Skiunfall Ermittler rätseln über Althaus' Unglücksfahrt

Thüringens schwer verletzter Ministerpräsident Althaus wird aus dem künstlichen Koma geholt. Nach seinem Skiunfall in Österreich ist er noch nicht transportfähig. Dass die Frau starb, mit der er auf einer Piste kollidierte, weiß er nicht - die 41-Jährige hinterlässt vier Kinder.

Aus Schwarzach im Pongau berichtet


Schwarzach - Überall humpelnde, gegipste, auf Krücken gehende Skitouristen. Im Hof des Kardinal Schwarzenberg'schen Krankenhauses stehen Autos mit Skiboxen auf dem Dach. Sie kommen aus Deutschland, Holland, sogar aus Litauen. Dazwischen stand in der vergangenen Nacht auch ein VW Touareg mit Erfurter Kennzeichen. Mit diesem Wagen kam die Frau von Dieter Althaus.

Thüringens Ministerpräsident liegt seit dem Neujahrstag auf der Intensivstation der Unfallklinik von Schwarzach in der Nähe von Salzburg. Am frühen Donnerstagnachmittag war der 50-Jährige im steirischen Skigebiet Riesneralm auf der mittelschweren Abfahrt "Die Sonnige" unterwegs. Als er um 14.43 Uhr die Kreuzung mit der leichten Piste "Panoramaabfahrt" erreichte, geschah es: Althaus kollidierte frontal mit der 41-jährigen Beata Ch., einer in den USA wohnhaften gebürtigen Slowakin.

Die Frau, eine Sportlehrerin, war österreichischen Behörden zufolge vierfache Mutter, deren jüngstes Kind am Samstag ein Jahr alt wird. Drei Kinder stammten aus der ersten Ehe der Verunglückten mit einem Österreicher. Die Frau starb noch im Notarzt-Helikopter, Althaus überlebte schwer verletzt.

Der Ministerpräsident sei ohne Bewusstsein im rund hundert Kilometer entfernten Schwarzach angekommen, sagte Reinhard Lenzhofer, der Ärztliche Direktor der Klinik, am Freitag. Althaus habe ein Schädel-Hirn-Trauma sowie eine Hirnblutung erlitten. Um 7 Uhr am heutigen Freitag habe man noch eine Computertomografie zur Kontrolle anfertigen lassen – Althaus' Zustand sei stabil, die kleine Blutung im rechten Hirnbereich habe sich nicht verändert: "Wir sind hoffnungsvoll."

"Wir lassen ihn jetzt langsam aus dem künstlichen Koma erwachen", so Lenzhofer. Dies könne zwölf, vielleicht aber auch 24 Stunden dauern, fügte Hubert Artmann, der behandelnde Arzt von Althaus an. Träten Komplikationen auf, müsse das Koma aufrechterhalten werden. Ein operativer Eingriff sei "in der derzeitigen Situation auszuschließen". Artmann betonte, dass Althaus vorerst noch in Schwarzach bleiben müsse, "ein Transport ist derzeit nicht sinnvoll". Man stehe aber in Kontakt mit der Neurologie in Althaus' Erfurter Heimatkrankenhaus.

Die Frage nach bleibenden Schäden könne man noch nicht beantworten, sagte Franklin Genelin, der Leiter der Schwarzacher Unfallchirurgie. Es hänge auch davon ab, wie schnell Althaus aus dem Tiefschlaf erwachen könne. Der Politiker habe zudem Prellungen und eine Fraktur im Gesicht erlitten, die aber "unverschoben" sei und nicht weiter behandelt werden müsse.

Die Bergrettung sei durch andere Skiläufer alarmiert worden, sagte Liezens Bezirkshauptmann Josef Dieck. Althaus habe den ersten Helfer an die verunglückte Frau verwiesen. Der Ministerpräsident selbst wurde mit einem Ackja-Schlitten ins Tal gebracht. Da soll er noch ansprechbar gewesen sein und allein über Beschwerden in der Schulter geklagt haben. Zur Sicherheit wurde aber ein Hubschrauber alarmiert, der Althaus nach Schwarzach brachte.

Hintergrund: Die Pistenregeln der FIS
Rücksicht auf die anderen Skifahrer
Jeder Skifahrer muss sich so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt.

Erläuterung: Der Wintersportler ist nicht nur für sein fehlerhaftes Verhalten, sondern auch für die Folgen einer mangelhaften Ausrüstung verantwortlich. Dies gilt auch für Benutzer neuentwickelter Sportgeräte.

Quelle: Skiverband FIS, Wirtschaftskammer Kärnten/Seilbahnen
Beherrschung der Geschwindigkeit und der Fahrweise
Jeder Skifahrer muss auf Sicht fahren. Er muss seine Geschwindigkeit und seine Fahrweise seinem Können und den Gelände-, Schnee- und Witterungsverhältnissen sowie der Verkehrsdichte anpassen.

Erläuterung:Kollisionen sind häufig die Folge zu hoher Geschwindigkeit, unkontrollierter Fahrweise oder mangelnder Beobachtung. Ein Wintersportler muss im Bereich seiner Sichtmöglichkeiten anhalten oder ausweichen können. An unübersichtlichen oder stark befahrenen Stellen ist langsam zu fahren, insbesondere an Kanten, am Ende von Pisten und im Bereich von Liften und Seilbahnen.
Wahl der Fahrspur
Der von hinten kommende Skifahrer muss seine Fahrspur so wählen, dass er vor ihm fahrende Skifahrer nicht gefährdet.

Erläuterung:Das Skifahren ist ein Sport der freien Bewegung, wo jeder nach Belieben fahren kann, solange er die Regeln einhält, den Freiraum anderer achtet und sein eigenes Können und die jeweilige Situation berücksichtigt. Vorrang hat der vorausfahrende Wintersportler. Wer hinter einem anderen herfährt, muss genügend Abstand einhalten, um dem Vorausfahrenden für alle seine Bewegungen genügend Raum zu lassen.
Überholen
Überholt werden darf von oben oder unten, von rechts oder von links, aber immer nur mit einem Abstand, der dem überholten Wintersportler für alle seine Bewegungen genügend Raum lässt.

Erläuterung: Die Verpflichtung des überholenden Skifahrers bleibt für den ganzen Überholvorgang bestehen, damit der überholte Wintersportler nicht in Schwierigkeiten gerät. Das gilt auch für das Vorbeifahren an einem stehenden Skifahrer.
Einfahren, Anfahren und Hangaufwärtsfahren
Jeder Skifahrer, der in eine Skiabfahrt einfahren, nach einem Halt wieder anfahren oder hangaufwärts schwingen oder fahren will, muss sich nach oben und unten vergewissern, dass er dies ohne Gefahr für sich und andere tun kann.

Erläuterung: Die Erfahrung zeigt, dass das Einfahren in eine Piste und das Wiederanfahren gelegentlich zu Unfällen führen. Es ist daher unbedingt erforderlich, dass der Wintersportler, der anfährt, sich harmonisch und ohne Gefahr für sich und andere in den allgemeinen Verkehrsfluss auf der Abfahrt einfügt. Befindet er sich dann - wenn auch langsam - in Fahrt, hat er gegenüber schnelleren und von hinten oder oben kommenden Wintersportlern wieder den Vorrang nach Regel 3.
Anhalten
Jeder Wintersportler muss es vermeiden, sich ohne Not an engen oder unübersichtlichen Stellen einer Abfahrt aufzuhalten. Ein gestürzter Wintersportler muss eine solche Stelle so schnell wie möglich freimachen.

Erläuterung: Ausgenommen auf breiten Pisten soll der Wintersportler nur am Pistenrand halten und stehenbleiben. Engstellen und unübersichtliche Abschnitte sind ganz freizuhalten.
Aufstieg und Abstieg
Ein Wintersportler, der aufsteigt oder zu Fuß absteigt, muss den Rand der Abfahrt benützen.

Erläuterung: Bewegungen gegen den allgemeinen Verkehrsfluss stellen für Skifahrer unerwartete Hindernisse dar. Fußspuren beschädigen die Piste und können dadurch Skifahrer gefährden.
Beachten der Zeichen
Jeder Wintersportler muss die Markierung und die Signalisation beachten.

Erläuterung: Pisten werden nach ihrem Schwierigkeitsgrad schwarz, rot, blau oder grün markiert. Der Skifahrer ist frei, eine seinen Wünschen entsprechende Piste zu wählen. Pisten werden mit Hinweis-, Gefahr- und Sperrtafeln gekennzeichnet. Ist eine Piste als gesperrt oder geschlossen bezeichnet, ist dies ebenso zwingend zu beachten wie der Hinweis auf Gefahren. Der Wintersportler soll sich bewusst sein, dass diese Vorkehrungen in seinem Interesse erfolgen.
Hilfeleistung
Bei Unfällen ist jeder Wintersportler zur Hilfeleistung verpflichtet.

Erläuterung: Hilfeleistung ist, unabhängig von einer gesetzlichen Pflicht, ein Gebot sportlicher Fairness. Das bedeutet: Erste Hilfe, Alarmierung des Rettungsdienstes und Absichern der Unfallstelle. Die FIS erwartet, dass Unfallflucht ebenso geahndet wird wie im Straßenverkehr und zwar auch in jenen Ländern, in denen ein solches Verhalten nicht schon ohnehin strafrechtlich verfolgt wird.
Ausweispflicht
Jeder Wintersportler, ob Zeuge oder Beteiligter, ob verantwortlich oder nicht, muss im Falle eines Unfalles seine Personalien angeben.

Erläuterung: Der Zeugenbeweis ist für die zivil- und strafrechtliche Beurteilung eines Unfalles von großer Bedeutung. Jeder verantwortungsbewusste Wintersportler muss daher seine staatsbürgerliche und moralische Pflicht erfüllen, sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen. Auch Berichte des Rettungsdienstes und der Polizei sowie Fotos dienen zur Beurteilung der Haftungsfragen.

Vom Tod der Slowakin bei der Tragödie im Skigebiet ahnt Dieter Althaus bisher nichts: "Er wird das nicht wissen, er war ja bewusstlos", so Lenzhofer. Ein Psychologe stehe bereit, wenn Althaus aufwache. Zudem stehe man mit seiner Familie in stetigem Kontakt.

Während die Ärzte im Salzburger Land vorsichtigen Optimismus verbreiten, hat die Polizei am Unfallort in Liezen bisher kaum Erkenntnisse. Die Schuldfrage ist ungeklärt. Es gebe keine Augenzeugen des Zusammenpralls, sagte Einsatzleiter Siegmund Schnabl. Sowohl ein Sicherheitsbeamter von Althaus als auch der Ehemann der verunglückten Frau hätten den Unfall trotz einwandfreier Sichtverhältnisse nicht beobachten können, da sie zu weit zurück waren. Wer an der Pistenkreuzung Vorfahrt habe, sei uneindeutig, sagte Schnabl. Nach den FIS-Regeln gelte lediglich die Pflicht zur "gegenseitigen Rücksichtnahme".

SPIEGEL WISSEN: Hirnverletzungen und künstliches Koma
Als Schädelhirntrauma (SHT) bezeichnet man jede Verletzung des Schädels mit Hirnbeteiligung. Vor allem Hirnblutungen sind gefährlich. mehr auf SPIEGEL WISSEN...
Als Hirnblutung bezeichnet man umgangssprachlich Blutungen im Inneren des Hirnschädels oder der Hirnhäute. Sie können lebensbedrohlich sein. mehr auf SPIEGEL WISSEN...
Ein künstliches Koma ist eine verlängerte Narkose, in die Mediziner Patienten versetzen, um deren Organismus zu entlasten. mehr auf SPIEGEL WISSEN...
Ein Hirnödem ist eine vermehrte Wasseransammlung im Interzellularraum der Hirngewebe. Da das Gehirn durch den knöchernen Schädel wenig Möglichkeiten hat sich auszudehnen, kann ein Hirnödem lebensbedrohlich sein. mehr auf SPIEGEL WISSEN...

Offensichtlich ereignete sich das Unglück nicht im Zentrum der Kreuzung, sondern etwa zwanzig Meter in Richtung der leichteren Abfahrt, die die tödlich Verunglückte wählte. Der Zusammenprall an dieser Stelle scheint zumindest ungewöhnlich, eine Erklärung gibt es bisher nicht.

Einsatzleiter Schnabl zu SPIEGEL ONLINE: "Das wird Aufgabe eines Sachverständigen sein." Man ermittele derzeit Spuren, um den so genannten "Endlagepunkt" der beiden Verunglückten klären zu können. So sei etwa deren Oberbekleidung von der Polizei konfisziert worden, werde nun von Kriminaltechnikern untersucht: "An den Stellen des Zusammenstoßes erhitzt sich die Kleidung, es bleibt etwas hängen." Zudem werde der Körper der Toten obduziert, um die exakten Stoßstellen herauszufinden. So will man Rückschlüsse auf den genauen Aufprallwinkel ziehen.

Nach Angaben des Geschäftsführers der Riesneralm-Bergbahnen, Bürgermeister Erwin Petz, ereignete sich an der Unfallstelle bislang noch keine gefährliche Kollision. Die Einmündung sei durch Warnhinweise und ein Absperrgitter gesichert, hinter dem die Verletzten aufgefunden worden waren. Der Schnee sei an der Stelle griffig gewesen, es sei keine Bodenwelle entdeckt worden.

Petz sagte nach Angaben der österreichischen Nachrichtenagentur APA zu dem Unfall im Kreuzungsbereich zweier Pisten: "Es ist so, wie wenn es auf einem großen Parkplatz, wo nur zehn Autos stehen, zu einer Kollision zwischen zwei Fahrzeugen kommt." Riesneralm-Betriebsleiter Siegfried Kalsberger sagte zu SPIEGEL ONLINE, die Pisten im Gebiet seien "nicht überfüllt, da ist immer viel Platz".

Die Ermittler gehen nicht von überhöhter Geschwindigkeit als Unfallursache aus. Beide Skifahrer waren nach Aussagen ihrer Begleiter einige Meter oberhalb noch stehengeblieben.

Althaus regiert seit 2003 den Freistaat Thüringen, im August will er sein Amt bei den Landtagswahlen verteidigen. Die österreichischen Ärzte wollen keine Prognose zur Genesung abgeben. Nur so viel: "Ich halte es durchaus für möglich, dass die Phase der Rekonvaleszenz schnell läuft", sagte Chefarzt Lenzhofer.

mit Material von AP und ddp

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