Streit über Tweets: Wenn es selbst Piraten peinlich wird

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Piratin Birgit Rydlewski twittert über Fußprobleme, Fieber, Sex und Müdigkeit im Parlament. Die Fraktionsspitze ist genervt - doch die Piratin verteidigt ihre Freizügigkeit. Hinter dem Streit steckt die grundsätzliche Frage, ob Politiker überhaupt Privates in die Welt posaunen sollten.

Twitteraccount der Abgeordneten Rydlewski: Wie privat dürfen Piraten sein? Zur Großansicht
dapd

Twitteraccount der Abgeordneten Rydlewski: Wie privat dürfen Piraten sein?

Berlin - Ihr öffentliches Image hat Birgit Rydlewski, 42, Berufsschullehrerin und Piraten-Abgeordnete im Düsseldorfer Landtag, jetzt weg - und zwar kein schmeichelhaftes. "Twitter-Luder" wird sie von der "Bild"-Zeitung genannt, in der ZDF-Satiresendung "Heute Show" rezitierte eine Schauspielerin "die erschütterndsten Gedankenergüsse" Rydlewskis mit Grabesstimme.

Gehässige Gemüter könnten nun sagen: Herrgott, ein Pirat im Parlament, der sich daneben benimmt, das ist ja nun nicht so überraschend. Doch der Fall Rydlewski ist interessanter, an ihm entzünden sich in der Partei Diskussionen über grundsätzliche Fragen. Etwa darüber, wie die Piraten mit sich, der Außenwelt und ihrer politischen Verantwortung umgehen. Wie viel Privates gehört in die Politik? Wann wird zu viel Privates peinlich?

Die Dortmunderin twittert gern und viel - und besonders gern viel Privates. Das hat sich nicht geändert, seit sie im Mai für die Piraten in den Landtag zog. Ende August sorgten ihre Kurznachrichten über ungeschützten Sex und einen anschließenden HIV-Test für Empörung. Jüngst soll Rydlewski über "Langeweile" im Parlament geklagt haben. Sie selbst sagt, sie habe nie von Langeweile geschrieben, sondern von Müdigkeit nach einem Zwölf-Stunden-Plenum ("Tage, an denen man sich am liebsten wieder schlafen legen will").

Der Original-Tweet stammt nachweislich von einer anderen Twitterin, er wurde von Rydlewski retweetet und kommentiert. Doch als sie wenig später die irritierende Aussage nachschob, sie würde gern an ihrem Fraktionskollegen Michele Marsching "lecken", spielten die Feinheiten des Twitter-Mikrokosmos schon keine Rolle mehr. Die meisten der pikanten Sprüche hat Rydlewski gelöscht.

"Jeden Sinn verloren"

Der Fall der NRW-Piratin stürzt die Piraten in ein Definitionsdilemma. Menschlich, mit Schwächen, nah an den Bürgern - so wollen die Piraten gesehen werden, im Wahlkampf und im Parlament. Sie plakatieren "echte Gesichter", das einstige Aushängeschild Marina Weisband findet weinende Politiker okay. "Sie sollten thematisieren, wenn sie überfordert sind. Dass sie nie ausgeschlafen sind, dass ihr Privatleben leidet", sagte sie im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Doch zu viel Offenheit kann schnell ins Unprofessionelle und Peinliche kippen, etwa wenn sich Wähler ernsthaft über die Arbeit ihrer Abgeordneten im Netz informieren wollen. "Sie haben jeden Sinn dafür verloren, wie ihr Verhalten von den Menschen wahrgenommen wird", zürnt eine Kommentatorin auf Rydlewskis Blog. "Haben uns die Menschen denn wirklich dafür gewählt, möglichst schnell zu werden, wie die anderen Politiker?", verteidigt sich die Abgeordnete.

Die Kommunikationswelt der Piraten war schon immer eine voller Kalauer und Insider-Witze. Doch es stellt sich die Frage, ob man diese Welt im Parlament wirklich vermisst hat. Es gibt Berliner Piraten-Abgeordnete, die jagen mittags um zwölf nur ein Wort über ihren Account: "Penis". Auch der "Lecken"-Tweet Rydlewskis fußte auf einem "Meme", also einem Running Gag im Netz, der sich in Windeseile verbreitet und genauso schnell wieder verschwindet.

Viele Piraten nutzen sexuelle Begriffe auch bewusst politisch, um gegen das aus ihrer Sicht verlogene Verhältnis der Öffentlichkeit zur Privatsphäre zu protestieren oder falsche Schönheitsideale anzuprangern. Piratinnen treffen sich am Wochenende zum Backen von "Vulva-Cupcakes" und sprechen darüber in "Zeit"-Interviews. Bei einem parteiübergreifenden Frauen-Panel wurde das Foto eines solch exotischen Küchleins über einen offiziellen SPD-Account getwittert. Verstörte Reaktionen folgten prompt.

Bei allem virtuellen Müll, den die Piraten so im Netz produzieren, halten einige sogar das Versprechen vom gläsernen 24-Stunden-Abgeordneten, sie podcasten, twittern, bloggen über Ausschüsse und Arbeitsalltag. Im besten Fall bringen die Piraten also Abwechslung und Mehrwert in die steife "Hallo Cloppenburg, herzlich, Ihr Abgeordneter"-Kultur im Internet. Doch oft genug geht die maximale Offenheit daneben - in Form von antisemitischen Tweets von Kreisvorständen oder frauenfeindlichem Getöse ("Tittenbonus").

Nachspiel im Ältestenrat

Bei Rydlewski ging es richtig daneben, sagen einige Fraktionskollegen. Sie hätte vorsichtiger sein müssen, heißt es - angesichts mauer Umfragewerte können die Piraten frische Skandälchen kaum gebrauchen. Der Fall wird wahrscheinlich im Ältestenrat landen, Fraktionschef Joachim Paul schrieb, er sei "unglaublich wütend und verärgert" und fände "Frau Rydlewskis Verhalten reichlich naiv, unangemessen und unangebracht". Die Reaktion sorgt nun für neuen Zwist. Klaus Peukert, Mitglied im Bundesvorstand, schimpfte, Paul habe seiner Fraktionskollegin öffentlich "das Messer in den Rücken" gerammt.

Und Rydlewski selbst? Sie erreicht man am Dienstag mit Fieber im Bett. "Ich bereue nichts, aber ich denke natürlich über die Kritik nach", sagt sie SPIEGEL ONLINE. In den nächsten Tagen wolle sie wie geplant eine Vollzugsanstalt und eine Veranstaltung gegen Frauengewalt besuchen, "einfach weiter meine Arbeit machen". Die Aufregung habe sie überrascht, sagt die 42-Jährige. Sie sieht auch ein Problem speziell im Umgang mit Frauen in der Politik. "Bei einem Mann hätte es wahrscheinlich keinen Aufstand gegeben", meint sie. Auch lässt sie anklingen, sie wünsche sich mehr Unterstützung ihrer Kollegen.

Dass aus der Pannenserie auf Twitter kein handfester Fraktionskrach wird, liegt nun bei der 20-köpfigen NRW-Fraktion. Persönlich gesprochen haben Fraktionschef Paul und die Abgeordnete Rydlewski seit Ende vergangener Woche übrigens kein einziges Mal miteinander.

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insgesamt 120 Beiträge
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1. Kann es
felisconcolor 14.11.2012
Zitat von sysopPiratin Birgit Rydlewski twittert über Fußprobleme, Fieber, Sex und Müdigkeit im Parlament. Die Fraktionsspitze ist genervt - doch die Piratin verteidigt ihre Freizügigkeit. Hinter dem Streit steckt die grundsätzliche Frage, ob Politiker überhaupt Privates in die Welt posaunen sollten. Skandal über Piratin Rydlewski: Wie privat dürfen Piraten sein? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/skandal-ueber-piratin-rydlewski-wie-privat-duerfen-piraten-sein-a-867110.html)
sein das die Dame ihren Job nicht so wirklich verstanden hat. Sicher dürfen Politiker privates in die Welt hinaus posaunen, wenn es ihnen denn Spass macht. Aber der Ort wo sie das tun sollte ihnen nicht egal sein. UND sich mit der demokraischen Entscheidung vertraut machen das es vielleicht doch nicht allen gefällt. Und dann heisst es auch mal Klappe halten
2. Männer
Arno Nühm 14.11.2012
---Zitat--- "Bei einem Mann hätte es wahrscheinlich keinen Aufstand gegeben", meint sie. Auch lässt sie anklingen, sie wünsche sich mehr Unterstützung ihrer Kollegen. ---Zitatende--- Hah! Hätte ein Mann getwittert, er würde gerne an einer Fraktionskollegin lecken, dann wäre er aber sowas von aus dem Amt geflogen, da könnte er froh sein, wenn er noch nicht rechtskräftig wegen sexueller Belästigung in besonders schwerem Fall verurteilt worden wäre.
3. Und?
der_pirat 14.11.2012
Was hat der Wähler erwartet? Kann es sein, dass Menschen, die im Leben nichts erreicht haben auch in der Politik nichts erreichen werden? Aber welchen Piraten juckt schon ein CV?
4. optional
Ischi 14.11.2012
Es kommt auf das an was hinten bei raus kommt, nicht auf die Äusserlichkeiten, Die Medien hypen die Story aus purem Neid vor der neuen Kraft im Bundestag.
5. Nix Neues, oder?
Horst Pelzig 14.11.2012
Elend peinliche "Versager" gibt es in jeder Partei. Bei den Piraten/Grünen sog. Studienabbrecher, beim Rest sog. "Anwälte" oder "Staatsdiener", die fest im Sattel sitzen.
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