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Sinti und Roma: Asylbewerberwelle vom Balkan beunruhigt Länder

Immer mehr Menschen aus Serbien und Mazedonien beantragen in Deutschland Asyl, vor allem Sinti und Roma. Nach SPIEGEL-Informationen sorgen sich die Innenminister der Länder über den wachsenden Zustrom - zumal bald die Visumpflicht für Albaner und Bosnier fällt.

Zaun eines Asylbewerberheims (bei Boizenburg, 2010): "Nur mit Bedenken" Zur Großansicht
DPA

Zaun eines Asylbewerberheims (bei Boizenburg, 2010): "Nur mit Bedenken"

Berlin - Wer aus Serbien und Mazedonien in die Europäische Union einreisen will, braucht dafür seit diesem Jahr kein Visum mehr. Doch nicht nur Touristen nutzen die einfachen Reisemöglichkeiten, sondern auch eine steigende Zahl von Asylbewerbern, vor allem Roma. Die Zahl der Asylanträge serbischer Staatsbürger stieg von 129 im Juli auf 800 im September, also um das Sechsfache. Bei Mazedoniern kletterten die Zahlen im selben Zeitraum von 107 auf 521.

Insgesamt waren es in den ersten neun Monaten dieses Jahres rund 3000 Antragsteller aus den beiden Balkanstaaten - und nahezu ausnahmslos wurden die Anträge von den deutschen Behörden als unbegründet abgelehnt. Die Innenminister der Bundesländer befürchten trotzdem einen weiter steigenden Andrang von Roma aus Südosteuropa nach Deutschland. Die bayerische Europaministerin Emilia Müller (CSU) hat bereits den serbischen Innenminister Ivica Dacic aufgefordert, für ein Ende des Asylantenzustroms zu sorgen: Die Anträge seien vergeblich, weil in Serbien niemand politisch verfolgt werde.

Gleich mit dem Antrag beziehen die Antragsteller allerdings staatliche Leistungen, also Unterkunft und Verpflegung - bei einer Hilfsform hat sich allerdings nun etwas geändert: Vor sechs Wochen einigten sich Bund und Länder darauf, die Rückkehrhilfe in Höhe von 400 Euro pro Erwachsenen und 200 Euro pro Kind für Asylsuchende aus diesen Ländern zu streichen - weil "nicht auszuschließen ist, dass die Beihilfe der eigentliche Grund für die Einreise war", so ein Sprecher des Bundesinnenministeriums.

Polizisten beklagen außerdem einen Anstieg der Kriminalität im Zuge der verstärkten Zuwanderung. Weil nun auch die Visumpflicht für Albaner und Bosnier wegfällt, fürchten Experten eine Verstärkung des Problems. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der "nur mit Bedenken" der Aufhebung der Visumpflicht zugestimmt hatte, kündigte bereits an, die Entwicklung beobachten zu wollen.

Schon heute sind zahlreiche Aufnahmeeinrichtungen für Asylbewerber überfüllt. "Der Druck ist überall groß", bestätigt ein Sprecher der Hamburger Ausländerbehörde. Und Nordrhein-Westfalen erwägt, wegen "der seit Mitte des Jahres enorm angestiegenen Asylbewerberzahlen" eine "zweite Erstaufnahmeeinrichtung in Bielefeld" zu eröffnen. Im sächsischen Schneeberg wird derweil eine leer stehende Gebirgsjägerkaserne übergangsweise als Heim für die Asylbewerber reaktiviert. Weil die Unterkunft in Chemnitz aus allen Nähten platzt, sollen 300 Sinti und Roma, vor allem aus Mazedonien, in dem Erzgebirgsort unterkommen.

Wie auf eine mögliche massenhafte Einreise von Roma aus Südosteuropa reagiert werden soll, wollen de Maizière und die Landesinnenminister auf ihrer Tagung in der kommenden Woche in Hamburg beraten. Auch in Schweden, Belgien, den Niederlanden oder Österreich hatte es in den vergangenen Monaten stark steigende Zahlen von Asylbewerbern vom Balkan gegeben.

chs

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 261 Beiträge
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1. Warum
heinz4444 13.11.2010
Warum sollten sich die Innenminister sorgen? Diese Bereicherung unserer Kultur war doch bisher immer gewollt!
2. Ach....
Liberalitärer, 13.11.2010
Zitat von sysopImmer mehr Menschen aus Serbien und Mazedonien beantragen in Deutschland Asyl, vor allem Sinti und Roma. Nach SPIEGEL-Informationen sorgen sich die Innenminister der Länder über den wachsenden Zustrom - zumal bald die Visumpflicht für Albaner und Bosnier fällt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729006,00.html
Alternativlos wegen dem Fachkräftemangel, der Notwendigkeit der europäischen Einigung und dem Erhalt des Euro.
3. Bielefeld
bauern-cop 13.11.2010
Zitat von sysopImmer mehr Menschen aus Serbien und Mazedonien beantragen in Deutschland Asyl, vor allem Sinti und Roma. Nach SPIEGEL-Informationen sorgen sich die Innenminister der Länder über den wachsenden Zustrom - zumal bald die Visumpflicht für Albaner und Bosnier fällt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729006,00.html
"Und Nordrhein-Westfalen erwägt, wegen "der seit Mitte des Jahres enorm angestiegenen Asylbewerberzahlen" eine "zweite Erstaufnahmeeinrichtung in *Bielefeld*" zu eröffnen." Na, da werden sich die Bürger der (dann ehemals) 'sichersten Großstadt über 100.000 Einwohner' über ihre *zweite* Erstaufnahmeeinrichtung und die damit erfahrungsgemäß einhergehender Steigerung der Kriminalitätszahlen sicher sehr freuen.
4. .
Mollari, 13.11.2010
Zitat von sysopImmer mehr Menschen aus Serbien und Mazedonien beantragen in Deutschland Asyl, vor allem Sinti und Roma. Nach SPIEGEL-Informationen sorgen sich die Innenminister der Länder über den wachsenden Zustrom - zumal bald die Visumpflicht für Albaner und Bosnier fällt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729006,00.html
Oh, so früh fangen die Herren Politiker an sich Sorgen zu machen oder aber nachzudenken! Wirklich Großartig!
5. antworten
Coz, 13.11.2010
Die Naivität unserer pol. Entscheidungsträger ist nicht mehr zu ertragen: "Die bayerische Europaministerin Emilia Müller (CSU) hat bereits den serbischen Innenminister Ivica Dacic aufgefordert, für ein Ende des Asylantenzustroms zu sorgen" Was soll denn der serb. Innenminister machen? Der kann nichts machen, jeder weiß das, aber Hauptsache auf das Wahlvolk den Eindruck machen, die Politik könnte hier in irgendeiner Art steuernd eingreifen. Auuserdem sind die Serben froh, wenn sie die Leute los sind, das ist nun mal so. Fachkräfte und Akademiker sind das nicht, die da kommen. Wenn Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU!), "Bedenken" bzgl. der Aufhebung der Visumpflicht hat, warum setzt er dann die Bedenken nicht im Interesse des deutschen Volkes um? Was will er denn da noch beobachten? Wenn die Leute mal hier sind, bleiben sie hier. Die lassen sich ihren Teil vom großen (Sozialstaats-)Kuchen nicht mehr nehmen, dafür sorgt schon allein eine sehr starke politische Lobby in diesem Land. Es ist zum verzweifeln.
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Sinti und Roma in Deutschland
Unterschied zwischen Sinti und Roma
Roma ist ein Sammelbegriff für Volksgruppen, die im Volksmund häufig noch heute als Zigeuner bezeichnet werden. Diesen Begriff lehnen Angehörige der Minderheit als diskriminierend ab. Als Sinti bezeichnen sich Angehörige einer Gruppe, die eine eigene Kultur und Sprache besitzt und deren Vorfahren vermutlich vor rund 600 Jahren in deutschsprachiges Gebiet einwanderten. Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert aus ost- und südosteuropäischen Ländern nach Deutschland gekommen sind, nennen sich Roma.
Situation heute
Bundesweit wird die Zahl der Sinti und Roma mit deutscher Staatsangehörigkeit auf etwa 70.000 geschätzt. Neben Deutsch sprechen sie ihre eigene Minderheitensprache Romanes. In Südost- und Osteuropa leben kaum Sinti, sondern verschiedene Roma-Gruppen.

Vor allem in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen Flüchtlinge, Vertriebene und Arbeitsmigranten mit Roma-Zugehörigkeit nach Deutschland. Genaue Zahlen gibt es nicht, da amtliche Statistiken die ethnische Herkunft nicht erfassen. Unicef rechnet allein aus dem ehemaligen Jugoslawien mit 50.000 Roma-Flüchtlingen, darunter 20.000 Kinder. Viele von ihnen sind von der Abschiebung bedroht und erhalten nur eine begrenzte oder gar keine Aufenthaltsgenehmigung.

Darüber hinaus leben nicht eingebürgerte Roma aus Südosteuropa in Deutschland. Die überwiegende Mehrheit dieser von der Abschiebung bedrohten Flüchtlinge erhält nur eine begrenzte oder gar keine Aufenthaltsgenehmigung.

In Osteuropa leben Roma auch in EU-Ländern oft in besonders prekären Verhältnissen. Durch das Recht auf Freizügigkeit können sie innerhalb der EU reisen.

Herkunft
Die Geschichte der Roma ist nicht eindeutig geklärt. Ihre Vorfahren verließen vor etwa tausend Jahren ihre Ursprungsheimat, die der Sprachforschung zufolge im heutigen Nordwestindien und Pakistan liegt. Historiker gehen davon aus, dass Roma auch als Sklaven verschleppt wurden. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma in fast allen europäischen Ländern urkundlich erwähnt. Entgegen gängiger Vorurteile ist die Mehrheit der Roma in Europa heutzutage sesshaft.
Verfolgung und Diskriminierung
Seit dem Spätmittelalter sahen sich Roma immer wieder Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt. Ihnen wurden Berufsverbote auferlegt, und sie wurden vertrieben. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach der Abschaffung der Leibeigenschaft in Moldawien und in der Walachei vermehrt Roma nach Deutschland kamen, reagierte der Staat mit scharfen Maßnahmen. So gab es eine polizeiliche Erfassung, zum Beispiel durch die bayerische "Zigeunerpolizeistelle".

In der NS-Zeit wurden Roma Opfer des Rassenwahns und starben in Konzentrationslagern. Da viele Morde nicht registriert wurden, lässt sich die Zahl der Opfer nur schwer ermitteln. Forschungen zufolge starben mindestens 90.000 Roma. Schätzungen gehen aber sogar von bis zu 500.000 Todesopfern aus. Allein in Deutschland wurden in der NS-Zeit 24.000 deutsche Sinti als "Zigeuner" stigmatisiert, zwei Drittel bis drei Viertel von ihnen wurden ermordet. Erst ab den achtziger Jahren wurde die systematische Ermordung der Roma in der Bundesrepublik aufgearbeitet.

Am 1. Februar 1998 trat das Rahmenabkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft, mit dem auch die deutschen Sinti und Roma als Minderheit anerkannt wurden.



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