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Sinkende Umfragewerte: Unterstützung für den Bundespräsidenten schwindet dramatisch

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Das Vertrauen in Christian Wulff geht verloren, seine Umfragewerte stürzen ab. Immer weniger Bürger halten ihn noch für einen tragbaren Bundespräsidenten. Auch viele SPIEGEL-ONLINE-Leser setzen sich kritisch mit der Kredit- und Medienaffäre auseinander - und kommen zu einem klaren Urteil.

Bundespräsident Wulff (am 4. Januar in Berlin): Deutliche Umfrageverluste Zur Großansicht
dapd

Bundespräsident Wulff (am 4. Januar in Berlin): Deutliche Umfrageverluste

"Langsam wird es unerträglich", "Dieser Mann ist so peinlich", "Eine Schande als Repräsentant unseres Volkes": Dutzende solch drastischer Zeilen erreichen die SPIEGEL-ONLINE-Redaktion derzeit jeden Tag, als Teil von Zuschriften aufgebrachter Leser. Die meisten sind sich einig: Für Christian Wulff wird es in der Kredit- und Medienaffäre eng - immer weniger Deutsche vertrauen dem Bundespräsidenten noch.

Kaum genützt hat Wulff offenbar der versuchte Befreiungsschlag vom Mittwochabend, als er sich in einem Interview mit ARD und ZDF zu den Vorwürfen äußerte. Wenig ist zu spüren von dem Zuspruch aus der Bevölkerung, den Wulff während des 21-minütigen Gesprächs mehrfach betont hatte. Mehr als 30.000 SPON-Leser haben sich seitdem an einer nicht repräsentativen Abstimmung beteiligt, fast 70 Prozent halten Wulffs Erklärungen demnach für unzureichend.

Auch sein Bedauern über den Wut-Anruf bei der "Bild"-Chefredaktion nehmen ihm viele Leser nicht ab:

"Würden wir 'Menschen draußen im Lande' einen Nachbarn, der uns am Telefon beschimpft und mit einer Strafanzeige gedroht hat, eine Entschuldigung abnehmen, wenn er sie so geschäftsmäßig vorträgt wie Wulff?", fragt Leser Hans Kratz in einer langen Mail an die Redaktion.

Zwar können die Zuschriften und Abstimmungen der SPON-Leser nicht als repräsentatives Abbild der Stimmung unter der Bundesbürgern gelten. Der subjektive Eindruck, den sie vermitteln, lässt sich jedoch mit Zahlen untermauern. Laut einer ARD-Umfrage schwindet der Zuspruch für Wulff in der Bevölkerung seit Beginn der Woche rapide.

Im "Deutschlandtrend" waren nach Angaben des Senders am Montag noch 63 Prozent der Menschen dafür, dass Wulff weiter im Amt bleibt. Am Mittwoch sprachen sich nur noch 47 Prozent dafür aus. Satte 16 Prozent hat Wulff binnen jener zwei Tage verloren, in denen von seinem wutentbrannten Anruf bei der "Bild" berichtet worden war.

Auch bei den Antworten auf die umgekehrte Fragestellung wächst in der Bevölkerung offenbar der Unmut über das Gebaren des Bundespräsidenten während der Kredit- und Medienaffäre. Waren am Montag noch 34 Prozent für einen Rücktritt des Staatsoberhauptes, so stieg dieser Anteil am Dienstag auf 44 Prozent und am Mittwoch auf 50 Prozent. Die Zahlen erhob die ARD allerdings vor Wulffs Interview-Auftritt zur besten Sendezeit, vergleichbare aktuellere Umfrageergebnisse liegen derzeit noch nicht vor.

Das ganze Ausmaß des Vertrauensverlusts zeigt sich im Vergleich mit den Zahlen der jüngsten Vergangenheit: In der Woche vor Weihnachten, also auch schon mitten in der Kreditaffäre um den Unternehmer Egon Geerkens, hatten sich im ARD-Deutschlandtrend nur 26 Prozent für einen Rücktritt Wulffs ausgesprochen, 70 Prozent hingegen für seinen Verbleib im Amt. Von diesem Zuspruch ist wenig übrig geblieben.

Stattdessen wächst der Unmut über die Hartnäckigkeit, mit der Wulff einen Rücktritt weiter kategorisch ablehnt:

"Wie lange wird er sich noch an den Baumstamm Macht im reißenden Fluss klammern können? Wieso kann er sich in der Opferrolle sehen? (…) Es gibt für ihn jetzt keinen anderen Weg mehr als den des Rücktritts", schreibt Leserin Birgid Geyr.

Ähnlicher Meinung ist, so legt es eine weitere, seit Dienstag laufende Abstimmung nahe, ein großer Teil der SPON-Leser. Mehr als 80 Prozent von rund 29.000 Teilnehmern halten demnach Wulff für nicht mehr tragbar. Nur etwas mehr als fünf Prozent betrachten die Sache nach der Entschuldigung Wulffs für die Anrufe beim Springer-Konzern als erledigt.

ZDF-Politbarometer: Knappe Mehrheit gegen Rücktritt von Wulff

Auch eine Extra-Ausgabe des ZDF-Politbarometers vom Donnerstag zeigt, dass Wulffs Stellungnahme im Fernsehinterview für die meisten Zuschauer nicht überzeugend war. Demnach halten nur noch 35% Bundespräsident Christian Wulff alles in allem gesehen für eher glaubwürdig - und eine Mehrheit von 59% hält ihn eher nicht für glaubwürdig (weiß nicht: 6%). In einer repräsentativen Blitzumfrage hat die Forschungsgruppe Wahlen für den Fernsehsender die Meinung der Bevölkerung ermittelt und 1108 zufällig ausgewählte Bundesbürger telefonisch befragt.

Einen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten fordern laut Politbarometer 43% aller Befragten, 50% meinen, dass er nicht zurücktreten soll und 7% haben dazu keine Meinung. Von denjenigen, die sich jetzt gegen einen Rücktritt aussprechen, meint allerdings gut die Hälfte (53%), dass er dann zurücktreten sollte, wenn weitere belastende Vorwürfe gegen ihn bekannt werden (auch dann nicht: 30%; weiß nicht: 17%).

Wie sehr der Skandal um den Bundespräsidenten das Interesse der Bevölkerung weckt, belegen die Top-Einschaltquoten, die ARD und ZDF mit ihrem Wulff-Interview am Mittwochabend erzielen konnten. Rund 11,49 Millionen Menschen hatten nach Senderangaben am Mittwochabend ab 20.15 Uhr eingeschaltet. Dabei war das Gespräch mit dem Staatsoberhaupt bereits vorher in Auszügen gesendet und als Audio-Mitschnitt im Internet verfügbar gewesen.

Echter Zuspruch für Wulff wird immer seltener, dafür beklagen zahlreiche Leser den Umgang der Presse mit der Affäre rund um den Bundespräsidenten:

"Die Herrn Wulff vorgeworfene Salamitaktik scheint ja eher von der Presse zu kommen, indem man sich jeden Tag neue Fragen einfallen ließ und wohl auch noch lässt. Lasst den Mann bitte seine Arbeit machen und urteilt am Ende seiner Amtszeit", fordert Bernd Adam.

Ähnlich sieht es Stefan Bahs, der in seinem Leserbrief den "Theaterdonner" in der Berichterstattung bemängelt:

"Ob Herr Wulff ein mittelmäßiger Präsident ist, entscheidet das Volk. Im Moment ist er ein Präsident, der von Journalisten zur Hetzjagd freigegeben wurde. Ich frage mich nur besorgt: 'Mit welchem Recht?'"

Insgesamt jedoch schließen sich die Autoren viele Kommentare Leser Hans Kratz an, der seinen Beitrag mit einem Zitat des Liedermachers Mitch Ryder schließt. Dieser hatte vor mehr als 30 Jahren über den damaligen US-Machthaber Ronald Reagan gesungen: "Er ist nicht mein Präsident."

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insgesamt 99 Beiträge
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1. Ausser Merkel wohl keine Unterstützung mehr
max2010 05.01.2012
Zitat von sysopDas Vertrauen zu Christian Wulff*schwindet,*seine Umfragewerte stürzen ab. Immer weniger Bürger halten ihn noch für einen tragbaren Bundespräsidenten. Auch viele SPIEGEL-ONLINE-Leser setzen sich kritisch mit der Kredit- und Medienaffäre auseinander - und kommen zu einem klaren Urteil. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807370,00.html
In meinen Freundes- und Bekanntenkreis (locker mal 60 Personen) die ganz klar den BP Wulff nicht mehr glauben und der Meinung sind das er sein Amt aufgeben soll. Jetzt verhindert er auch noch die Veröffentlichung der Mailbox das Zeigt das er im TV nicht gerade mit der Wahrheit genau war. Verzeihen kann man ihm am besten wenn er sein Amt räumt.
2. Urteil?
zehwa 05.01.2012
Jetzt werden Urteile schon mehrheitlich von Foristen gefällt? Wer am lautesten schreit hat recht? Dümmer geht`s nimmer. Ist Spon so verzweifelt?
3. Merkel
Toronto 05.01.2012
Wulff wird nun auch zum Problem fuer Angelika Merkel und ihre Koalition. Sie kann sich nicht erlauben einen Praesidenten zu unterstuetzen, der seine Ankuendigung von Transparenz schon nach weniger als 24 Stunden aufkuendigt und sich somit zumindest fuer den Buerger mit common sense als Luegner darstellt. Eine Veroeffentlichung der voicemail an Diekmann haette entweder diesen oder Herren Wulff als Luegner entlarvt. Dieser zu widersprechen entlarvt Wulff als unredlich und Luegner.
4. So ist die Günstlingswirtschaft der Merkel mit autokratischen Zügen - wo ist >>>
Roßtäuscher 05.01.2012
Zitat von sysopDas Vertrauen zu Christian Wulff*schwindet,*seine Umfragewerte stürzen ab. Immer weniger Bürger halten ihn noch für einen tragbaren Bundespräsidenten. Auch viele SPIEGEL-ONLINE-Leser setzen sich kritisch mit der Kredit- und Medienaffäre auseinander - und kommen zu einem klaren Urteil. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807370,00.html
unsere Demokratie geblieben, seit diese Agitations- und Propaganda-Künstlerin die Geschicke der Deutschen Nation niederknüppelt. Es schwindet kein Vertrauen in Wulff, der Typ hat keine 5 Minuten mehr im Schloss Bellevue verloren. Wenn er ein reines Gewissen hätte, würde er der Veröffentlichung seines Wutanrufes bei Herrn Diekmann zustimmen. Es ist der Hammer, wie sich Wulff mit linker Tour aus diesem Skandal (es ist jetzt keine Affäre mehr) herauszuwinden versucht. Jetzt lehnen ihn keine 65% der Bevölkerung mehr ab, sondern bestimmt 98,9%, der Rest ist der Bodensatz des CDU-Schlammes. Damit ist auch die Merkel nicht mehr tragbar als Kanzlerin. Die hat sofort zurückzutreten. Was hat eine Regierungschefin mit dieser Einstellung und Unvermögen noch im Kanzleramt verloren. Man darf jetzt gespannt sein wie ein fast auseinander brechender Pfeilbogen, wie sich die Opposition auch gegenüber dieser Merkel jetzt verhalten wird.
5. klare ablehnung
chinataxi 05.01.2012
ich kann diese "repräsentativen" umfragen nciht nachvollziehen. Alle, die ich im Bekanntenkreis und unter Verwandten gefragt habe sind für den Rücktritt von Wulff.
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