Soldaten in Afghanistan Tödlicher Spaß beim Pistolenspiel

Sie richten ihre Pistolen auf Kameraden, posieren mit ihren Waffen für Fotos: Die Ermittlungen nach dem Tod eines Hauptgefreiten in Afghanistan geben Hinweise auf weitverbreitete Waffenspiele beim Auslandseinsatz der Bundeswehr.

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REUTERS

Berlin - Der fahrlässige Umgang mit Waffen, von einem Soldaten leicht salopp als "spielerischer Umgang" gewertet, ist bei der Bundeswehr in Afghanistan offenbar ein verbreitetes Ritual. Bei den Ermittlungen nach dem Tod des Soldaten Oliver O. am 17. Dezember 2010 auf einem Außenposten in Nordafghanistan sagten nach Informationen von SPIEGEL ONLINE mehrere Bundeswehrkämpfer aus, Soldaten hätten bei verschiedenen Gelegenheiten die Waffen aus Spaß aufeinander gerichtet. Einige von ihnen ließen sich demnach sogar beim sogenannten Posing mit den Dienstwaffen fotografieren.

Die Aussagen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, deuten auf mögliche Rituale der Bundeswehrsoldaten beim Afghanistan-Einsatz, die Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg möglichst bald aufklären will. Gleichzeitig mit der vorläufigen Suspendierung des Kapitäns der "Gorch Fock" hatte der Minister die Teilstreitkräfte angewiesen, "eine Zusammenfassung disziplinärer Vorfälle / Ermittlungen im Ausbildungsbetrieb und Einsatz im Zusammenhang mit Verstößen gegen die Grundsätze der Inneren Führung über den Zeitraum des letzten halben Jahres" zu erstellen und bis Anfang Februar vorzulegen.

Feldjäger prangern Unachtsamkeit des Schützen an

Der Fall des getöteten Oliver O. und wahrscheinliche Waffenspiele unter den Soldaten in Afghanistan werden bei den Nachforschungen eine große Rolle spielen. Der Hauptgefreite war am Abend des 17. Dezember im Mannschaftszelt des "A-Zugs" durch einen Schuss aus der Dienstpistole vom Typ P8 seines Kameraden Patrick S. getroffen worden. Laut den Feldjägern sind "die Nichteinhaltung von Sicherheitsbestimmungen und die Unachtsamkeit" des Schützen der "Grund für den tödlichen Vorfall". Gleichwohl sei "auszuschließen, dass es sich um eine vorsätzliche Tat handelt", vielmehr sei es ein Unfall gewesen.

Abseits des Tathergangs erlauben die Aussagen der Soldaten aus dem Zelt einen seltenen Einblick in die abgeschottete Welt der Bundeswehrkämpfer im Afghanistan-Einsatz. Zwar beteuerten alle Soldaten, dass es sich bei dem Kopfschuss aus nächster Nähe um einen tragischen Unfall handele. Gleichwohl erinnerte sich ein Hauptgefreiter auch an die Situation vor dem Schuss. "Hauptgefreiter S. fuchtelte mit seiner Waffe vor dem Hauptgefreiten O. herum", so die Aussage. Ein anderer Bundeswehrangehöriger erinnerte sich, die beiden Soldaten hätten "sich gegenseitig die Waffen vor die Nase" gehalten, bevor sich der Schuss löste.

Soldaten sollen sich in martialischen Posen fotografiert haben

Alarmierend für die Bundeswehrführung und Guttenberg sind Randbemerkungen, die auf weitverbreitete Spielereien mit Dienstwaffen hindeuten. So wurde ein Hauptgefreiter befragt, ob ihm Spiele unter den Soldaten mit ihren Dienstwaffen bekannt seien, ob es gar zu gestellten Fotos gekommen sei. Die Antwort ist klar. "Ja, es wurden früher schon ein paar Fotos gemacht." Er wisse, dass es Bilder gebe, auf denen zwei Hauptgefreite "sich gegenüberstehen und ihre Waffen aufeinander richten". Das sei aber nur "Spaß" gewesen, der Todesschuss hingegen "ein blöder Unfall, ein Zufall".

Ein weiterer Soldat bestätigte die unter Soldaten als "Poser-Fotos" bekannten Bilder ebenfalls. "Kameraden haben manchmal Poser-Fotos gemacht, bei denen sie sich mit Waffen in martialischer Pose fotografiert haben", sagte ein Hauptgefreiter gegenüber den Feldjägern aus. Andere Soldaten hingegen sagten auch auf Nachfrage der Ermittler, sie wüssten nichts über solche Vorfälle. Gleichwohl bestätigte einer der Augenzeugen durch seine Aussage den Verdacht, dass der spätere Schütze auf seinen Kameraden zielte.

"Das war keine Absicht", so der Hauptgefreite, "sondern einfach nur dummes Rumspielen und ein dummer Zufall."

Die Minuten nach dem Schuss aus nächster Nähe - die Feldjäger schätzen die Entfernung auf weniger als zwei Meter - werden nach diesen Aussagen in ihrer ganzen Dramatik deutlich: Mit allen Mitteln versuchten die Soldaten, die starken Blutungen des Hauptgefreiten O. zu stoppen - ohne Erfolg. Obwohl die US-Armee umgehend einen Hubschrauber zum Transport ins nahe gelegene Feldlazarett organisiert hatte, erlag Oliver O. rund eine Stunde nach dem Schuss seinen Verletzungen. Die tödliche Kugel hatte seinen Schädel durchschlagen und eine große Austrittswunde hinterlassen.

Waffenspiele werden in der Ermittlungszusammenfassung nicht erwähnt

Pikanterweise sind die Aussagen der Soldaten über die Waffenspiele und das Posing in der Zusammenfassung ihres Berichts nicht erwähnt. Der Report ging samt den Vernehmungen an die Staatsanwaltschaft Gera, die gegen Patrick S. wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. In der Kurzform beschreiben die Feldjäger lediglich, dass S. offenbar beim Reinigen und Kontrollieren seiner Waffe nicht bemerkt habe, dass sich noch eine Kugel im Lauf befand. Die Aussagen der Soldaten deuten allerdings auch daraufhin, dass er absichtlich auf seinen Kameraden zielte - ohne zu wissen, dass seine Waffe scharf geladen war.

Abseits der Tatrekonstruktion wird in den Aussagen auch das persönliche Drama hinter dem Unfall deutlich. Mehrere Soldaten sagten aus, die beiden Hauptgefreiten seien "nicht nur Kameraden, sondern Freunde gewesen", wie Brüder hätten sich die beiden verhalten. Nach dem Ende des Auslandseinsatzes wollten sie gemeinsam in den Urlaub fahren. Abseits der politischen Aufregung haben sich die Familien des Schützen und des Getöteten mittlerweile versöhnt. "Wir wollen nicht, dass der Freund glaubt, dass wir ihm ein Leben lang böse sind", sagte die Mutter von Oliver O. bei seiner Beerdigung.

Für die Bundeswehr und die Führung des Wehrressorts werfen die Aussagen neue Fragen auf. Im Ministerium war das Posing unter den Soldaten zwar seit längerem als Gerücht bekannt, Belege dafür gab es aber bisher nie.

Nach der Erwähnung von möglichen Bildern in martialischen Posen muss die Bundeswehrführung nun damit rechnen, dass Schock-Fotos deutscher Soldaten schon bald im Großformat in den Medien zu sehen sein werden. Die "Bild"-Zeitung jedenfalls hat bereits eine E-Mail-Adresse eingerichtet; dort sollen Leser, aber auch Soldaten Bilder und Infos zu möglichen Ritualen einsenden.

Spätestens wenn solche Bilder in der Presse auftauchen, wird sich auch der Verteidigungsminister den Ritualen seiner Soldaten im Auslandseinsatz am Hindukusch sehr schnell annehmen.

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insgesamt 112 Beiträge
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reinhard_m, 24.01.2011
1. Der Einsatz ist von Grund auf falsch
Zitat von sysopSie richten ihre Pistolen auf Kameraden, posieren mit ihren Waffen für Fotos:*Die Ermittlungen nach dem Tod eines Hauptgefreiten in Afghanistan geben Hinweise auf weit verbreitete Waffenspiele beim Auslandseinsatz der Bundeswehr. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741295,00.html
Das sind kindische, pubertäre Spielereien von unreifen jungen Leuten, die von Rot-Grün in einen sinnlosen Einsatz geschickt wurden. Die - im wahrsten Sinne des Wortes - "tödliche" Langeweile wird mit halbstarken "Mutproben" und Albernheiten verdrängt. Schuld am ganzen Elend ist die rot-grüne Reformregierung, die erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder mal "Besatzer" spielen und die Welt am deutschen Wesen genesen lassen wollte. Schuld sind aber auch Vorgesetzte (die unmittelbar vor Ort und nicht die tausende Kilometer westlich im Bürostuhl), die einem derartigen Treiben tatenlos zusehen. Richtige Soldaten, wie wir es damals waren, machen so einen Unfug nicht, aber unreife Jungs, die von einer verantwortungslosen Politik mit Brunnenbohrerlügen und Schülerlotsen-Legenden in einen sinnlosen Einsatz geschickt werden offenbar schon.
egils 24.01.2011
2. Und wiederteinmal...
...die vorgespielte Ahnungslosigkeit. Was habven denn diese verrueckten und sauduummen "Waffenspiele" mit dem Afghanistan-Einsatz zu tun? Dasselbe geschieht auch in Deutshcen Kasernen in der Grundausbildung. Fast jeder hat das obligatorische "Rambo0-Bild" gemacht mit ABXC-Maske auf dem kopf und G3 (damals noch) im Anschlag oder so... Es gab auch schon damals Faelle von Schussunfaellen, auch tödliche! Das ist bekannt...und das war nicht im Auslandseinsazt. jeder Soldat, jder grundwehrdienstleistende wird staendig darueber aufgeklaert diese Spiele zu unterlassen und niemals, auch nciht mit einer offensichtlich ungeladenen Waffe auf andere menschen zu zielen. Es hiengen sogar Schrifttafeln und Schilder ueberall die deis angemahnt haben. Und trotzdem ist es geschehen..warum? Weil junge menschen nun mal Blödsinn machen. Da kann die Bw nichts dafuer. Es ist sehr, sehr tragisch, aber es ist doch wahrscheinlcih ein Unfall aus Uebermut. Bis nichts anderes bewiesen wurde sollte man sich also ein wenig zuruecklhalten, insbesondere unsere Politischen parteien. Die Bundeswehr steht im Einsatz...alle Teilstreitkraefte tun dass, und da soltle man etwas vorsichtiger sein als sogenannter Mandatstraeger ob man deise Bw wegen politischer Spielchen so beschaedigen möchte. Schande ueber diese Politiker und die parteien die das zulassen.
Terrorkater 24.01.2011
3. Bah!
Zitat von reinhard_mDas sind kindische, pubertäre Spielereien von unreifen jungen Leuten, die von Rot-Grün in einen sinnlosen Einsatz geschickt wurden. Die - im wahrsten Sinne des Wortes - "tödliche" Langeweile wird mit halbstarken "Mutproben" und Albernheiten verdrängt. Schuld am ganzen Elend ist die rot-grüne Reformregierung, die erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder mal "Besatzer" spielen und die Welt am deutschen Wesen genesen lassen wollte. Schuld sind aber auch Vorgesetzte (die unmittelbar vor Ort und nicht die tausende Kilometer westlich im Bürostuhl), die einem derartigen Treiben tatenlos zusehen. Richtige Soldaten, wie wir es damals waren, machen so einen Unfug nicht, aber unreife Jungs, die von einer verantwortungslosen Politik mit Brunnenbohrerlügen und Schülerlotsen-Legenden in einen sinnlosen Einsatz geschickt werden offenbar schon.
Blödsinn. Auch wir haben damals mit unseren G3 posiert, welcher Soldat hat das nciht getan? Okay, wir haben darauf geachtet, dass die Waffen entladen und gesichert waren. Übermutig? Unreif? Nein, eher überfordert. Und damals waren keine Unteroffiziere oder Offiziere vor Ort, wir waren ja nicht dämlich... Die Schelte auf rot-grün ist ebenso daneben wie der Rest. Immerhin hat scgwarz/gelb dafür gestimmt, und Merkel wollte gar unbedingt im Irak mitspielen. Aber das vergisst man in seinem Wahn gerne...
Askari 24.01.2011
4. Große Jungen
Große Jungen spielen nun einmal gerne mit Waffen. Das war schon immer so und hat nichts mit dem Auslandseinsatz in Afghanistan zu tun.
frank_lloyd_right 24.01.2011
5. was haben wir da nur fuer kandidaten am start ?
wir brauchen dringend eine berufsarmee, das ist klar - und selbst da : wer taeglich mit kanonen hantiert, dem geht schon mal einer ab (ganz ohne witz, man wird erst vorsichtig, nachdem man im schnitt zweimal aus versehen irgenwohin geballert hat - dann wird man meist SEHR vorsichtig). aber es gehoert auch zur vorsicht, niemand anderem, der mit einer waffe hantiert, in der schusslinie herumzustehen - dazu ist der heutige durchschnittsbubi offenbar nicht paranoid genug : man muss ihn besser und laenger ausbilden. ich denke, fuer wehrpflichtige ist das alles "too much", solche leute haben logischerweise eine hoehere verlustrate durch "friendly fire". eine wehrpflichtsarmee ist eine an sich verantwortungslose sache, geradezu menschenverachtend (okay, jetzt muss ich selbst grinsen)- aber im ernst, wer braucht sowas, wenn er nicht gerade einen "weltkrieg" fuehren moechte und genau darum massig kanonenfutter ausheben laesst ?
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