ThemaMerkels RegierungRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Soli-Abschaffung Kauder und Schäuble bremsen FDP aus

Einkommensteuer: Künftig ohne Solidaritätszuschlag? Zur Großansicht
dapd

Einkommensteuer: Künftig ohne Solidaritätszuschlag?

Der Dauerbrenner Steuersenkung sorgt wenige Tage vor einem Spitzentreffen einmal mehr für Ärger. Die FDP-Fraktion unter Rainer Brüderle will den Soli absenken, Finanzminister Wolfgang Schäuble und Unions-Fraktionschef Volker Kauder denken nicht daran. Es drohen harte Verhandlungen.

Berlin - Am Sonntag will die FDP eigentlich liefern. Endlich will Parteichef Philipp Rösler ein Ergebnis zur Steuersenkung präsentieren. Es ist eine Altlast aus der Westerwelle-Ära. Doch das Treffen der Koalitionsspitzen im Kanzleramt, bei dem das Thema abgeräumt werden soll, steht unter keinem guten Stern. Union und FDP haben sich, wieder einmal, bei ihrem Streitthema Nummer eins verhakt. "Es werden äußerst schwierige Gespräche werden", heißt es warnend in führenden Unionskreisen. Auch bei der FDP stellt man sich auf zähe Verhandlungen ein.

Der Grund: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Unions-Fraktionschef Volker Kauder wollen den Solidaritätszuschlag nicht antasten. Doch gerade das will jetzt die FDP. Zumindest in der Bundestagsfraktion unter ihrem Vorsitzenden Rainer Brüderle kursiert seit neuestem ein Papier, in dem es heißt: "Die FDP sollte sich auf eine Absenkung des Solidaritätszuschlags konzentrieren."

Noch vor zwei Wochen sah die Gefechtslage anders aus. Da hatten Rösler und Schäuble gemeinsam auf einer Pressekonferenz in Berlin den Abbau der kalten Progression versprochen. Doch weil CSU-Chef Horst Seehofer in München nichts von dem Termin wusste, blockte er ab und stellte das Vorhaben in Frage. Offiziell befürchtet der bayerische Ministerpräsident, für den Abbau der kalten Progression im Bundesrat keine Mehrheit zu finden. Für den Soli hingegen ist die Zustimmung der Länder nicht notwendig.

Brüderle glaubt nicht an grünes Licht des Bundesrats

Dabei wäre eine Reform bei der kalten Progression dringender. Und gerechter. Durch den progressiv-linearen Einkommenstarif - wer mehr verdient, zahlt mehr Steuern - rutschen Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen automatisch in einen höheren Steuertarif, wenn sie Lohnzuschläge - etwa in Form eines Inflationsausgleichs - erhalten. Am Ende kann ihr Nettogehalt - trotz höherer Bruttogehälter - sogar sinken. Bei den Liberalen war der Kampf gegen die kalte Progression lange Zeit das eigentliche Ziel der Steuersenkung. Der Griff zum Soli ist eine Notgeburt. Die FDP-Fraktion unter Brüderle will sich eine quälende Hängepartie ersparen. In dem FDP-Vermerk heißt es: "Ein Gesetzentwurf zur Abmilderung der kalten Progression kostet zu viel Zeit und scheitert am Ende ohnehin an Rot-Grün im Bundesrat."

In den letzten Tagen hatte sich auch die FDP-Bundesspitze vom ursprünglichen Plan abgesetzt, dem Abbau der kalten Progression den Vorrang zu geben. FDP-Generalsekretär Christian Lindner wiederholte zwar, es stünden weiterhin zwei Modelle im Gespräch - Reform des Einkommenstarifs und des Solidaritätszuschlags. Zugleich betonte er aber auch: "Nicht das Instrument ist entscheidend, sondern das Ziel".

Sachsens FDP will Soli in drei Schritten abschaffen

Doch wird der Plan B - Abbau des Soli - überhaupt Realität?

Unions-Fraktionschef Kauder und Schäuble wehren sich. Kauder sieht die soziale Symmetrie in Gefahr. Bei der Abschaffung des Soli - derzeit 5,5 Prozent Zuschlag auf Einkommens- und Körperschaftsteuer - profitieren vor allem die Besserverdienenden. Der Soli wird erst ab einem Monatseinkommen von 1400 Euro brutto bei Singles und ab 2800 Euro bei Verheirateten fällig. Hinzu kommt eine Gleitzone, so dass die komplette Wirkung des Solidaritätszuschlags eigentlich erst bei rund 1500 Euro beziehungsweise für Verheiratete bei 3050 Euro brutto einsetzt.

Das eigentliche Ziel beim Abbau der kalten Progression - die Entlastung kleinerer und mittlerer Einkommen - könne durch eine Senkung des Solidaritätszuschlags überhaupt nicht erreicht werden, argumentiert Schäuble.

Nun heißt es in dem Papier aus der FDP-Fraktion: Beim Solidaritätszuschlag könnten die Freigrenzen angehoben werden, "so dass die von den heimlichen Steuererhöhungen besonders betroffenen Einkommensgruppen keinen Solidaritätszuschlag bzw. nur noch einen sehr geringen Solidaritätszuschlag zahlen. Für darüber liegende Einkommen fällt weiter Solidaritätszuschlag an." Damit will die FDP die soziale Balance wahren.

Druck auf Kauder aus der Ost-CDU

Die Rechnungsmodelle stehen unter einem Vorbehalt: Kauder und Schäuble müssen sich bewegen. Das Problem dabei: Nicht nur Schäuble will offenbar nicht, er setzt bei der kalten Progression auf das Einsehen der Länder. Fraktionschef Kauder steht zudem in den eigenen Reihen unter Druck. Der sächsische Abgeordnete Arnold Vaatz hat ihm einen Brief geschrieben und nun auch öffentlich damit gedroht, die ostdeutschen CDU-Abgeordneten zu mobilisieren, sollte der Solidaritätszuschlag abgesenkt werden. "Wenn jetzt der Soli gekürzt wird, ist das unweigerlich ein Signal an den Osten, dass die Solidarität des Westens rascher endet als geplant", erklärte der Christdemokrat.

Macht Vaatz seine Drohung wahr, hätte Schwarz-Gelb für das Projekt Soli wohl keine eigene Mehrheit mehr im Bundestag. In der FDP wird von manchen genau das befürchtet. Statt sich eine Niederlage in der eigenen Koalition einzuhandeln, wollen manche lieber ein Ende des Reformprojekts kalte Progression im Bundesrat. Dann könnte Schwarz-Gelb den Schwarzen Peter der SPD und den Grünen zuschieben.

Tief aus dem Südwesten der Republik gab es noch einen anderen Vorschlag - das Steuerthema fallen zu lassen: "Wir sollten uns von Steuersenkungen für den Rest der Legislaturperiode verabschieden", so der baden-württembergische CDU-Chef Thomas Strobl.

Es wäre der einfachste Weg. Nur ist es einer, den sich vor allem die FDP und Rösler nicht leisten können.

Mitarbeit: Philipp Wittrock

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 34 Beiträge
eigene_meinung 04.11.2011
Die CDU, die früher am lautesten gegen hohe Steuern (und "Ergänzungsabgaben", einer Erfindung der SPD aus den 70er Jahren) gewettert hat, ist zur Steuererhöhungspartei mutiert. Unter keiner Regierung waren die Abgaben [...]
Die CDU, die früher am lautesten gegen hohe Steuern (und "Ergänzungsabgaben", einer Erfindung der SPD aus den 70er Jahren) gewettert hat, ist zur Steuererhöhungspartei mutiert. Unter keiner Regierung waren die Abgaben (einschließlich anderer Steuern und Sozialabgaben) so hoch wie unter der CDU und sie wehrt sich vehement gegen Senkungen. Allerdings ist von der SPD, den Grünen und den Linken auch keine Besserung zu erwarten. Diese "etablierten" Parteien sollen endlich aufhören, unser Geld zu verschwenden.
Ich weiß gar nicht, warum die FDP bei den letzten Wahlen so abgestraft worden sind? Sie wollen ja liefern, kommen nur am Schäuble nicht vorbei. Daher gilt, wer mehr FDP haben will, darf nicht bei CDU ankreuzen, sondern [...]
Ich weiß gar nicht, warum die FDP bei den letzten Wahlen so abgestraft worden sind? Sie wollen ja liefern, kommen nur am Schäuble nicht vorbei. Daher gilt, wer mehr FDP haben will, darf nicht bei CDU ankreuzen, sondern logischerweise FDP.
Kurt aus Kienitz 04.11.2011
... nur noch peinlich, durch die Bank alle! Mein Vorschlag ist, einfach die gefundenen 55 Mrd. Euro auf die 80 Mio. Bundesbürger verteilen. Da bekommt jeder fast 690 Euro. Währ doch mal was.
... nur noch peinlich, durch die Bank alle! Mein Vorschlag ist, einfach die gefundenen 55 Mrd. Euro auf die 80 Mio. Bundesbürger verteilen. Da bekommt jeder fast 690 Euro. Währ doch mal was.
worldwatch 04.11.2011
... oder zu reduzieren, ist in D. keine Option. Der Hunger nach immer und immer mehr "Bimbes" im Staatssaeckel, fuer immer fraglichere Ausgaben, reicht nie. Die Sekt- oder Schaumweinsteuer gilt als Inbegriff für [...]
... oder zu reduzieren, ist in D. keine Option. Der Hunger nach immer und immer mehr "Bimbes" im Staatssaeckel, fuer immer fraglichere Ausgaben, reicht nie. Die Sekt- oder Schaumweinsteuer gilt als Inbegriff für Zwangsaabgaben, die zu einem bestimmten Zweck eingeführt, aber in Deutschland nie wieder abgeschafft wurden. Der sog. "Kaiser-Kanal" (Nord-Ostseekanal) wird wohl auch nie fertig, die "kaiserliche Kriegsflotte" hat zwar fertig, aber die polit. nachrueckend-wiederbelebte Zwangsabgabe f.d. NS-U-Bootflottenentwicklung (1939), scheint auch nach wie vor Entwicklungsgelder beim Nachfolger BRD zu benoetigen. Egal, und wie auch immer, der "Zwangszaster" vom Einkommensbuerger reicht -auch, oder insb., der Bundesrepublik- niemals. Und letzlich ist auch egal, wie man die Zwangsabgaben begruendet oder benennt, wenn man denn glaubte, dass man das Geld wirklich benoetigte. Die FDP koennte allerdings auf die Idee kommen, und den enormen Bedarf an immer mehr Zwangsabgaben, bei trotz hoher Neuverschuldung v.Bund. Laendern und Gemeinden, hinterfragen. Oder einfach nur mal beim Kaemmerer in Solingen fragen, was sich als Ideenpool so auftun koennte. "Liberal" denkende Menschen kaemen dazu auf solche Ideen. "Liberale" wuerden fragen, wo sich, und in welchem Umfang, unsinnige oder f.d. Staat u.seine Untergliederungen unsinnige, widersinnige Ausgaben und erhebliche Neuverschuldungen einsparen liessen. Nur, hat die FDP "Liberale" in ihren Reihen?
oliver71 04.11.2011
Da wird gerade von der FDP propagiert man müsse die Haushalte konsolidieren und die Bürger und Bürgerinnen in den unteren und mittleren Einkommensklassen entlasten. Da hat die FDP meiner Meinung nach vollkommen Recht. Jedoch kann [...]
Da wird gerade von der FDP propagiert man müsse die Haushalte konsolidieren und die Bürger und Bürgerinnen in den unteren und mittleren Einkommensklassen entlasten. Da hat die FDP meiner Meinung nach vollkommen Recht. Jedoch kann ich nicht erkennen wie dies ohne Gegenfinanzierung gelingen soll. Zu glauben dass, das zusätzliche durch die Entlastungen in den Markt gespülte Geld führ so viel Wachstum und damit z. B., Arbeitsplätzen sorgt, damit diese Investition zu über 100 % wieder hereinkommen liegt wohl völlig falsch... Von den Steuerentlastungen der letzten 15 Jahre, ob die Abschaffung der Vermögensteuer, der Reformen bei den Unternehmenssteuern und der Erbschaftssteuer hat fast ausschließlich den oberen Einkommen und Vermögen gedient. Hier hat sich der Staat in der Summe bis heute ein fast 70 Milliarden pro Jahr Geschenk an die "Reichen" geleistet. Ergebnis: 1. Die Verschuldung des Bundes steigt und steigt. 2. die Verschuldung der Länder steigt und steigt. 3. Die Verschuldung der Städte und Kommunen steigt und steigt, hier sind wir bei mancher Stadt so weit, dass das Tafelsilber schon vollständig verkauft ist und die Zahlungsunfähigkeit droht. Und auch die Mehrwertsteuererhöhung haben wir dem Umstand zu verdanken, dass die "Oberschicht" sich auf ihre korrumpierten Politiker verlassen kann. Wenn also die FDP glaubt ihre Bürger (d. h. für mich Ärzte, Rechtsanwälte, Unternehmen) noch weiter entlasten zu müssen, dann soll sie mir bitte im Detail sagen wo das Geld herkommen soll ohne das die Verschuldung noch weiter beschleunigt wird. Ich kann mich noch an die Westerwelle Propaganda im vorletzten Bundestagswahlkampf erinnern. Dort wurde gesagt man könne hier die Senkung der Einkommenssteuer durch die Abschaffung der Steuerausnahmetatbestände gegen finanzieren. Da wurden ein paar konkrete Punkte aufgegliedert. So z. B., wollte die FDP die Nacht. - und Wochenendarbeit voll versteuern. Sozusagen eine Umverteilung z. B., von der überbezahlten Nachtschwester zum Chefarzt der in Deutschland im Durchschnitt gerade mal mit dem 8-fachen der Krankenschwester auskommen muss (bei Vollzeitkrankenschwester und netto). Ausnahmetatbestände die dafür sorgen, dass die oberen 10 % der Einkommensbezieher einen Einkommenssteuersatz von im Durchschnitt unter 20 % zahlen wurden jedoch damals von der FDP nicht zur Disposition gestellt. Echte FDP-Gerechtigkeit halt.
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Merkels Regierung

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Die Baustellen der Koalition
Das weitere Vorgehen bei den EU-Gipfeln zur Lösung der Euro-Schuldenkrise sollte auch das beherrschende Thema des Koalitionstreffens sein. Im Regierungslager gibt es erhebliche Sorgen über einen möglichen Hebel für eine höhere Schlagkraft für den Rettungsschirm EFSF.






TOP



TOP