Traumatische Einsätze: Bundeswehr schickt Auslandskämpfer zum Psychotest

Soldat der Bundeswehr in Kunduz: Extreme Belastungen bei Auslandsmissionen Zur Großansicht
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Soldat der Bundeswehr in Kunduz: Extreme Belastungen bei Auslandsmissionen

Immer mehr deutsche Soldaten kehren traumatisiert von Auslandseinsätzen zurück. Mit speziellen Eignungstests will die Bundeswehr künftig psychische Vorerkrankungen bei den Kämpfern ausschließen. Der Wehrbeauftragte Königshaus begrüßt die geplanten Screenings.

Berlin - Militärische Auslandseinsätze setzten Soldaten oft unter extremen psychischen Druck - das gilt auch für Mitglieder der Bundeswehr. In den vergangenen Jahren registrierte die Truppe einen sprunghaften Anstieg der traumatischen Störungen. Nun will die Bundeswehr laut einem Bericht der "Welt" verstärkt psychologische Tests bei den Kämpfern im Auslandseinsatz vornehmen. Das Blatt beruft sich auf einen Sachstandsbericht, den der Beauftragte des Ministeriums für Einsatztraumatisierte dem Bundestag vorgelegt hat.

Ein erstes psychologisches Screening ist laut dem Bericht schon bei der Einstellung des Soldaten vorgesehen. Damit soll verhindert werden, dass Männer und Frauen mit bereits vorhandenen psychischen Störungen oder Erkrankungen in einen belastenden Auslandseinsatz geschickt werden. Bisher wurden diese bei den Eignungstests nur unzureichend registriert.

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP), begrüßt die Initiative. "Ich hoffe, dass die vorgeschlagenen Screenings künftig ausschließen können, dass vorbeschädigte Soldatinnen und Soldaten in Auslandseinsätze gesandt werden", sagte er SPIEGEL ONLINE. Es sei ein Problem, dass Einsatzrückkehrer mit ihren Versorgungsansprüchen im Falle einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) lange in der Luft hingen. Dies gelte besonders nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr. "Nicht selten benennt die Bundeswehr Vorerkrankungen als Begründung für die Ablehnung der Anerkennung der Wehrdienstbeschädigung", sagte Königshaus.

Weitere Untersuchungen sollen vor der ersten Mission jenseits der deutschen Grenzen folgen. Ziel ist, die Soldaten nicht nur körperlich, sondern auch mental auf ihre Eignung für die besonderen Belastungen zu prüfen.

Weitere Tests sind vor Folgeeinsätzen und im Zuge sogenannter Nachbereitungsseminare geplant, ein erster Probelauf für das neue Verfahren soll Ende 2013 starten. Getestet werden Soldaten, die für den Afghanistan-Einsatz vorgesehen sind.

Zahl der PTBS-Fälle steigt rapide

Bisher suchen deutsche Soldaten noch deutlich seltener psychologische Hilfe nach Einsätzen als etwa ihre Kameraden aus den USA oder Großbritannien. Während US-Truppen Raten von 9 bis 20 Prozent aufweisen und britische Einheiten etwa auf vier Prozent kommen, entwickelten lediglich 2,9 Prozent der in Afghanistan stationierten deutschen Soldaten eine behandlungsbedürftige PTBS.

Trotzdem steigt die Zahl der behandelten PTBS-Fälle kontinuierlich. Im Jahr 2006 wurden lediglich 83 Patienten dokumentiert, im vergangenen Jahr waren es bereits 1143 Soldaten. Das Problem einsatzbedingter psychischer Erkrankungen habe sich weiter verschärft, heißt es auch im Jahresbericht 2012 des Wehrbeauftragten des Bundestags.

Zudem ist das Thema noch immer mit einem Stigma belegt - entsprechend hoch dürfte die Dunkelziffer sein. Mediziner gehen davon aus, dass nur jeder zweite Betroffene auch wirklich Hilfe in Anspruch nimmt. Unter den psychischen Belastungen leiden nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch deren Angehörige. Die Auswirkungen auf das Zivilleben erfasst die Bundeswehr jedoch nicht.

Das erleben deutsche Soldaten im Kriegseinsatz im Ausland
Mindestens einmal erlebt... Gesamt (n=1483) ohne PTBS (n=689) PTBS-Diagnose Lebenszeit (n=65)
zerstörte Häuser oder Dörfer gesehen 70,4% 76,4% 78,7%
Beschuss/Angriff durch Artillerie, Raketen/Minen 36,0% 43,6% 44,8%
Feindseligkeiten von Zivilpersonen erfahren 32,6% 39,4% 54,7%
kranke/verletzte Frauen/Kinder gesehen, ohne helfen zu können 32,0% 39,4% 54,3%
tote oder schwer verletzte Kameraden gesehen 31,3% 41,7% 45,9%
angegriffen oder überfallen worden 30,5% 38,6% 48,0%
Leichen oder Leichenteile gesehen 29,6% 38,5% 46,4%
Jemanden zu kennen, der schwer verletzt wurde 28,6% 38,3% 54,3%
Angriff mit Handfeuerwaffen 24,6% 31,1% 45,4%
Zeuge gewesen bei Gewalt in der einheimischen Bevölkerung 21,0% 24,9% 38,7%
unkonventionelle Spreng-/Brandvorrichtungen in Nähe explodiert 20,4% 27,2% 31,3%
Höhlen oder Bunker geräumt/untersucht 20,4% 27,2% 31,3%
in vermintem Gelände gearbeitet 19,2% 24,2% 30,5%
auf den Gegner gezielt oder geschossen 18,1% 23,6% 30,1%
knapp verfehlt worden, Landung eines Blingängers in der Umgebung 17,1% 22,1% 32,5%
Zeuge eines Unfalls mit schwerer Verletzung/Tod 17,0% 21,8% 33,5%
Zeuge, als ein Kamerad eigener Einheit verletzt wurde 12,0% 16,1% 27,5%
Mithilfe bei der Räumung von Minen 10,7% 12,0% 18,9%
Häuser oder Gebäude geräumt/untersucht 10,2% 12,6% 21,8%
Entwaffnung von Zivilpersonen 9,0% 11,1% 21,6%
bedrohliche Situationen, ohne wegen Befehl reagieren zu können 8,3% 11,6% 19,0%
Zeuge Brutalität/Misshandlung gegenüber Unbeteiligten 7,9% 9,7% 19,4
knapp verfehlt, Ausrüstung vom Körper weggeschossen 7,9% 9,7% 19,4%
Umgang mit Identifizierung von Leichenteilen 6,9% 9,5% 15,9%
Beschuss des Gegners befohlen 6,8% 8,0% 13,4%
knapp verfehlt, getroffen oder angeschossen, aber gerettet 5,2% 7,0% 9,5%
andere über Tod eines Kameraden informiert 5,1% 7,4% 13,5%
verantwortlich für den Tod eines Gegners 4,2% 5,6% 7,6%
Verstöße gegen Kriegsgesetzte/Genfer Konvention beobachtet 3,4% 5,2% 7,6%
verwundet, verletzt worden 2,3% 3,3% 8,2%
in Nahkampf verwickelt gewesen 2,2% 2,8% 6,5%
Kamerad daneben wurde getroffen oder getötet 1,9% 2,7 6,4%
für Tod/schwerwiegende Verletzung von Kamerad verantwortlich 0,4% 0,8% 0,0%
PTBS = Posttraumatische Belastungsstörung. Mehrfach erlebte Ereignisse werden nicht berücksichtigt. n = Zahl der Betroffenen. % = gewichtete Prozente. Quelle: Wittchen et al., Traumatische Ereignisse und posttraumatische Belastungsstörungen bei im Ausland eingesetzten Soldaten: Wie hoch ist die Dunkelziffer? Deutsches Ärzteblatt, 2012.

jok

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insgesamt 115 Beiträge
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1.
derigel3000 15.05.2013
Manchmal frage ich mich echt - OHNE die Soldaten angreifen zu wollen - was an einem Afghanistan-Einsatz so traumatisierend ist. So wie ich es doch verstehe, besteht dort der Hauptjob der BW aus Patrouillen etc ?! Wenn das schon so viele traumatisierte Männer zurücklässt, was haben dann beide Weltkriege hinterlassen? Damals gab es ja noch keine psychologische Betreuung in dem Maße. Und trotzdem sind nicht alle Heimkehrer durchgedreht oder haben angefangen zu saufen...
2. In den 1. + 2. Weltkrieg
spiekr 15.05.2013
Zitat von derigel3000einfach lächerlich. wieso gabs vor 30 jahren kaum depressionen und burn out?
wurden andere Männer geschickt, die emotionsloses Töten besser "wegstecken" konnten "jeder Schuss ein Russ, jeder Stoss ein Franzos". Solche Männer wollten wir ab 1945 nicht mehr haben - auch nicht in der Bundeswehr. Danach freuten wir uns zurecht auf die neuen Männer als zärtliche Väter, Liebhaber und empathische Bürger. Diese werden nicht krank in Auslandseinsätze geschickt, sondern gesund und kommen krank wieder, weil der Krieg zurecht als krankmachend erkannt wurde. Insofern soll mir die Bundeswehr mal sagen, wie Soldaten demnach zum Töten ohne "Nachwehen" ausgefiltert werden.
3. Ausmustern
gonger 15.05.2013
Vielleicht bringt der Psychotest ja dahingehend etwas diejenigen rechtzeitig auszumustern, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind bevor sie nach dem Einsatz in der Klapse landen. Aber diejenigen haben auch die fette Tageszulage nicht verdient. Mein Gott, was für Weich...So etwas hat es früher nie gegeben !
4. so
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 15.05.2013
Und wer kümmert sich um die traumatisierten Afghanen? Die Taliban?
5.
stahlhelm... 15.05.2013
typisch unqualifizierte Aussage Aussage von jemandem der drei berichte zum Thema Bundeswehr und auslandseinsatz gelesen hat und jetzt meint er müsste dies der Welt mitteilen!!! wenn man keine Ahnung hat einfach mal die ...... halten!
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Statistische Nebenaspekte zur Posttraumatischen Belastungsstörung
Im Vergleich zu internationalen Erhebungen würden bei deutschen Soldaten nie Suchterkrankungen, körperliche Beschwerden aufgrund psychischer Belastungen und Persönlichkeitsstörungen als Hauptdiagnose gestellt, wundern sich die Forscher von der TU Dresden. Das habe womöglich damit zu tun, dass beim Zuordnen des Krankheitsbilds ein eindeutiger Kausalzusammenhang gefordert wird zwischen den traumatischen Erlebnissen und den Problemen. Und das ist oft nur schwer möglich.

Rund 7700 Soldaten der Bundeswehr sind derzeit in Afghanistan und auf dem Balkan stationiert. 2,9 Prozent entwickeln hinterher eine massive Belastungsstörung - erstaunlich wenige, vergleicht man die US-Truppen damit, die Raten von 9 bis 20 Prozent aufweisen, oder britische Einheiten (4 Prozent). Die Forscher vermuten, das hänge mit den effektiveren gesundheitlichen Auswahlverfahren, der intensiveren Vorbereitung, den kürzeren Einsätzen und den geringeren Gefechtsaktivitäten der deutschen Soldaten zusammen.

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