Allensbach-Studie Deutsche Eltern halten's konservativ

Mütter arbeiten in Teilzeit oder gar nicht und Väter in Vollzeit: Die meisten deutschen Familien leben so - obwohl vor allem viele Männer sich seit Jahren Veränderung wünschen. Wie kommt das?

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Paar mit Kleinkind: Deutsche Väter wünschen sich mehr Zeit für ihre Kinder
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Paar mit Kleinkind: Deutsche Väter wünschen sich mehr Zeit für ihre Kinder


Der Papa in Vollzeit, die Mama in Teilzeit oder ganz raus aus dem Beruf - das ist Standard in den meisten deutschen Familien, selbst wenn eine andere Aufteilung zum Beispiel finanzielle Vorteile bringen würde. Dabei wünschen sich vor allem Väter mehr Zeit für ihre Kinder und weniger Stunden im Büro.

Diesen Befund zu deutschen Familien gibt es seit Jahren - und es ändert sich wenig. Der Anteil der Vollzeit arbeitenden Mütter steigt nur langsam, der Vater in Teilzeit ist in deutschen Familien weiterhin ein Exot. Wunsch und Wirklichkeit klaffen hier auseinander.

Die Studie "Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf" vom Institut für Demoskopie Allensbach untersucht diese Entscheidungsprozesse unter Paaren und die Aufteilung zwischen Job und Familie im Detail, befragt wurden 2080 Paare. Auftraggeber ist das Familienministerium. Die wichtigsten Ergebnisse:

Wie teilen Familien Job und Kinder auf?

  • Beide Elternteile arbeiten Vollzeit - das trifft nach Geburt und Elternzeit für das erste Kindes laut der Studie nur auf 15 Prozent der Paare zu. In den meisten Familien arbeiten die Frauen Teilzeit - in unterschiedlichen Stundenzahlen (siehe Grafik). In 17 Prozent der Familien arbeitet der Vater Vollzeit, und die Mutter ist nicht berufstätig. Die Konstellation, dass die Mutter Vollzeit arbeitet und der Vater Teilzeit oder gar nicht ist in der Studie nicht extra aufgeführt.

  • Insgesamt übernehmen rund drei Viertel der Väter weniger als die Hälfte der Familienarbeit - wie hoch Männer und Frauen ihren und den Anteil des Partners einschätzen, unterscheidet sich jedoch (siehe Grafik).

  • Die Alleinverdiener-Ehe, in der der Mann arbeitet und die Frau viele Jahre ganz zu Hause bleibt, wird immer seltener. So war im Jahr 2005 noch genau die Hälfte der Mütter mit unter Sechsjährigen gar nicht berufstätig, 2015 sind es 41 Prozent. Die Zahl der Vollzeit arbeitenden Mütter ist von 14 auf 17 Prozent gestiegen.

Mütter in Teilzeit - wer arbeitet wie viel?

  • In Familien, in denen die Mutter ein Studium abgeschlossen hat, sind nach der Elternzeit beim ersten Kind 37 Prozent in der Konstellation Vollzeit/Vollzeit oder Vollzeit/längere Teilzeit berufstätig. Und: Frauen, die vor ihrem Kind viel Verantwortung im Beruf hatten oder gut verdienten, kehren eher auf Vollzeitstellen oder in eine längere Teilzeit zurück als andere.

  • Westdeutsche Mütter nahmen im Durchschnitt 20 Monate Elternzeit nach dem ersten Kind, ostdeutsche nur 15 Monate. In Ostdeutschland arbeiten mehr als doppelt so häufig beide Partner in Vollzeit oder der Vater in Vollzeit und die Mutter in längerer Teilzeit.

  • Entscheidend für die Berufstätigkeit der Mutter ist auch die Bereitschaft des Vaters, sie darin zu stützen: In dem Bericht heißt es: In Familien, in denen Väter "die Karrieremöglichkeiten der Mütter bei der Aufteilung besonders wichtig fanden, sind nach der Elternzeit beim ersten Kind 41 Prozent der Paare in Konstellationen mit Vollzeitarbeit des Vaters und längerer Teilzeit oder Vollzeit der Mutter berufstätig."

  • Die Entscheidung für Teilzeit sobald ein Kind da ist, zementiert laut der Studie für viele Frauen ihr weiteres Berufsleben: Denn meistens bleiben Paare grundsätzlich bei dem Modell, für das sie sich nach der Geburt des ersten Kindes entschieden haben - auch wenn mehr Nachwuchs kommt. So ist nur bis etwa zum 30. Lebensjahr die Mehrheit der Frauen in Vollzeit tätig - danach sinkt dieser Anteil deutlich und bleibt niedrig, selbst wenn die Kinder groß oder sogar bereits aus dem Haus sind (siehe Grafik). Und das obwohl 75 Prozent der Mütter sagen, es sei oder es wäre ihnen wichtig oder sogar sehr wichtig, berufstätig zu sein.

Wie treffen Eltern ihre Entscheidung?

  • Die meisten Eltern treffen die Entscheidung, wer wie weiter im Job bleibt, bereits vor oder in der Schwangerschaft und sind sich dabei einig - das berichten rund 90 Prozent der Eltern laut Studie. Meist geht es bei den Gesprächen vor allem darum, ob und mit wie vielen Stunden die Mutter nach der Elternzeit zurück in den Job geht. Dass der Vater wieder Vollzeit arbeitet, steht meist nicht zur Disposition.

  • Der Wunsch der Mutter, beim Kind zu bleiben, hat laut Studie maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung, wer zuhause bleibt oder reduziert arbeitet.

  • Ein weiterer zentraler Einflussfaktor war die Einkommensverteilung vor Geburt des Kindes - 60 Prozent der Eltern nannten diesen Aspekt. Rund die Hälfte der Mütter und Väter findet, dass der Elternteil nach der Geburt oder Elternzeit weiter berufstätig sein sollte, der vorher das höhere Einkommen erzielte. In der Realität aber setzen Paare diese Offenheit nicht um - denn auch wenn die Mutter vor der Geburt mehr verdient hat, sind anschließend in den allermeisten Fällen die Väter Vollzeit tätig und nicht die Mütter.

Wie beteiligen sich Väter an der Elternzeit?

  • Die meisten Väter gehen mithilfe der Partnermonate beim Elterngeld für höchstens zwei Monate in Elternzeit. Jeder fünfte Vater ist laut der Studie nicht in Elternzeit gegangen, obwohl er es gerne gewollt hätte. Viele Männer wurden laut Studie abgeschreckt von drohenden Einkommensverlusten, sie hatten Angst vor beruflichen Nachteilen oder befürchteten organisatorische Probleme im Betrieb (siehe Grafik).

Was wünschen sich Eltern?

  • Fast die Hälfte der Eltern wünscht sich, dass Vater und Mutter annähernd gleich viele Stunden im Job sind - das realisieren aber nur 35 Prozent der Paare. Dabei überwiegt der Wunsch nach Teilzeit für beide Elternteile. 28 Prozent der Befragten fänden ein solches Modell ideal.

  • Ein Drittel der Paare mit kleinen Kindern möchte, dass der Vater für eine längere Zeit seine Arbeitsstunden reduzieren kann. Tatsächlich sind aber nach dem ersten Kind nur vier Prozent der Familienväter mit 25 bis 34 Wochenstunden berufstätig.

Woran scheitert die Aufteilung?

  • 47 Prozent der Eltern gaben als Grund dafür an, sich die Familienarbeit nicht so aufteilen zu können, wie sie wollten, dass sie es sich finanziell nicht leisten konnten. 45 Prozent sagten, der Arbeitgeber habe ihnen Steine in den Weg gelegt. Fehlende Betreuungsmöglichkeiten waren nur selten ein Grund - dabei wirkt laut der Studie der Ausbau der Kitas.

Was denken Mütter und Väter über Kitas?

  • Die Haltung zu Kitas haben sich laut der Studie verändert: 65 Prozent der deutschen Eltern meinen, dass Kinder unter drei auch halbtags oder ganztags in einer Kita betreut werden könnten (siehe Grafik).



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 144 Beiträge
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angelobonn 07.07.2015
1. Immer dieser Wertungen
Kann man diese Zahlen nicht einmal ohne Wertungen neutral präsentieren? Bei einem Modell, dass von 41 % der Familien gelebt wird, zu schreiben, es komme "immer seltener" vor, ist einfach tendenziös. Auch die Bezeichnung des von den allermeisten Familien als sinnvoll empfunnden Modells als "konservativ" ist eine Wertung. Babys brauchen nunmal in aller erster Linie ihre Mutter. Das bedeutet natürlich nicht, dass der Vater nicht auch wichtig ist und sich so viel als möglich einbringen und beteiligen soll. An die Bedeutung der Mutter wird er aber zumindest in den ersten Monaten und Jahren nicht ran kommen.
Phil2302 07.07.2015
2.
Das wird von Feministinnen nie gesehen - genauso, wie Männer gerne mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen möchten, wollen es aber eben auch die Frauen. So lässt sich der Knick in der Karriereleiter erklären: Frauen merken, dass das Familienleben sehr schön und erstrebenswert ist, und kehren deswegen nicht wieder in die Vollzeitstelle zurück. So, wie macht man das jetzt? #aufschrei oder so? Ach ne, das zählt ja nicht dazu.
mats73 07.07.2015
3. Beide Teilzeit!
der Wunsch ist schon, dass sich beide Elternteile gleich viel ums Kind kümmern. Die Politik ignoriert aber, dass Teilzeit gewünscht ist, damit Beide gleich viel Zeit fürs Kind haben. Die Politik setzt mit Zwang 100% Betreuung um, und zwingt beide Elternteile in Vollzeit-Arbeit, damit kein Elternteil mehr Zeit für sein Kind hat. (damit diese sozial priviligierten Gutverdiener nicht auch noch durch Liebe und Zeit ihren Kindern einen besseren Start ermöglichen. Stattdessen lieber alle mit Zwang in die staatlichen Verwahranstalten)
Criticz 07.07.2015
4. Männer wünschen sich Veränderungen - interessiert nicht!
richtig, Männer hätten auch gerne "beides", Familie und Beruf- aber die Frauen müssen mit spielen. Und viele, nicht alle, Frauen wissen natürlich, dass man Familie und Beruf am Besten mit einem Teilzeitjob und Kinderbetreuung verwirklichen kann. Väter dürfen dann gerne die "Ernährer" bleiben und haben halt Pech gehabt, wenn sie so wenig von ihren Kindern haben. Gerne auch mit einer Vielzahl von unbezahlten Überstunden, wie kürzlich hier zu lesen. (Auch) deshalb ist das Gejammere von den ständig und überall benachteiligten Frauen absurd und längst von gestern.
TangoGolf 07.07.2015
5. das Problem
der Feministinnen ist doch dieses: sie können sich einfach nicht vorstellen, dass dieses "konservative" Familienbild tatsächlich auch für viele Frauen als ideal betrachtet wird. Das ist der Grund, warum sie trotz der Meinungshoheit in den Medien immer auch weltfremd geblieben sind.
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