Skurrile Pressemitteilungen: Gackernde Grüne, peinliche Piraten

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Täglich verstopfen sie das E-Mail-Postfach, auf den Webseiten der Parteien lauern sie zu Tausenden: Pressemitteilungen von Politikern sind oft so fragwürdig wie überflüssig - und deshalb so komisch. Hier ist eine Auswahl der skurrilsten Beispiele.

Skurrile Politiker-Botschaften: "Weder Latte noch Titte" Fotos

Berlin - Eigentlich sollen sie die Öffentlichkeit über das aktuelle politische Tun, Werkeln und Fordern auf dem Laufenden halten. Doch oft sorgen Pressemitteilungen (PM) von Parteien nicht für Informationsmehrwert, sondern für Gelächter. Oder wandern direkt in den E-Mail-Papierkorb. Auch auf den Websites von Fraktionen, Stadtverordneten und Kreisverbänden lagern sie zu Hunderten und Tausenden: Statements zum Kormoranmanagement, zum pietätvollen Sterben oder zur Katzenplage.

Die kleinen Juwelen werden oft nur vom Verfasser gelesen. Viel zu schade, findet SPIEGEL ONLINE, und hat ein paar skurrile Beispiele herausgesucht:

1. "Frauen und Technik kein Gegensatz" (CSU)

Nein, wer hätte das gedacht - Frauen und Technik schließen sich NICHT aus! Sicherlich hat es Gudrun Brendel-Fischer, Vorsitzende der Arbeitsgruppe Frauen der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, nur gut gemeint, als sie an die Förderung von Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen appellierte. Die Überschrift der Pressemitteilung ist allerdings wenig fortschrittlich, sondern unfreiwillig komisch.

2. "Wortgewandter Rebell, umsichtiger Kurshalter" (Piraten)

Die Pressemappe eines Leipziger Basismitglieds ist in der Piratenpartei Kult. Ein Notar namens Thomas Walter hat sich darin auf über 40 Seiten verewigt. Über Piratenpolitik erfährt man wenig, dafür alles über Walters ersten Kuss, die Vorliebe für orangefarbene Anzüge und seine Kindheit ("Als junger Knabe habe ich immer, frech wie ich war, ins Weihwasser gefasst"). Der Pirat lehnt verträumt am Stahlgeländer und erklärt, wie er zu seinem Image als "Weltoffener Diplomat, wortgewandter Rebell, umsichtiger Kurshalter" kam. Ein wahres PR-Kunstwerk.

3. "Rettet das Tellerfleisch!" (SPD)

Mitte der Neunziger sorgte sich die Nation um Rinderwahn, und die bayerische SPD fürchtete um die heimischen Fleischerzeuger. Ihr Arbeitskreis für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten lud, wie die "Süddeutsche Zeitung" vom 26. April 1995 berichtet, deshalb zu einem Testessen ein (ob es sich um einen Druckfehler handelt und eigentlich ein "Festessen" gemeint war, ist unbekannt) - und zwar unter dem alarmierenden Titel "Rettet das Tellerfleisch!". In den Online-Archiven ist die Einladung zum kollektiven Schmausen nicht mehr auffindbar, sie wird aber noch heute vom politischen Gegner spöttisch zitiert.

4. "Weder Latte noch Titte" (Piraten)

Während der Debatte über ein mögliches EU-weites Verbot von Pornografie wollten die Thüringer Piraten ganz besonders witzig sein: "Pornografieverbot in Medien ist den Piraten weder Latte noch Titte", überschrieben sie ihren Appell. Der Originaltext wurde nach Protesten gelöscht, dann wieder freigeschaltet - hier ist der Wirbel um die verunglückte PM protokolliert.

5. "Reisende soll man nicht aufhalten" (FDP)

Manche PM bestechen durch die dramatische Geschichte, die sie erzählen. Wie die eines FDP-Landtagsabgeordneten, der seine Fraktion im Streit verließ. Sein Fraktionschef bereitete ihm einen Abschied voller Giftigkeit: "Reisende soll man nicht aufhalten", kommentierte er trocken auf der hauseigenen Website, und zürnte darüber, dass der Abgeordnete seinen Austritt per Pressekonferenz mitgeteilt hatte. Politik ist eben auch: Streit und Theatralik in aller Öffentlichkeit.

6. "Lebenserfahrung kann man nicht googeln" (CDU)

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) legte im Februar einen Bericht über die Situation älterer Arbeitnehmer vor und ließ die Mitteilung mit "Lebenserfahrung kann man nicht googeln" betiteln. Das kann man schnell missverstehen. Etwa so, dass Berufseinsteiger ihr Wissen einfach im Internet zusammenklauben. Oder dass Lebenserfahrung Netzkompetenz ausschließt, und umgekehrt. Der Kern von von der Leyens Botschaft - ältere Jobsuchende fördern - wird mit dieser Überschrift jedenfalls nicht vermittelt.

7. Das eingebaute Ausrufezeichen (CDU)

Der Wirtschaftsrat Zypern stimmt gegen den Euro! Zypernhilfen können Europa spalten! Griechische Insolvenzverschleppung geht weiter! Überschüsse gehören den Beitragszahlern! Sogar bei der schlichten Mitteilung "Wirtschaftsrat der CDU e.V. zum Energiegipfel!" darf das Ausrufezeichen nicht fehlen. Ja! Wir haben es verstanden! Der Wirtschaftsrat der CDU schickt regelmäßig viele PM, und jede davon ist! sehr! sehr! wichtig! Klick - und weg.

8. "Der Boden - wesentliche Grundlage allen Lebens" (Linke)

Natürlich hat das Thema einen ernsthaften ökologischen Hintergrund, doch weder Titel noch Inhalt dieser Botschaft der Linkenfraktion in Sachsen-Anhalt taugen dazu, einen einzigen Leser aufzurütteln. Größer ist die Wahrscheinlichkeit, im zweiten Absatz eingeschlafen zu sein. Immerhin erfährt man, dass es einen Weltbodentag gibt (und sogar eine Internationale Bodenkundliche Union).

9. "Wer gackert, muss auch legen" (Grüne)

"Herr Muthmann bringt Äpfel und Birnen durcheinander", "Eiertanz beim Tanzverbot" oder "Dunkle Wolken am IT-Himmel Sachsen-Anhalts" sind ein paar Beispiele für misslungene Wortspiele in PM. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast forderte einst den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Jung auf: "Wer gackert, muss auch legen." Weil dieser, Achtung Flachwitz, in Sachen Sicherheitspolitik nur "herumeiere". Man weiß nicht, woher die Vorliebe für seltsame Sprachbilder kommt. Man weiß nur: Sie nervt.

10. Das sogenannte Internet (FDP)

Die Rügener FDP stellt fest: "Die Nutzung 'sozialer Netzwerke' durch politische Akteure führt häufig zu einer Vielzahl von Diskussionen." Dem kann man wenig entgegensetzen. Allerdings scheint man mit den sozialen Netzwerken zu fremdeln, sonst würde man sie wohl kaum in Gänsefüßchen setzen - und behaupten, man habe mehr als tausend Freunde auf Facebook. Dort wird die FDP Rügen nämlich nur von 22 Leuten abonniert.

Eine willkürliche Stichprobe ergab übrigens, dass die Piratenfraktion in Schleswig-Holstein und die Linksfraktion in Hessen Spitzenreiter in Sachen Mitteilungsdrang sind. In Sitzungswochen verschicken sie täglich bis zu zehn PM. Daher an dieser Stelle der freundliche Appell: Liebe Parteien, manchmal ist weniger mehr.

Sie kennen weitere skurrile Pressemitteilungen aus dem politischen Bereich? Schicken Sie sie an spon_politik@spiegel.de - wir freuen uns auf Ihre Zuschriften.

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