Sinus-Studie zu Migranten Einwanderer-Elite beflügelt Deutschland

Einwanderer sind bereit, mehr und härter zu arbeiten - und haben damit Erfolg: Nach einer neuen Sinus-Studie zählen heute viele Migranten zu einer Elite. Doch etliche wollen sich nicht einpassen, reagieren rebellisch, unangepasst, trotzig.

Von Franz Walter


Göttingen - Es hat verblüffend lange gedauert. Aber nun liegt sie vor: Eine erste umfassende Lebensweltanalyse der "Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland 2007". Entstanden ist die Untersuchung bei den Experten der Lebensstil- und Einstellungsforschung im Heidelberger Institut Sinus Sociovision. Dort wird seit 30 Jahren die deutsche Gesellschaft nach Lebenszusammenhängen von Menschen mit ähnlichen Werten, Verhaltensweisen, Lebensauffassungen kartografiert. Die Sinus-Forscher berücksichtigen dabei nicht nur soziale Ungleichheiten, sondern auch die Gegensätze unterschiedlicher Sozialisationsprägungen in den einzelnen Etappen der bundesdeutschen Geschichte.

So lassen sich in der Tat recht einleuchtend die kulturellen Ungleichzeitigkeiten gleichzeitig auftretender Lebensformen in einer Gesellschaft erklären. Und daher hat zunächst die Politik zwecks Optimierung von Wahlkampfstrategien auf solcherlei Milieu- und Zielgruppenanalysen zugegriffen. Dann bediente sich (mit auch weiterhin ungebrochener Nachfrage) die Werbewirtschaft dieser Expertisen. Zuletzt hatte gar die geschichtsmächtige katholische Kirche bei den Sinus-Leuten um eine Milieustudie gebeten, welche dann auch höchst bemerkenswert ausfiel und die im Grunde schwer bewegliche Großorganisation des institutionalisierten Christentums im Inneren überraschend stark aufrührte.

Daher erwarteten viele mit einiger Spannung die Ergebnisse des neuesten Projekts der Heidelberger, eben die Exploration der Migrantenmilieus in Deutschland. Seit heute sind die Ergebnisse öffentlich. Wir erfahren von acht verschiedenen Lebenswelten innerhalb der Migration:

  • Religiös-verwurzeltes Milieu
  • Traditionelles Gastarbeitermilieu
  • Statusorientiertes Milieu
  • Entwurzeltes Milieu
  • Intellektuell-kosmopolitisches Milieu
  • Multikulturelles Performermilieu
  • Adaptives Integrationsmilieu
  • Hedonistisch-subkulturelles Milieu

Im Ganzen hat man gewiss schon überzeugendere, differenziertere Studien aus Heidelberg vorgelegt bekommen. Das Problem ist, dass die in 30 Jahren ausgefeilten und bewährten Milieumuster für die bundesdeutsche Gesellschaft den Migrationsgruppen gleichsam übergestülpt wurden. Zwar hat man bei den Milieubezeichnungen hier und da einige Nuancen verändert, aber im Kern haben die Forscher auf die bislang angenehm hilfreichen Begriffsinstrumente der erprobten Zuordnungen und Charakteristika nicht verzichten wollen. Und so wirken viele Interpretationen nahezu trivial; so erscheint die Migration wie ein bloßes Spiegelbild, fast wie eine Dopplung mehrheitsdeutscher Wertemilieus. "Traditionalisten" sind hier wir dort fleißige, sparsame, anpassungsbereite Menschen. Die bürgerliche Mitte der Mehrheitsgesellschaft ist wie das statusorientierte Milieu der Migration durch und durch aufstiegsorientiert, ehrgeizig, auf Ansehen, Prestige und vor allem das Fortkommen der Kinder aus. Die "postmaterialistisch" geprägten Menschen der altbundesdeutschen Gesellschaft geben sich wie intellektuell-kosmopolitische Türken gleichermaßen tolerant, weltoffen, emanzipatorisch, kritisch.

Doch spätestens hier fragt man sich, ob es ein eigenständiges Migrationsmilieu dieser Facon überhaupt gibt. Mit ähnlichen Bedenklichkeiten begegnet man dem sogenannten "Multikulturellen Performermilieu" innerhalb der Zuwanderung, das sich in seinen Orientierungen, Lebensweisen, Ausbildungsprofilen - akademisch, individualistisch, hochmobil und leistungsambitioniert - wenig oder gar nicht von dem bei Sinus als "Moderne Performer" bezeichneten Milieu der Entrepreneurs und Start-ups mehrheitsgesellschaftlicher Herkunft unterscheidet. Viel spricht infolgedessen dafür, dass wir es hier mit lediglich einem in Codes, Kontakt- und Freundschaftskreisen identischen Milieu zu tun haben. Übrigens: Man könnte einen solchen Milieubildungsprozess auch Integration nennen.

Archaisch versus kosmopolitisch

Einzig das über etliche Generationen gewachsene und kulturell elitär distinkte Etabliertenmilieu des deutschen Bürgertums findet in dieser Topografie naturgemäß keine Entsprechung innerhalb der Zuwanderergruppen. Insofern fällt die Sozialhierarchie in der Migration flacher aus als in der Mehrheitsgesellschaft. In der Einwanderung fehlen die Großbourgeoisie und auch eine breite Schicht überlieferter Bildungsbürgerlichkeit. Kulturell dagegen ist die Spreizung zwischen den Milieus auch aus einem gemeinsamen Herkunftsland erheblich größer als im Kern der Aufnahmegesellschaft. In der türkischen Einwanderung findet man auf der einen Seite ein archaisches, bäuerlich geprägtes religiöses Milieu, betont antiindividualistisch und modernitätskritisch, mit entschieden patriarchalischen Zügen sowie extrem geringer Neigung, sich auf die majoritären Lebensweisen des gesellschaftlichen Kontextes einzulassen. Auf der anderen Seite hat sich eine neue, hochmoderne, junge und urbane türkische Elite herauskristallisiert, die sich von den Normen der ursprünglichen Heimat innerlich weitgehend gelöst hat, kosmopolitische Ansichten vertritt und auch im persönlichen Beziehungsbereich Offenheit und Emanzipation zu praktizieren versucht.

Das "religiös-verwurzelte Milieu" und die "entwurzelten Flüchtlingswelten" bilden die Sorgenkinder bundesdeutscher Integrationspolitik. Nur in diesen beiden Milieus hat sich die elementare Sehnsucht nach Rückkehr in die Heimatländer noch nicht verflüchtigt. Hier sind die zum Teil aggressiven Abschottungstendenzen gegen andere kulturelle Einflüsse am stärksten. Bemerkenswert ist, dass die mediale Modernität ihnen dabei hilft, den zähen Rückblick auf die Traditionalität zu konservieren. Man schaut viel fern - aber nutzt allein die Programme der vormaligen Heimatländer, bleibt somit der Muttersprache und der Ausgangskultur verhaftet.

Der amerikanische Traum

Dass die Welt der alten Arbeiterbewegung untergegangen ist, lässt sich auch in der Migration pointiert beobachten. Allein das "traditionelle Gastarbeitermilieu" verkörpert die klassischen Tugenden proletarischer Solidarität und Organisationsfreude. Der Wert der "sozialen Gerechtigkeit" spielt hier eine überragende Rolle. Doch zerbröselt dieses Milieu, ohne Chance der Regeneration. Die meisten Zugehörigen dieser Lebenswelt sind mittlerweile (weit) über 50 Jahre alt, schon im Vorruhestand oder in der Rente. Sie nutzen immer noch überdurchschnittlich viel Kurse in der Volkshochschule, sind trotz aller erlittenen Entbehrungen in einem arbeitssamen, unzweifelhaft hartem Leben auffällig zufriedene Menschen, hilfsbereit und warmherzig.

Aber in einigen Jahren wird dieser Milieutypus verschwunden sein. Denn nicht ganz wenige Kinder aus diesen arbeitsstolzen, disziplinierten "Gastarbeiterfamilien" haben einen Teilaufstieg geschafft. Und sie sind nun so wie die "neue SPD" der ebenfalls schulisch und beruflich Avancierten: Etwas streberhaft, ehrgeizig, jederzeit weiterbildungsbereit, um so noch eine Stufe nach oben zu klettern. Aber es ist nicht die frühere kollektiv-proletarische Emanzipationsidee, von der sich dieses "statusorientierte Milieu" leiten lässt, sondern gewissermaßen der "amerikanische Traum" vom fleißigen Einzelnen, der sich beharrlich den Weg nach ganz oben bahnt. Und wie die Neumittigen in der SPD hat man sich von den Zurückgelassenen unten entkoppelt, schaut zum Teil mit Verachtung auf diejenigen herunter, denen Anpassung und Eingliederung in die bundesdeutsche Wettbewerbsgesellschaft nicht gelungen sind.

Das scheint insgesamt ein Aufsteigersyndrom zu sein, ob in Mehrheits- oder Minderheitslebenswelten. Auch im "intellektuell-kosmopolitischen Milieu" gehört es trotz aller weltoffenen Gebärden zur Alltagsattitüde, sich süffisant von den "Geschmacklosigkeiten" und "Primitivitäten" in der Lebensgestaltung unterer Schichten abzugrenzen. Die Mittelschichtmilieus der Einwanderung achten im übrigen sorgfältig darauf, sich in solchen Wohnvierteln anzusiedeln, wo der Ausländeranteil gering ist.

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