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Solingen-Jahrestag: "Ich fühle jeden Tag Schmerz"

Fünf Mitglieder ihrer Familie kamen beim Brandanschlag von Solingen ums Leben. 15 Jahre später spricht Mevlüde Genc mit SPIEGEL ONLINE darüber, warum sie das Land nicht verlassen hat - und wie sie stattdessen zu einer Botschafterin des deutsch-türkischen Zusammenlebens wurde.

SPIEGEL ONLINE: Frau Genc, an diesem Montag wird des Anschlags von Solingen vor 15 Jahren gedacht. Bundesinnenminister Schäuble kommt, auch andere deutsche und türkische Politiker. Ist das ein besonderer Tag für Sie?

Anschlag in Solingen am 29. Mai 1993: "Ich hasse genau vier Menschen auf dieser Welt"
AP

Anschlag in Solingen am 29. Mai 1993: "Ich hasse genau vier Menschen auf dieser Welt"

Genc: Was soll denn daran besonders sein? Den Schmerz, um den es heute geht, fühle ich jeden Tag. Ich wache damit auf, und gehe damit schlafen. Für mich ist dieser Tag nicht schlimmer oder weniger schlimm, als jeder andere bisher.

SPIEGEL ONLINE: Bisher standen Sie immer im Mittelpunkt der Medien. Dieses Jahr wollen Sie mit keinem sprechen, warum?

Genc: Weil ich es leid bin. Vorhin hat ein Bekannter ein deutsches Fernsehteam mitgebracht - da konnte ich nicht nein sagen. Aber ich habe eigentlich keine Lust mehr, immer die gleichen schmerzlichen Fragen zu beantworten. Wie würden Sie sich denn fühlen, wenn man Sie immer wieder fragen würde, wie Sie damit klarkommen, dass fünf Familienmitglieder im Feuer gestorben sind. Wie soll das schon sein? Ich leide. Und mein Körper macht das nicht mehr mit. Ich hatte heute einen Arzttermin, den ich vergessen habe. (lacht) Ich rede schon seit so vielen Jahren über all das, früher war ich auch jung, aber jetzt bin ich alt. Es ist an der Zeit für mich, mich zurückzuziehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den Brand in einem von Türken bewohnten Haus in Ludwigshafen wahrgenommen, als es sieben türkische Brandopfer gab? Sie wurden immer wieder in den türkischen Medien zitiert.

Genc: Es war schrecklich, als ob ich mein Haus wieder brennen sehe. Die armen Menschen. Ich war zu schwach, um hinzureisen, aber ich habe allen mein Beileid ausrichten lassen. Was ist denn das Ergebnis der Untersuchungen - war das ein Brandanschlag?

SPIEGEL ONLINE: Nein, die Ermittler haben das ausgeschlossen.

Genc: Wenigstens das, keine Brandstiftung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben seit dem schrecklichen Brandanschlag auf ihr Haus immer für gegenseitigen Respekt und ein friedliches Miteinander plädiert. Wie machen Sie das? Woher nehmen Sie die Kraft?

Genc: Ich trage eben keinen Hass in mir. Wenn man es genau nimmt, hasse ich genau vier Menschen auf dieser Welt. Nämlich die vier, die mein Haus angezündet haben. Alle anderen Menschen verdienen Respekt und Liebe. Und die bekommen sie von mir. Es sind doch nicht alle Deutschen schlecht, weil vier von ihnen mein Haus und mein Leben verbrennen. Nein, wir müssen respektvoll miteinander umgehen, sonst macht das doch alles keinen Sinn.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie Ihren Enkeln, was in jener Nacht passiert ist, wenn sie Ihnen Fragen stellen?

Genc: Nein, ich habe ihnen immer gesagt, dass unser Haus aus Versehen abgebrannt ist. Ich will keinen Hass in ihre Seelen pflanzen. Ich habe ihnen beigebracht, respektvoll zu leben und andere Menschen zu lieben, nicht zu hassen. Wenn ich ihnen die Wahrheit erzählt hätte, dass vier Jugendliche unser Haus und unsere Verwandten angezündet haben, dann würde ich Hass sähen. Dabei hilft das doch niemandem. Kinder hassen nur, weil irgendjemand diesen Hass in ihnen weckt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 1973 nach Deutschland gekommen, weil ihr Mann in Recklinghausen am Fließband gearbeitet hat. Wie erleben Sie das Zusammenleben zwischen Türken und Deutschen? Hat sich was geändert?

Genc: Bis zu dem Abend waren meine Erfahrungen mit Deutschen sehr gut. Als wir noch in unserem Haus in der Unteren Wernerstraße wohnten, hatten wir nur deutsche Nachbarn. Und ich glaube, die mochten uns sehr. Sie haben uns immer gefragt, ob wir Möbel und Haushaltsgeräte haben wollen, die sie selber nicht mehr brauchten. Unsere Familie war doch so groß, wir konnten viel brauchen. Wenn Verwandte aus der Türkei kamen, haben die oft gestaunt, wie lieb die Deutschen sind.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sind Ihre Erfahrungen heute?

Genc: Ich finde, Deutsche und Türken sind näher zusammengerückt in den letzten 30 Jahren. Wir gehören inzwischen einfach zusammen, es wäre gut, wenn das endlich alle einsehen würden. Zum Beispiel sehe ich bei jeder türkischen Hochzeit Deutsche an einem Tisch sitzen, die mitfeiern. Die Deutschen haben auch schon viel von uns gelernt. Sie sind viel gastfreundlicher geworden, und auf der Kirmes reihen sich alle an der Dönerbude ein.

SPIEGEL ONLINE: Ist also alles bestens?

Genc: Nein, natürlich nicht. Wenn ich (türkische) Zeitungen lese, steht immer wieder etwas von Brandanschlägen drin. Das macht mir große Sorgen. Und was mir auch Sorgen bereitet, sind unsere türkischen Jugendlichen. Ich höre so oft, dass sie mit schmutzigen Wörtern hässliche Sachen sagen. Die können weder ordentlich Deutsch noch Türkisch sprechen. Was geben die für ein schlechtes Bild vom Islam ab? Das gefällt mir nicht. Sie sollen sich Mühe geben, sich ordentlich benehmen. Dann werden sie mehr respektiert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je daran gedacht, Deutschland zu verlassen?

Genc: Nein, wo sollen wir denn hin? Meine Kinder kennen die Lebensumstände in der Türkei nicht, wir würden dort untergehen. Wir gehören hierher. Meine ganze Familie gehört nach Deutschland, daran ändern auch ein paar Nazis nichts.

Das Interview führte Ferda Ataman

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