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Skandalschiff "Gorch Fock": Besatzung soll Alkohol-Exzesse gefeiert haben

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Hemmungslos betrunkene Soldaten, Todesdrohungen, sexuelle Nötigung: Offiziersanwärter berichten erschreckende Details von ihrem Segel-Lehrgang auf der "Gorch Fock". Besonders beklagen sie sich über den massiven Alkoholkonsum der Stammbesatzung.

Schulschiff "Gorch Fock": Riskante Ausbildung Fotos
DPA

Berlin - Mehrere auf der " Gorch Fock" eingesetzte Offiziersanwärter haben sich beim Wehrbeauftragten des Bundestags über massive Alkohol-Exzesse an Bord des skandalumwitterten Schulschiffs der Marine beklagt. In einem neunseitigen Bericht des Teams von Hellmut Königshaus werden ihre Beschreibungen wiedergegeben, wie sich die Stamm-Mannschaft des Schiffs hemmungslos betrank, wie ein Offizieranwärter das Erbrochene der Offiziere von Deck schrubben musste und dass ein Besatzungsmitglied ihnen im Rausch sogar mit dem Tod gedroht habe.

Die neuen Enthüllungen in dem Report, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, gehen über die bisherigen Vorwürfe über die harsche Behandlung der Kadetten bis hin zur Nötigung weit hinaus. Je mehr über die Zustände auf dem einstigen Paradeschiff der deutschen Marine herauskommt, desto mehr stellt sich die Frage nach Disziplin und Ordnung auf dem Segler: Die Schilderungen der Offiziersanwärter wirken wie Erzählungen aus dem Rotlichtmilieu.

Die ersten Erinnerungen an die Alkohol-Exzesse der Besatzung stammen vom Beginn des sogenannten 3. Törn von Offiziersanwärtern, die am späten Abend des 5. November 2010 auf der "Gorch Fock" im brasilianischen Hafen von Salvador de Bahia eingetroffen waren. In der folgenden Nacht, so berichtete ein zurück gekehrter Soldat in der Marineschule in Mürwik dem Team von Königshaus, hätte die Stammbesatzung heftig gefeiert. Zu später Stunde sei dann ein Ausbilder in den Schlafraum gestolpert und habe gelallt, "dass er Offiziersanwärter hasse und sie töten würde".

"Beinahe wie Könige"

Der Vorfall, der sich in der Nacht vor dem tödlichen Sturz der Offiziersanwärterin Sarah Lena S. ereignete, ist kein Einzelfall. Grundsätzlich habe sich das Verhalten der Stammbesatzung "nur lose an der Inneren Führung" orientiert, berichteten die Soldaten. So hätten sich die Mannschaftssoldaten "beinahe wie Könige" aufgeführt, ein echter Kontakt zwischen den Auszubildenden und der Besatzung sei nie zustande gekommen. Kommandant Norbert Schatz, mittlerweile abgesetzt, sei "besonders häufig in Badehose gesehen worden", ansonsten habe er nur Pflichttermine wahrgenommen.

Nach dem Todesfall wollte die Schiffsführung den Lehrgang zunächst weiterlaufen lassen. Erst als es zu massiven Auseinandersetzungen mit den Kadetten kam, bei denen sich einige weigerten, in die Masten und Segel aufzuentern, entschied sich die Marine zum Abbruch des Lehrgangs. Die Schüler wurden nach Deutschland ausgeflogen, die Mannschaft segelte allein weiter. Seit Freitag nun ist der Kommandant Norbert Schatz auf Geheiß von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg abberufen, die "Gorch Fock" soll alsbald nach Deutschland zurückkehren.

Stimmen die Berichte der Soldaten, ist auf der "Gorch Fock" nicht nur bei der Ausbildung einiges aus dem Ruder gelaufen. So berichtete einer der Offiziersanwärter dem Team von Königshaus, dass sich die Offiziere in einem angelaufenen Hafen "hemmungslos besoffen" hätten. Als Hafenwache habe er mehreren falschen Alarmen wegen Feuer auf dem Schiff nachgehen müssen, die seiner Ansicht nach von den betrunkenen Offizieren ausgelöst worden waren. Schließlich habe er "auf dem Deck Erbrochenes der Offiziere wegputzen müssen", so das Dossier.

Vorwurf der sexuellen Nötigung

Der Bericht von Königshaus bestätigt auch Aussagen von Soldaten, die sich in den vergangenen Tagen anonym in verschiedenen Medien Luft gemacht hatten. Vor allem wird die Trauerarbeit nach dem Tod der Offiziersanwärterin im November kritisiert. Im Visier steht Kommandant Schatz. Dieser habe nach dem Tod "trockene" Reden gehalten: Der Todesfall sei ein Unglück, jedoch normal wie ein Flugzeugabsturz. Die Offiziersanwärter empfanden es zudem als unpassend, dass die Besatzung kurz nach dem Tod "zur Tagesordnung überging" und heftig und lautstark Karneval feierte.

Der Bericht enthält neben Vorwürfen auch Hinweise, dass die Marine sowohl Kadetten als auch Besatzung vor dem Einsatz an Bord nicht ausreichend getestet hat. So gibt Königshaus wieder, dass ihm ein Marineteam mitgeteilt habe, man teste gerade "ein neues Prüfungsverfahren zur Verwendungstauglichkeit". "Bemerkenswert" sei das erste Testergebnis, demnach fielen "50 Angehörige der aktuellen Besatzung der 'Gorch Fock'" bei dem neuen Test durch. Die Soldaten wiederum beklagten, dass es keinen richtigen Eignungstest für das Schiff gebe.

Ein Kadett erhob bei den Gesprächen mit dem Königshaus-Team auch den Vorwurf der sexuellen Nötigung gegen die Stammbesatzung. Der Erinnerung des Soldaten nach, hätten ihn mehrere Männer der Besatzung im Hafen von Las Palmas in der Dusche angesprochen. Es sei "auf dem Schiff ähnlich wie im Knast, jeder Neue müsse seinen Arsch hinhalten". Daraufhin hätten sie eine Shampoo-Flasche auf den Boden geworfen und ihn aufgefordert, sich danach zu bücken - ein Ritual, das man sonst nur aus Filmen über die Zustände in Gefängnissen kennt.

In dem Bericht bleibt es nicht beim Vorwurf der sexuellen Nötigung des Offiziersanwärters. Demnach hätten die Besatzungsmitglieder ihm gedroht, sie seien Mitglieder des "Aryan Brotherhood". Diese rassistisch ausgerichtete Gruppe hat in den USA ein Netzwerk in Gefängnissen und ist für Morde, Erpressung und illegalen Drogenhandel in den Knästen verantwortlich. Nach einer Meldung durch den Soldaten ließ Kommandant Schatz die gesamte Mannschaft an Deck antreten. Ob es zu einer strafrechtlichen Verfolgung der Tat kam, ist nicht ganz klar. Der Soldat hörte nur als Gerücht, die Männer hätten wegen des Vorfalls Ärger bekommen.

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1. Skandalschiff "Gorch Fock": Besatzung soll Alkohol-Exzesse gefeiert haben
Phoenix2006 25.01.2011
Zitat von sysopHemmungslos betrunkene Soldaten, Todesdrohungen, der Kommandant meist in Badehose unterwegs: Offiziersanwärter berichten erschreckende Details von ihrem Segel-Lehrgang auf der "Gorch Fock". Besonders beklagen sie sich über den massiven Alkoholkonsum der Stammbesatzung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741390,00.html
Wenn auch nur ein Bruchteil von den im Artikel beschriebenen Vorfällen der Wahrheit entspricht, wie soll dann In Zukunft mit diesem Schiff Deutschland in Zukunft in der Welt repräsentiert werden?
2. ...
felisconcolor 25.01.2011
Diese unsägliche Demontage der Gorch Fock durch den Spiegel ist mittlerweile mehr als peinlich. Und hat mit sachlicher Berichterstattung nichts mehr zu tun. Dieser Report der SPON angeblich vorliegt, scheint wohl nicht mehr als eine Abrechnung gefrusteter Offiziersanwärter zu sein. Man sollte diese Art von Berichten einstellen bis es eine ordentliche Untersuchung des Ganzen gegeben hat. Alles weitere trägt nicht dazu bei, daß diese jetzt noch ohne eine schon vorgefasste Meinung neutral durchgeführt werden kann. Das die Bundeswehr, und damit nehme ich keine Waffengattung aus, kein Ponyhof ist, ist doch hinlänglich bekannt. Aber diese Dreckwerferei ist mehr als schändlich. Zeugt nur davon das der Redakteur wohl ein massiver Gegner dieser Institution ist und alles zusammen sucht was ihr schaden kann. Sachliche Berichterstattung ist etwas anderes. Dieses schlägt die BILD um längen. Schade um den SPON
3. Unschuldsvermutung
fotograf-ffm 25.01.2011
In verschiedenen ARD-Medien wird die Abberufung des Kapitäns der Gorch Fock als unangemessen bezeichnet, schließlich gelte die Unschuldsvermutung und die Vorgänge an Bord seien zunächst aufzuklären. Dann sollte Kachelmann auch wieder das Wetter im Ersten moderieren...
4. Ja ja, der Deutsche in Uniform unter Alkohol, ....
Sapientia 25.01.2011
Zitat von sysopHemmungslos betrunkene Soldaten, Todesdrohungen, der Kommandant meist in Badehose unterwegs: Offiziersanwärter berichten erschreckende Details von ihrem Segel-Lehrgang auf der "Gorch Fock". Besonders beklagen sie sich über den massiven Alkoholkonsum der Stammbesatzung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741390,00.html
kennen wir doch alles, war doch schon alles mal da, oder? Alles natürlich nur betrachtet durch die verzerrenden Erwartungen von Muttersöhnchen, denen der mütterliche Rockzipfel abhanden gekommen ist und die es nicht fassen können, dass Berufssoldaten nun wiederum sehr berufsgeprägt sind, oftmals einfache Seelen. Das alles nochmals völlig verzerrt und übertrieben aufbereitet von der sensationsgeilen Presse.
5. -
citizengun 25.01.2011
Vier Stunden Schlaf, regelmässig Alkohol, danach noch in die Takelage - 40m hoch und mit gefrorenen Fingern wieder runter. (Wer sich immer mal gefragt hat, warum die beim Bund so schnell Glatze kriegen, mit 30 schon wie 50 aussehen und wie Honecker reden, der hat hier die Antwort.)
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Die "Gorch Fock"
Das Schiff
DPA
Das legendäre Segelschulschiff "Gorch Fock" ist das älteste Schiff der deutschen Marine, es gilt als Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren. Gebaut wurde es auf der Hamburger Werft Blohm & Voss, im August 1958 lief es vom Stapel. Benannt ist das Schiff nach dem Schriftsteller Gorch Fock, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht starb.

Die "Gorch Fock" ist 89 Meter lang und 12 Meter breit, der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten, bei ihrem Rekord war sie 18,2 Knoten schnell. Die "Gorch Fock" untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.
Die Besatzung
Der Dreimaster hat eine 85-köpfige Stammbesatzung, dazu kommen bis zu 138 junge Lehrgangsteilnehmer. In mehr als 50 Jahren wurden rund 14.500 Kadetten auf der "Gorch Fock" ausgebildet - viele berichteten anschließend von einer extrem harten Ausbildung. 1989 kamen mit fünf Sanitätsoffiziersanwärterinnen erstmals Frauen an Bord.
Die Ausbildung
Offizier- und Unteroffizieranwärter erhalten dort ihre praktische und theoretische Ausbildung für spätere Aufgaben in der Flotte. Laut Marine sollen die Lehrgangsteilnehmer an Bord das "grundlegende seemännische Handwerk" erlernen. "Sie erfahren in der Praxis die Bedeutung von Teamwork und Kameradschaft." Allerdings werde den Lehrgangsteilnehmern und der Crew "sowohl beim Aufentern in bis zu 45 Meter Höhe als auch beim Segelsetzen viel abverlangt", heißt es auf der Marine-Homepage.

Trotz modernster Technik ist der Ausbildungsabschnitt Segelschulschiff nach Ansicht der Marine weiterhin von großer Bedeutung. "Nirgendwo wird der Einfluss des Wetters auf Schiff und Besatzung so intensiv erlebt und zur gesicherten Erfahrung wie auf einem Großsegler", heißt es auf der Internetseite der Marine. Gerade die Ausbildung auf einem Segelschulschiff präge die Charaktereigenschaften und Gemeinschaftssinn, die für einen militärische Vorgesetzten unerlässlich seien.
Die Todesfälle
Während der Lehrgänge kam es mehrfach zu Todesfällen. Seit 2008 verloren gleich zwei Soldatinnen an Bord ihr Leben: Im vergangenen November stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage auf das Deck. Im September 2008 war eine 18-jährige Soldatin während ihrer Wache bei rauer See in die Nordsee gefallen und ertrunken.
Der Kommandant
Seit 2006 hatte Kapitän Norbert Schatz, 53, das Kommando über die "Gorch Fock" - im Zusammenhang mit dem Unfalltod der 25-jährigen Sarah wurde er Ende Januar 2011 von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg abgesetzt. Die Dreimastbark sei schon immer sein Ziel gewesen, erklärte der 53-Jährige einst. Nach dem Abitur trat er deshalb 1976 in die Marine ein und entschied sich für eine Laufbahn als Fregattenfahrer. Gleich zu Beginn sammelte er erste Erfahrungen auf dem Segelschiff. Von 1997 bis 1999 war er als Erster Offizier an Bord.


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