Single-Eltern in Deutschland: Die Alleingelassenen

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Sie leben am Rande der Gesellschaft, oft fehlt das Geld für das Allernötigste. Die Lage vieler Alleinerziehender in Deutschland ist dramatisch - wie sehr, belegen die Daten des neuen Mikrozensus. SPIEGEL ONLINE zeigt die wichtigsten Ergebnisse.

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Alleinerziehende in Deutschland: Kraftakt mit Kind und Job

Berlin - Wenn Menschen in Deutschland in Armut leben, dann sind es häufig auch Familien, in denen Kinder von ihrer Mutter alleine erzogen werden. Man kennt diese Fälle. Sie spielen in sozial schwachen Vierteln der Großstädte - in Berlin-Hellersdorf, in München-Hasenbergl, in Mümmelmannsberg in Hamburg. Viele Kinder dort können kaum am kulturellen Leben teilnehmen, waren noch nie im Zoo, noch nie im Schwimmbad.

Aber das ist nur die eine Seite des Alltags, in dem Alleinerziehende in Deutschland leben. Zwar sind sie besonders oft auf Transferleistungen des Staates angewiesen, aber sie arbeiten auch besonders häufig in Vollzeitstellen; viele Alleinerziehende stemmen das Leben mit 40-Stunden-Woche und Kindern ohne Hilfe.

Das Statistische Bundesamt stellte am Donnerstag jetzt neue Ergebnisse des Mikrozensus 2009 zur Lage alleinstehender Mütter und Väter in Deutschland vor - Daten zu Arbeit, Alltag und geografischen Besonderheiten. SPIEGEL ONLINE zeigt die Hauptergebnisse.

  • Es gibt in Deutschland immer weniger Familien. 1996 waren es laut Statistischem Bundesamt noch 9,4 Millionen Familien, 2009 nur noch 8,2 Millionen.
  • Immer häufiger erziehen Mütter oder Väter in Deutschland ihre Kinder ohne Partner. 2009 war fast jede fünfte Familie (19 Prozent) alleinerziehend, 1996 nur jede siebte Familie. Dagegen bestehen 72 Prozent aller Familien heute aus Ehepaaren mit einem oder mehreren Kindern, neun Prozent sind Lebensgemeinschaften, also Unverheiratete.
  • In den ostdeutschen Bundesländern gibt es deutlich mehr Alleinerziehende (27 Prozent im Osten, 17 Prozent im Westen). Dort sind Mütter und Väter, die alleine für ihr Kind sorgen, durchschnittlich deutlich jünger als im Westen. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind aber in den vergangenen Jahren kleiner geworden. Gegenüber 1996 ist der Anteil der Alleinerziehenden in Westdeutschland um 30 Prozent angestiegen.
  • In Großstädten gibt es deutlich mehr Alleinerziehende: Wo mehr als eine halbe Millionen Menschen leben, beträgt ihr Anteil 26 Prozent. In ostdeutschen Großstädten sind sogar 31 Prozent der Eltern alleine.
  • Warum sind Menschen alleinerziehend? Ein Hauptgrund sind Scheidungen oder Trennungen - in Westdeutschland waren nur sieben Prozent der Alleinerziehenden durch den Tod des Partners bei der Kindererziehung auf sich selbst gestellt, im Osten sind es vier Prozent. Große Unterschiede gibt es aber auch bei diesen Zahlen zwischen Ost und West: In Ostdeutschland sind 54 Prozent der Alleinerziehenden ledig, im Westen nur 29 Prozent. In den neuen Bundesländern wurden im Jahr 2008 fast 60 Prozent der Kinder außerhalb einer Ehe geboren.

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Daten und Fakten: Alles über Alleinerziehende in Deutschland

  • Wenig überraschend sind die Zahlen zu den Geschlechterrollen: In den allermeisten Fällen sind es Frauen, die ihre Kinder alleine erziehen - zu 90 Prozent. Und der Anteil der Väter geht zurück. Noch 1996 waren 13 Prozent der Alleinerziehenden Männer. Noch eine Besonderheit: Wenn Väter ihre Kinder ohne Partnerin großziehen, dann sind die Kinder im Durchschnitt deutlich älter.
  • Wie verdienen Alleinerziehende ihr Geld? 60 Prozent der alleinerziehenden Frauen sind berufstätig. Bei Paarfamilien sind es 58 Prozent. Aber: Single-Mütter haben viel öfter Vollzeitstellen - nämlich 42 Prozent von ihnen. Nur 27 Prozent der Mütter in "Paarfamilien" hingegen arbeiten die volle Stundenzahl. Noch ein anderes Ergebnis zeigt der Mikrozensus: Arbeitslose Alleinerziehende suchen viel häufiger nach einem Job als Frauen aus Paarfamilien, die ohne Stelle sind.
  • Armutsrisiko: 31 Prozent der alleinerziehenden Mütter leben überwiegend von Sozialhilfe oder Hartz IV. Im Vergleich dazu: In Paarfamilien sind es nur sechs Prozent. Besonders prekär ist die finanzielle Lage von alleinerziehenden Müttern mit kleinen Kindern. Über die Hälfte derer, die Kinder unter drei Jahren haben, müssen mit einem Haushaltsnettoeinkommen von unter 1100 Euro auskommen. Sind die Kinder größer, steigt das Einkommen deutlich. Nur 23 Prozent der Mütter mit Kleinkindern haben überhaupt einen Job. Dazu passen die Zahlen, die am Mittwoch der DGB vorlegte - nach einer Auswertung von Daten der Bundesagentur für Arbeit. Demnach beziehen 41 Prozent aller Alleinerziehenden Hartz IV - darunter sind auch Erwerbstätige, die so ihr Einkommen aufstocken. Im März dieses Jahres hätten demnach rund 636.000 Alleinerziehende mit insgesamt einer Million Kindern Arbeitslosengeld II bekommen. Das Armutsrisiko bleibe für Alleinerziehende besonders groß, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Die Situation Alleinerziehender sei weiterhin prekär, obwohl die Arbeitslosenquote in dieser Personengruppe gesunken sei.
  • Der finanzielle Engpass hat zum Teil dramatische Auswirkungen: Oft fehlt Geld für das Allernötigste: Nach eigenen Angaben konnte knapp jeder fünfte Alleinerziehende im Jahr 2008 die Wohnung nicht ausreichend heizen. Weniger als die Hälfte konnte sich eine einwöchige Urlaubsreise im Jahr leisten. Nur acht Prozent hatten genug Geld für Fisch oder Fleisch an jedem zweiten Tag. Das sind Ergebnisse aus der Erhebung "Leben in Europa".


Hinweis: In einer früheren Version des Artikels hieß es, die Zahlen, die der DGB vorlegte, unterschieden sich von denen des Statistischen Bundesamts. Tatsächlich widersprechen sich beide Ergebnisse nicht. Zu den DGB-Zahlen zu Transferleistungen sind auch berufstätige Alleinerziehende, die ihr Einkommen mit Hartz IV aufstocken, gerechnet. So kommen die 41 Prozent zustande.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 344 Beiträge
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1. Die Probleme
Foul Breitner 29.07.2010
sind lange bekannt und es wird nix gemacht !
2. Als Alleinerziehend
arioffz 29.07.2010
hast du voll verloren. Wir sollten uns alle schämen auf den ärmsten und schwächsten rumzutrappeln, aber das wird wohl nicht passieren, eher dem der am Boden liegt noch einen reintreten.
3. Singleeltern!
schensu 29.07.2010
Zitat von sysopSie leben am Rande der Gesellschaft, oft fehlt das Geld für das Allernötigste. Die Lage vieler Alleinerziehender in Deutschland ist dramatisch - wie sehr, zeigen die Ergebnisse des neuen Mikrozensus. SPIEGEL ONLINE zeigt die wichtigsten Ergebnisse. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,709034,00.html
Heiratet! Bildet Bedarfsgemeinschaften! Bleibt nicht länger allein! Und alles wird gut.
4. -
semper fi 29.07.2010
Zitat von sysopSie leben am Rande der Gesellschaft, oft fehlt das Geld für das Allernötigste. Die Lage vieler Alleinerziehender in Deutschland ist dramatisch - wie sehr, zeigen die Ergebnisse des neuen Mikrozensus. SPIEGEL ONLINE zeigt die wichtigsten Ergebnisse. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,709034,00.html
Das ist doch wieder einmal der übliche Zahlensalat, aus dem sich Politiker, Gewerkschaftler, Sozialverbände usw. die jeweils passenden Zahlen heraussuchen und den vielstimmigen Ruf nach "mehr, mehr, mehr" (gemeint ist staatliche Unterstützung) anstimmen können. Dann wird es sicher noch Sozialwissenschaftler geben, die das Ganz in einen Kontext stellen, irgendeinen, und Dissertationen daraus stricken bzw. stricken lassen. Für mich bleibt unter dem Strich übrig: Es gibt erstaunlich viele Alleinerziehende, die Vollzeit arbeiten. Die sollten (noch mehr) Hilfe bekommen. Und - Zu viele Frauen in "vorgeburtlich" prekären Verhältnissen setzen zu viele Kinder in die Welt.
5. .
atomkraftwerk 29.07.2010
Nun ja, es gibt auch genug Leute in Partnerschaft oder Familie die am Rand der Gesellschaft stehen und nicht genug Geld zum Leben haben trotz daß alle beide Vollzeit arbeiten gehen. Das liegt an der menschenverachtenden gesellschaftlichen Ordnung und betrifft alle Gruppen und nicht nur Alleinerziehende. Daß größtenteils Frauen alleinerziehend sind ist nicht verwunderlich, die Väter bekommen das Sorgerecht ja nie zugesprochen, sondern nur den Bescheid was sie zu zahlen haben. Manche Alleinerziehende leben davon nicht schlecht. Die wirklich interessante Frage ist aber die warum es immer mehr Alleinerziehende gibt.
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Die Säulen des Sozialsystems
Arbeitslosenversicherung
Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.
Krankenversicherung
Es gibt zwei Arten von Krankenversicherungen - die Gesetzliche (GKV) und die Private (PKV). Rund 90 Prozent der Erwerbstätigen sind in der GKV pflichtversichert. Der Beitragssatz beträgt aktuell 15,5 Prozent für alle Versicherten. Zusätzlich können die Krankenkassen vom Einkommen unabhängige Beiträge erheben. Seit Anfang 2009 fließen alle Beiträge in einen Gesundheitsfonds, aus dem sie an die Kassen verteilt werden. Der Zugang zur PKV steht nur Selbstständigen und Arbeitnehmern oberhalb einer Einkommensgrenze offen.
Rentenversicherung
Die Beiträge werden durch ein Umlageverfahren finanziert, bei dem die Berufstätigen die Leistungen der Rentner zahlen. Anhand der eingezahlten Beiträge wird die künftige Rentenhöhe errechnet. Zurzeit liegt der Beitragssatz bei 19,6 Prozent. Im Januar 2013 sinkt der Beitrag auf 18,9 Prozent. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird derzeit stufenweise von 65 Jahren auf 67 Jahre heraufgesetzt.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung ist die jüngste der Sozialversicherungen in Deutschland. Sie ist eine Grundversicherung, die einen Teil der Pflegekosten abdeckt.

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