Sinkende Umfragewerte: Grüne üben sich in Bescheidenheit

Von

Droht den Grünen die Entzauberung? Die Umfragewerte sinken kontinuierlich, vor allem bei der Wahl in Berlin droht ein herber Rückschlag. Die Erfolgsverwöhnten dämpfen schon mal vorsorglich die Erwartungen.

Grüne Fraktionschefs Künast, Trittin: Die Latte ein bisschen niedriger hängen Zur Großansicht
DPA

Grüne Fraktionschefs Künast, Trittin: Die Latte ein bisschen niedriger hängen

Berlin - Der Platz neben Jürgen Trittin blieb in den vergangenen Tagen häufig leer. Im hippen Ost-Berliner "Café Moskau" trafen sich die grünen Bundestagsabgeordneten zu ihrer Herbstklausur - aber Fraktionschefin Renate Künast war selten anwesend im Tagungszentrum an der Karl-Marx-Allee. Sie steckt mitten im Wahlkampf um das Rote Rathaus, also musste ihr Co-Vorsitzender Trittin den Laden häufig alleine schmeißen.

Wenn es nach Künast geht, kann sich Trittin an dieses Gefühl gewöhnen. Sie will nach der Abgeordnetenhaus-Wahl am 18. September den Sozialdemokraten Klaus Wowereit als Regierenden Bürgermeister ablösen. Doch die Berlinerinnen und Berliner werden ihr diesen Wunsch nach Lage der Dinge nicht erfüllen: Die SPD liegt in aktuellen Umfragen weit vor den Grünen, Wowereit darf sich wohl auf eine weitere Amtszeit einstellen - und Künast auf die Fortsetzung ihrer Tätigkeit als Fraktionschefin.

Unter den Abgeordneten löst das keine Euphorie aus: Der Fall Künast demonstriert den Grünen, dass ihr monatelanges Hoch beendet sein könnte. Anfang des Jahres dachte man, Künast könnte den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit locker aus dem Amt bugsieren. Doch der zweite Landeschef-Posten neben Baden-Württemberg scheint inzwischen außer Reichweite. In Berlin müssen die Grünen plötzlich darum kämpfen, um am Ende wenigstens vor der CDU zu landen: Eine aktuelle Umfrage sieht sie schon hinter den Konservativen - und das, obwohl die in der Hauptstadt traditionell schwach sind.

Ende des Volkspartei-Traums?

Die Furcht vor der Entzauberung geht in der Partei um. Am Freitag konnten die Grünen dem neuen ARD-"Deutschlandtrend" entnehmen, dass sie bundesweit schon wieder drei Prozentpunkte verloren haben, sie liegen nun bei 20 Prozent. Das ist immer noch ein stattlicher Wert. Aber was, wenn sich der Trend fortsetzt - und man bald nur noch bei 15 Prozent liegt?

So üben sich die Grünen in einer altmodischen Tugend: Bescheidenheit. Die großen Worte von der neuen Volkspartei sind bei ihnen nur noch selten zu hören. Man will wieder kleine Erfolge feiern, legt die Latte niedriger: In Mecklenburg-Vorpommern können die Grünen an diesem Sonntag wohl ins Parlament einziehen - damit wären sie in jedem deutschen Landtag vertreten. Sogar ein Bündnis mit der SPD ist in Schwerin möglich. Das wäre doch auch schon was, heißt es nun.

Auch die drohende Künast-Bürgermeister-Schlappe in Berlin redet man sich schon einmal schön: Die Grünen könnten in der Hauptstadt mit 20 Prozent plus rechnen. Immerhin.

Festhalten am positiven Bild

Alle sind angespannt, doch nach außen will man Gelassenheit zeigen. Nur nicht nervös machen lassen, lautet die Parole. Die Parteioberen wollen sich ihr Sieger-Image auf keinen Fall nehmen lassen. Ihnen geht es darum, weiterhin positiv aufzutreten.

Fest steht: Für die Bundestagswahl halten die Strategen weiter an dem Ziel fest, in Richtung 20-Prozent-Marke zu marschieren. Dafür stoßen die Grünen ganz bewusst auch in Themenfelder vor, die bislang nicht wirklich mit ihnen verbunden wurden - Finanz- und Wirtschaftspolitik zum Beispiel.

"Welchen Staat wollen wir und wie viel?" war ein Themenblock auf der Fraktionsklausur überschrieben. Unter dieser Überschrift berichtete die Finanzkommission der Fraktionsvorsitzenden-Konferenz über ihre Erkenntnisse. Auch das Thema innere Sicherheit stand auf dem Programm. Vor einigen Wochen erst hatte es eine wilde Debatte gegeben, als der grüne Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer seine Partei in einem internen Papier auch in der Innenpolitik zum Tabubruch animierte. Im Klartext: Die Grünen sollten für mehr Law and Order eintreten.

Renate Künast soll damals gewarnt haben, Palmers Ideen könnten sie in Berlin Stimmen kosten. Nur: Dass die Grünen hier Nachholbedarf haben, weiß die Rechtsanwältin Künast selbst am besten. Auf die jüngste Serie von Auto-Brandanschlägen in der Hauptstadt reagierte ihre Partei erst mal mit Sprachlosigkeit. Auch das dürfte Künast Stimmen kosten.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 120 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Gruene ueben sich
petsche 03.09.2011
Die koennen machen was sie wollen. An der verfahrenen Situation in Berlin koennen sie nichts aendern.
2. Die Grünen...
glaubblosnix 03.09.2011
.. haben als Protestpartei gegen AKW´s ausgedient und jetzt husch zurück ins Körbchen. Trittin als Finanzminister bleibt zum Glück ein Albtraum.
3. siehe Jutta Ditfurth / Soziologin
naklarsowas 03.09.2011
"Die Grünen sind nur noch eine Partei wie jede andere, den Wählern aber wollen sie weismachen, »anders« zu sein. Die Mitgründerin und ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen macht hingegen deutlich: In Wirklichkeit verschärfen sie, gefesselt von Kapitalinteressen und Sachzwängen des Machterhalts, in Aufsichtsräten, Regierungen und Parlamenten die Ausbeutung von Mensch und Natur. Als rot-grüne Regierungspartei sind sie konservativ, mitunter reaktionär geworden lediglich auf der Straße geben sie manchmal noch die Opposition." Aus Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die Grünen. Rotbuch Verlag. Läßt keine Fragen offen. Erst mal lesen, bevor man Grün wählt. Hätten das die Baden-Württemberger getan, müßten sie sich jetzt nicht mit der unfähigen grünen Regierung rumärgern und das Musterländle der Erfinder und Denker nicht ins Mittelalter zurückfallen.
4. In der Realität angekommen
Pandora0611 03.09.2011
Zitat von sysopDroht den Grünen die Entzauberung? Die Umfragewerte sinken kontinuierlich, vor allem bei der Wahl in Berlin droht ein herber Rückschlag. Die Erfolgsverwöhnten dämpfen schon mal vorsorglich die Erwartungen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,783816,00.html
*Grüne Themen:* *Atomausstieg:* - da wurden sie von der Regierung ''links'' überholt. *S21:* - hat den Streßtest bestanden, und jetzt muß Kretschmann die Polizei gegen seine ''Freunde'' einsetzen. *Solarenergie:* - hier rollt die Pleitewelle; der Hype ist vorbei http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/insolvenz-von-evergreen-solar-wenn-die-sonne-untergeht-1.1131831 *Windmühlen:* - aber bitte nicht in ihrem Sichtfeld *Pumpspeicherwerke:* - dagegen demonstrieren die Grünen http://www.zeit.de/2010/38/Pumpspeicherkraftwerk *Off shore Windmühlen:* - Da fehlt noch der Netzausbau und es gibt massive Widerstände http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/:riskante-unternehmung-blackstones-milliardenabenteuer-auf-hoher-see/60088743.html
5. "Alternativlos"
Red Herring 03.09.2011
Zitat von sysopDroht den Grünen die Entzauberung? Die Umfragewerte sinken kontinuierlich, vor allem bei der Wahl in Berlin droht ein herber Rückschlag. Die Erfolgsverwöhnten dämpfen schon mal vorsorglich die Erwartungen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,783816,00.html
War doch klar, am Ende wählen alle wieder Mutti.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Jürgen Trittin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 120 Kommentare