Situation sie sich befinden. Denn der 1. Januar ist Stichtag für das neue Elterngeld.

In der Silvesternacht entscheiden Minuten über mehr oder weniger Geld im Portemonnaie der Eltern
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In der Silvesternacht entscheiden Minuten über mehr oder weniger Geld im Portemonnaie der Eltern

Für das Einkommen macht es einen deutlichen Unterschied, ob ein Kind am 31. Dezember oder am 1. Januar geboren wird. Generell gilt: Vom neuen Elterngeld profitieren vor allem diejenigen, die bisher zu viel verdient haben, um Erziehungsgeld zu bekommen. Damit will die Bundesregierung das Kinderkriegen vor allem für Akademiker in höheren Positionen attraktiv machen.

Wenn Angestellte sich entscheiden, für die Betreuung ihres Kindes im Job zu pausieren, wird die staatliche Unterstützung 67 Prozent ihres Nettoeinkommens betragen – bis zu einem Höchstbetrag von 1.800 Euro, maximal 14 Monate lang, wenn auch das zweite Elternteil mindestens zwei Monate zu Hause bleibt. Unterbricht nur ein Elternteil den Job, wird das Elterngeld auf 12 Monate begrenzt. Das gilt auch für Selbstständige. Bei ihnen basiert die Berechnung auf dem Steuerbescheid aus dem letzten abgeschlossenen Veranlagungszeitraum. Vom Gewinn werden die Steuern abgezogen, den Restbetrag ersetzt das Elterngeld bis zu 67 Prozent.

"Bei uns wird nicht geschummelt"

Geringverdiener, die unter 1.000 Euro monatlich verdienen, werden finanziell so unterstützt, dass sie prozentual mehr als 67 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens erhalten. Verlierer sind dagegen die Studenten oder Hartz IV-Empfänger: Bisher konnten sie 24 Monate lang 300 Euro Erziehungsgeld oder 12 Monate das sogenannte Budget in Höhe von 450 Euro beziehen, jetzt erhalten sie den Grundbetrag von 300 Euro nur noch maximal 14 Monate lang.

In der Silvesternacht sind es also Minuten, die über mehr oder weniger Geld im Portemonnaie entscheiden. Viele werdende Eltern erkundigen sich deshalb bei ihren Hebammen, ob am Termin gedreht werden kann. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen warnte schon davor, die Geburt wegen der Einführung des Elterngeldes am 1. Januar künstlich hinauszuzögern: "Den Eltern, die in den letzten Tagen vor dem Jahreswechsel ihr Kind bekommen, sage ich: Ein Kind ist so unendlich kostbar, dass es mit einem Jahr Elterngeld nicht zu vergleichen ist."

"Verzögerungsstrategien bringen nichts"

Diesem Rat wollen nicht alle werdenden Mütter und Väter folgen. Szene in der Berliner Charité: Der errechnete Geburtstermin des Kindes war der 21. Dezember. Die Mutter bat, wegen des Elterngelds bis zum 1. Januar zu warten. "Aber bei uns wird nicht geschummelt", sagt Grit Rademacher, leitende Hebamme in der Geburtsklinik. Eine solch lange Verzögerung sei medizinisch ohnehin nicht vertretbar. Aber auch um 23:58 wird kein Auge zugedrückt und der 1. Januar auf der Geburtsurkunde eingetragen. "Die Eltern würden doch nie vergessen, dass das der Geburtstag ihres Kindes einen Tag früher ist", sagt Rademacher, "außerdem wäre das Betrug".

Das sehen die Hebammen im Hamburger Marienkrankenhaus genau so. Sieben Geburten sind hier bisher für den 31. Dezember geplant, fünf am 1. Januar. Doch auch hier soll um kurz vor null Uhr nicht gewartet werden. Zwar könnten die Frauen mit Atemtechniken und Entspannungsübungen selbst versuchen, ihre Wehen ruhiger verlaufen zu lassen, sagt Annette Schwöbbermeyer, Bereichsleiterin der Frauenklinik im Hamburger Marienkrankenhaus. Doch die Hebamme zweifelt am Erfolg einer solchen Strategie: "Die werdenden Mütter sind meisten so aufgeregt, dass sie die Geburt dann gar nicht mehr kontrollieren können." Sobald die Presswehen einsetzen, ist es zu spät. "Da kann ich den Kopf des Kindes garantiert nicht mehr zurückschieben", sagt Schwöbbermeyer.

"Wir folgen der Natur"

Anders ist es bei einem Kaiserschnitt. Der wird geplant, kann jedoch rund um den Geburtstermin ebenfalls nicht beliebig stattfinden. "Die Lungenreife des Kindes ist entscheidend, deshalb haben wir auch hier ein bestimmtes Zeitfenster", sagt Schwöbbermeyer. Drei Kaiserschnitte sind für den 3. Januar angesetzt. Mehr sollen es nicht werden. "Auch wenn ich die wirtschaftlichen Überlegungen verstehen kann, wir folgen der Natur und damit dem geringsten Risiko für Mutter und Kind", sagt Schwöbbermeyer.

Ihre Berliner Kollegin Rademacher gibt zusätzlich noch zu bedenken: "Ein Kind mit einer Lüge auf die Welt zu bringen, das bringt nichts Gutes."



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