Anderthalb Jahre lang erschien das Duisburger Rathaus als Trutzburg mit schweren Holztüren und protzigen Säulengängen. Hier regierte - manche sagen: hier verschanzte sich - nach der Love-Parade-Katastrophe mit 21 Toten Adolf Sauerland (CDU), bis ihn im Februar 2012 ein Bürgerentscheid aus dem Amt fegte. Seit wenigen Wochen nun hat die Ruhrgebietsmetropole einen neuen Verwaltungschef: Der SPD-Landtagsabgeordnete Sören Link, 36, setzte sich in einer Stichwahl mit 72 Prozent gegen einen fast doppelt so alten CDU-Politiker durch. Zeit für einen Besuch.
Es geht hinauf in den ersten Stock, in das Eckbüro hinten links. "Hi", sagt Link und drückt dem Besucher fest die Hand. Der Oberbürgermeister trägt Jeans, ein blaues Hemd, eine modische Brille. In seinem Büro stehen zwei Bilder auf dem Boden an der Wand. Das eine ist ein sehr schmeichelhaftes Porträt der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in knalligen Bonbontönen, das andere eine Zeichnung, die Link mit mächtiger Königskrone zeigt. "Das passt eigentlich nicht zu mir. Ich bin ziemlich uneitel", versichert er und fügt schnell hinzu: "Ein Geschenk, über das ich mich sehr gefreut habe."
SPIEGEL ONLINE: Ihr Amtsvorgänger Adolf Sauerland ist für sein Krisenmanagement nach der Love Parade scharf kritisiert worden. Wie haben Sie als Duisburger den damaligen Oberbürgermeister erlebt?
Link: Am Tag des Unglücks war ich im Ausland. Ich war fassungslos und geschockt und in großer Sorge um Freunde, von denen ich wusste, sie sind dort. Ihnen ist glücklicherweise nichts passiert. Wie sich Adolf Sauerland dann in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten verhalten hat, hat mich zutiefst beschämt. Ich dachte ständig: Das ist nicht das Duisburg, das ich kenne.
SPIEGEL ONLINE: Dieser Dienstag ist der zweite Jahrestag der Katastrophe. Sie werden am Nachmittag auf der zentralen Gedenkveranstaltung - anders als Ihr Amtsvorgänger - eine Ansprache halten. Wie wollen Sie die richtigen Worte finden?
Link: Das ist eine Aufgabe, über die ich gerade sehr viel nachdenke. Für mich war es ein ganz wichtiges Signal, dass die Angehörigen der Opfer mich eingeladen haben, um bei der 75-minütigen Trauerfeier auf dem Opernplatz zu sprechen. Daraus resultiert eine große Verpflichtung. Das ist die wichtigste Rede meines bisherigen Lebens. Sie können sich sicher sein, die Gedanken, die ich mir da gerade mache, sind nicht ohne.
SPIEGEL ONLINE: Noch immer ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen elf Mitarbeiter Ihrer Verwaltung. Wie gehen Sie mit diesem schwierigen Erbe um?
Link: Ich setze voraus, dass jeder unschuldig ist, bis ein Gericht das Gegenteil bewiesen hat. Als Dienstherr habe ich eine Fürsorgepflicht gegenüber meinen Mitarbeitern, wir unterstützen sie in allen Belangen. Die Kollegen sind ja auch in einer schwierigen Situation. Sollte es jedoch zu Verurteilungen kommen, werden wir daraus Konsequenzen ziehen.
SPIEGEL ONLINE: Duisburg schien in den vergangenen Jahren die schlechten Nachrichten förmlich anzuziehen: die Mafia-Morde, der Rockerkrieg, das Love-Parade-Unglück. Welche Folgen hat das für das Lebensgefühl der Menschen hier?
Link: Es ist nicht schön, wenn man auf seine Heimatstadt immer in diesen negativen Zusammenhängen angesprochen wird - und die Love Parade war der Höhepunkt dieser Reduzierungen. Ich weiß aber, dass Duisburg viel mehr zu bieten hat. Und es ist unter anderem meine Aufgabe, diese Stärken der Stadt wieder herauszuarbeiten: Wir haben einen der beliebtesten Zoos Deutschlands, wir haben sehr attraktive Naturschutzgebiete, wir haben einen Innenhafen, der zeigt, wie aus einer Industriebrache modernster Büro- und Wohnraum werden kann, wir haben mit dem Landschaftspark Nord eines der populärsten Baudenkmäler des Landes, wir haben eine richtig gute Universität...
SPIEGEL ONLINE: Sie haben aber auch - wie viele Städte in Nordrhein-Westfalen - sehr viele Arbeitslose: 12,8 Prozent. Wie lässt sich da gegensteuern?
Link: Diese hohe Arbeitslosigkeit ist eine Folge des Strukturwandels, der die gesamte Region stark getroffen hat. Es ist Aufgabe jedes Politikers, dagegen anzugehen, aber meine Möglichkeiten sind begrenzt. Ich kann einige Weichen stellen und bei der Wirtschaft werben, aber Stellen schaffen in beträchtlicher Zahl kann ich leider nicht.
SPIEGEL ONLINE: Zumal Sie sparen müssen. Die finanzielle Lage der Stadt ist desaströs. Mit 2,2 Milliarden Euro Schulden ist sie kaum noch handlungsfähig. Was wollen Sie tun?
Link: Wir müssen massiv sparen. Die Verschuldung ist eine große Last, weil sie unsere Gestaltungsmöglichkeiten stark minimiert. Der Rat hat deswegen bereits vor meinem Amtsantritt einen Sparplan beschlossen. Außerdem gibt die rot-grüne Landesregierung mit dem "Stärkungspakt Stadtfinanzen" den Kommunen nun endlich eine Chance, den Teufelskreis immer neuer Verbindlichkeiten zu durchbrechen. Bis zum Ende des Jahrzehnts will ich ohne neue Schulden auskommen.
SPIEGEL ONLINE: Sie verzichten dafür nun sogar auf einen neuen Dienstwagen. Ein großes Opfer?
Link: Nein, aber ein bewusster Schritt. Jeder muss seinen Beitrag leisten.
SPIEGEL ONLINE: Im Wahlkampf versprachen Sie einen "neuen Stil". Wie wird der aussehen?
Link: Das Gespräch mit den Bürgern begreife ich nicht als lästiges Übel, sondern als echte Chance für breite Unterstützung und neue Ideen. In diesem Sinne will ich meine Amtszeit konsequent nutzen. Ich möchte die Leute frühzeitig informieren und bewusst mitnehmen. Das soll hier keine One-Man-Show werden, sondern ein konstruktives Miteinander in einer offenen Stadt.
SPIEGEL ONLINE: Ganz offensichtlich braucht Duisburg nun einen Oberbürgermeister, der die Gemeinde einen kann. Trauen Sie sich diese schwierige Aufgabe mit 36 Jahren bereits zu?
Link: Unbedingt. Das ist mein Anspruch und liegt mir sehr am Herzen. Duisburg hat eine Menge Potential, das sich aber nur entfalten lässt, wenn wir alle wieder zusammenrücken und an einem Strang ziehen. Mein Alter spielt dabei keine Rolle. Es geht nur darum, ob man die Menschen zusammenführen kann oder nicht.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie können das?
Link: Ich traue mir das zu, ja.
SPIEGEL ONLINE: Versöhnen, Arbeit schaffen, sparen und dann noch die Schützenfest-Pflichttermine. Zuvor saßen Sie für die SPD im Landtag und waren ein allseits geachteter Fachmann für Schulpolitik. Warum tun Sie sich diese neue Aufgabe überhaupt an?
Link: Als Duisburger nun Duisburger Oberbürgermeister sein zu können, gerade in einer so schwierigen Zeit, das reizt mich. Ich glaube an diese Stadt und will, dass sie aus dem Tal der Tränen herausfindet. Und Schützenfeste gehören selbstverständlich dazu.
Das Interview führte Jörg Diehl
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