Sinus-Studie zu Migranten: Einwanderer-Elite beflügelt Deutschland

Von Franz Walter

2. Teil: Wie die Migranten die deutsche Gesellschaft beurteilen

Vorangegangene Studien des Sinus-Instituts haben darauf aufmerksam gemacht, wie stark die negative Individualisierung im Alltag der bundesdeutschen Unterschichten bereits vorangeschritten ist. Die früheren Solidaritätsnetze in den ehemaligen industriellen Arbeiterquartieren werden seit rund 30 Jahren für diese neumarginalisierten Schichten nicht mehr geknüpft. Und so ist dort die apathische Vereinzelung an die Stelle der engagierten Kollektivität getreten. Dergleichen allerdings findet man in der Migration nicht, gleichviel um welches Milieu es sich handelt. Die Zahl der Sozialkontakte und Gesellungen liegt überall hoch. Ob diese Formen milieubezogener Vergemeinschaftungen die Energien zur Integration befördern oder aber eher eigenkulturellen Eskapismus verstärken, ist indes eine Frage, der die Sinus-Forscher nicht weiter nachgegangen sind.

Auffällig ist auch, dass nahezu sämtliche Migrationsgruppen die geringen Integrationsbemühungen der Mehrheitsgesellschaft beklagen. Insgesamt aber vermitteln die Sinus-Forscher ein eher positives Bild über die Integrations- und Zugewinnpotentiale der Einwanderung. Mehr noch: Die Studie legt den Schluss nahe, dass aus der Migration heraus entscheidende produktive und innovative Kerne für die deutsche Gesellschaft erwachsen.

Insgesamt nämlich liegt die Leistungs- und Einsatzbereitschaft in Migrationgruppen deutlich höher als in der "autochthonen deutschen Bevölkerung". Vor allem aber bildet sich, der Studie zufolge, in den "intellektuell-kosmopolitischen" und "multikulturellen Performermilieus" eine neue, für das 21. Jahrhundert formative Elite heraus. Deren Träger sind stolz auf ihre Bikulturalität, ihre Vertrautheit mit mehreren Sprachen, ihren intimen Bezug zu heterogenen Philosophien. Aus diesem mehrdimensionalen Erfahrungsreichtum ziehen sie Kraft, Kreativität und Kritik. Eben damit aber, so Sinus, repräsentieren sie die Leitavantgarde der entgrenzten, kulturell spannungsreichen Weltgesellschaft der Postmoderne.

Insofern könnte alles bestens sein. Besorgte Gemüter, die den Bericht lesen, dürften danach weniger ängstlich gestimmt sein, was die Folgeprobleme von Einwanderung angeht. Auch sonst: Politik kommt in der Studie nicht vor, Islamismus ebenfalls nicht; selbst religiöse Fundamentalitäten bleiben auf archaische, im Grunde absehbar auslaufende Milieus beschränkt. Im Off dieses Migrationporträts hört man den beruhigenden Refrain der optimistischen Modernisierungserwartung: Mit dem sozialen Aufstieg und höheren Bildungsabschlüssen entledigen sich die Menschen ihrer alten Götter, Mythen und Magier.

Trotzig-rebellische Underdogs

Leider stört bei dieser schönen zivilgesellschaftlichen Säkularisierungserzählung die Migrationskohorte der zweiten und dritten Generation. Bei Sinus firmiert diese Gruppe als "hedonistisch-subkulturelles Milieu". Natürlich ist dies der eigentlich spannende Lebenszusammenhang. Es ist das Milieu der jungen Menschen, deren ganze bisherige Lebensgeschichte sich in Deutschland abspielte und die sich dennoch fremd im Land fühlen. Die meisten sind keineswegs schlecht ausgebildet, viele gar gut und besser. Doch weigern sie sich vehement, in der deutschen Mehrheitsgesellschaft aufzugehen, also zu assimilieren. Sie wollen sich nicht einpassen, reagieren rebellisch, unangepasst, trotzig, schlüpfen extrovertiert in die Rolle des Underdogs, begehren gegen Autoritäten auf. Die Sinus-Forscher haben mit diesem Milieu ersichtlich Probleme; es passt nicht so recht in ihr zukunftszuversichtliches Modernisierungsschema. Und so wird der stilistische Auftritt dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen fast ein bisschen beleidigt als "narzisstisch" abqualifiziert.

Indes rührt der vermeintliche "Narzissmus" aus realen Demütigungserfahrungen. Die Zugehörigen dieser Kultur sind die einzigen aus dem Migrationskontext, die durchweg in Deutschland geboren wurden, dort mit dem demokratischen Versprechen einer offenen und fairen Chancengesellschaft groß geworden sind. Doch sind etliche Erwartungen enttäuscht und Zugangsmöglichkeiten versperrt worden. Das aber ist nachgerade die klassische Konstellation für Protest, für Gegenkultur und auch Gewalt.

Natürlich: Diese Eigenkultur ist unzweifelhaft modern, aber sie akkulturalisiert mindestens Fragmente einer familiär noch gespeicherten Traditionalität, der Erinnerung an Ethnie und religiösen Eigensinn, um sich von der verhassten Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen und eine eigene, schwierig gefügte Identität zu finden. Hier kommt dann für keineswegs wenige - durchaus auch für solche mit Abitur und Studium - der Islam eben doch zurück ins Spiel. Und so dürfte es sich auch für die Sinus-Forscher lohnen, den Blick darauf künftig etwas mehr zu schärfen.

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Sinus-Studie: Das bunte Bild der Migration
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