Skandalfotos Bundeswehr sorgt sich vor islamistischen Racheakten

Die Fotos entsetzen Bundesregierung und Bundeswehr gleichermaßen: Deutsche Soldaten in Afghanistan ließen sich mit einem Totenschädel fotografieren und zeigten dabei obszöne Gesten. Die Führung befürchtet nun Reaktionen von Islamisten.

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Berlin - Eigentlich wollte Verteidigungsminister Franz-Josef Jung heute Vormittag ausgiebig über das Weißbuch sprechen, das das Bundeskabinett kurz zuvor im "Stauffenberg"-Saal im Verteidigungsministerium verabschiedet hatte. Doch seit der Minister gestern von der "Bild"-Zeitung um eine Stellungnahme zu den Skandal-Aufnahmen deutscher Afghanistan-Soldaten angefragt worden war, dämmerte den Verantwortlichen im Bendler-Block: das 133 Seiten starke Konvolut zur Sicherheitspolitik Deutschlands würde in den Hintergrund gedrängt. Dafür waren die Bilder zu eindrücklich, die das Blatt heute auf Seite 1 und 2 abdruckte. Sie zeigen deutsche Soldaten 2003 auf einer Patrouillenfahrt in Afghanistan, wie sie mit zum Teil obszönen Gesten einen Totenschädel präsentieren.

Außenminister Steinmeier und Verteidigungsminister Jung: Abscheu und Entsetzen.
DPA

Außenminister Steinmeier und Verteidigungsminister Jung: Abscheu und Entsetzen.

Auch auf der Sitzung der Regierung, die wegen der Verabschiedung des ersten Weißbuches seit 1994 extra in die Berliner Außenstelle des Verteidigungsministeriums verlegt worden war, waren die Bilder ein Thema. Seine Kollegen hätten wie er mit "Abscheu und Entsetzen" darauf reagiert, schilderte Jung die Reaktionen im Kabinett.

Gleich zu Beginn seiner Pressekonferenz schlug der Verteidigungsminister harte Worte an: "Wer sich so verhält, der hat in der Bundeswehr keinen Platz." Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren, zwei Verdächtige seien bereits vernommen worden, einer gehöre der Bundeswehr inzwischen nicht mehr an. Bei den Ermittlungen wandte sich das Ministerium auch an die "Bild" und bat, die entsprechenden Bilder ungeschwärzt zur Verfügung zu stellen, um etwa das KFZ-Kennzeichen des abgebildeten Jeeps zu erfahren. Dies ist bislang noch nicht geschehen.

Schnelle Untersuchung

Anhand der auf den Fotos zu sehenden Fahrzeuge, vor allem des Mercedes-Jeep vom Typ "Wolf" ausgerüstet mit einem sogenannten cablecutter zum Durchtrennen von Stahlseilen, konnte man die möglichen Verdächtigen schnell eingrenzen. Das Spezialwerkzeug verwenden nur relativ wenige der eingesetzten Truppen, hieß es aus Bundeswehrkreisen.

Zusätzlich meldete sich bei der Bundeswehr ein weiterer Soldat, der offenbar an dem betreffenden Tag in Afghanistan dabei war, an den Handlungen mit dem Totenschädel aber nicht teilnahm. Durch diese Hinweise konnten zwei Verdächtige bereits gestern ausgemacht werden: Es handelt sich um einen Stabsunteroffizier und einen Offizier der Reserve. Beide wurden zur Vernehmung bestellt. Über die Ergebnisse wurde zunächst nichts bekannt.

Jung machte deutlich, dass den verdächtigen Soldaten disziplinarische und strafrechtliche Konsequenzen drohen. Die Staatsanwaltschaft Potsdam leitete heute ein Ermittlungsverfahren wegen Störung der Totenruhe ein. "Wir ermitteln im Moment gegen Unbekannt", sagte der Sprecher Wilfried Lehmann SPIEGEL ONLINE.

Die Störung der Totenruhe gilt juristisch als Amtsdelikt, bei einem solchen Verdacht muss die Justiz ermitteln, auch ohne eine vorliegende Anzeige. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft ist zuständig, da alle deutschen Soldaten in Afghanistan vom Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam aus befehligt werden.

Unklar ist unter Juristen noch, wie die auf den Fotos zu sehenden Handlungen zu bewerten sind. Grundsätzlich scheint es möglich, dass die Leichenteile in Afghanistan gar nicht in einem herkömmlichen Grab lagen, sondern von den Soldaten gefunden wurden. Aus Bundeswehrkreisen war zu hören, dass der Schädel vermutlich aus einem Massengrab im Süden Kabuls stammen könnte. Solche Gräber werden immer wieder in Afghanistan entdeckt oder von Windverwehungen freigelegt.

Allerdings zeigen einige Fotos recht eindeutig, dass sich die Soldaten mit dem Schädel schmücken. Dies, so ein erfahrener Staatsanwalt, erfülle den im Paragraphen 168 erwähnten Straftatbestand der Beschimpfung von Toten. Grundsätzlich soll das Gesetz vor allem die Angehörigen der Toten und die Würde der Verstorbenen schützen.

Gefahr für die Innere Führung?

Für die Bundeswehr ist dies der zweite Fall, mit dem sie in den vergangenen Wochen in die Schlagzeilen geriet. Seit Kurzem wird der Fall des von den USA entführten Bremers Murat Kurnaz im Verteidigungsausschuß des Bundestags untersucht. Kurnaz, der wegen Beteiligung am internationalen Terrorismus ins Visier der US-Behörden geraten war, erhebt schwere Vorwürfe gegen deutsche Soldaten der KSK-Spezialkräfte, die ihn während seiner Haft in einem US-Lager in Afghanistan im Frühjahr 2002 misshandelt haben sollen. Bislang steht Aussage gegen Aussage: Bundeswehr-Soldaten haben lediglich eingeräumt, mit ihm in Afghanistan Sichtkontakt gehabt zu haben.

Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, der mit Jung an der Pressekonferenz teilnahm, verwahrte sich gegen eine Vermischung der beiden Vorgänge. Die jetzt aufgetauchten Fotos seien eine "Beschädigung, völlig klar". Doch bitte er darum, die "Relationen zu beachten". Seit 1995 seien deutsche Soldaten im Auslandseinsatz, seit 2001 in Afghanistan. Die Belastungen für die Soldaten der Bundeswehr seien seit den ersten Auslandseinsätzen vor elf Jahren unvergleichlich höher als davor. Darauf reagiere die Bundeswehr, lerne dazu und steuere ständig nach. Aber, so Schneiderhan: "Wir sind nicht davor gefeit, dass Einzelne in bestimmten Situationen sich fehlverhalten."

Auf Fragen nach einem möglichen Versagen der Inneren Führung, erklärte der Generalinspekteur, er wolle den jüngsten Fall nicht schönreden, doch sei es kein Anlass, einen Pauschalangriff gegen das Prinzip der Inneren Führung zu fahren. Noch sei nicht geklärt, ob die Fotos innerhalb anderer Bereiche der Bundeswehr seit 2003 überhaupt bekannt gewesen seien. "Das untersuchen wir", so Schneiderhan.

Durchaus mit Sorge werden in der Bundeswehr mögliche Auswirkungen der Bilder auf islamistische Kreise gesehen. Auf die Frage nach einem Nachhall in der dortigen Szene erklärte Verteidigungsminister Jung, er hoffe nicht, dass es zu "solchen Weiterungen" komme. Es sei zudem ja auch noch nicht klar, woher der Totenschädel stamme.

Kurz nach dem Auftritt von Jung und Schneiderhan in Berlin meldete sich über dpa der frühere Kommandeur der internationalen Afghanistan-Schutztruppe ISAF, Norbert van Heyst. "Das kann in Afghanistan katastrophal wirken", kommentierte er warnend. Das positive Image, das deutsche Soldaten bisher in der afghanischen Bevölkerung hätten, könne leiden. Es müsse daher alles getan werden, um die Vorfälle rückhaltlos aufzuklären, so van Heyst.

Kenner Afghanistans erinnern sich an einen andern Vorfall, der im Mai 2005 für gewalttätige Unruhen gesorgt hatte. Damals berichtete das US-Magazin "Newsweek" über vermeintliche Verunglimpfungen des Korans durch US-Soldaten. Es dauerte eine Weile, bis die Nachricht nach Kabul durchsickerte. Dann aber gingen randalierende Gruppen auf die Straße, 15 Menschen kamen bei den Protesten ums Leben.

Ähnlich heftig waren die Reaktionen, als ein Lastwagen der US-Armee in ein Zivilfahrzeug in Kabul gerast war. Der tödliche Unfall löste die schwersten anti-westlichen Unruhen seit dem Sturz der Taliban aus. Ein von Unruhestiftern aufgehetzter Mob zog einen Tag lang plündernd durch Kabul, griff auch Büros westlicher Hilfsorganisationen an und versetzte die internationale Helfer-Gemeinde in der sonst relativ ruhigen Hauptstadt in Angst und Schrecken. Mindestens 20 Afghanen starben bei den Protesten.

Die Schutztruppe Isaf beobachtet schon deshalb genau, ob die Sicherheitslage nach der mutmaßlichen Totenschändung eskalieren könnte. "Es gibt Menschen, die sich nicht scheuen, mit Propaganda aufzuhetzen und Sachen aus dem Kontext zu reißen", warnte Isaf-Sprecher Luke Knittig. Die Truppe werde alles versuchen, Spannungen zu verhindern.

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