Solingen-Jahrestag Miteinander in der Stunde des Schmerzes

Die Mordnacht von Solingen hat sich ins kollektive Gedächtnis der Republik eingebrannt. 15 Jahre danach treten die mutige Opfer-Mutter Mevlüde Genc und Innenminister Schäuble bei der Gedenkfeier auf - und haben vor allem ein gemeinsames Thema: Finden Türken und Deutsche endlich zusammen?

Von , Solingen


Solingen - Als Brandbeschleuniger brachten die vier Skinheads Benzin mit. Großflächig verspritzten sie es vor der Eingangstür, an der Holzverschalung, auf dem Fliesenboden. Sie zündeten es an. Und rannten davon. Einer von ihnen wohnte schräg gegenüber. Von dort beobachtete er das lodernde Feuer noch eine Weile. Dann legte er sich ins Bett. Während in dieser Nacht vor 15 Jahren zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte des Ehepaares Durmus und Mevlüde Genc in den Flammen starben.

Jener 29. Mai 1993 hat sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. An jenem Samstag vor Pfingsten beschlossen die vier jungen Deutsche, "Türken einen Denkzettel zu verpassen". Sie legten Feuer an das Haus in der Unteren Wernerstraße 81, einem einfachen Wohngebäude in einer ruhigen Gegend von Solingen, das Durmus Genc für seine nachgereiste Familie gekauft hatte - von dem Lohn dafür, dass er in der Fabrik jeden Tag Autofelgen vom Fließband hob, rund 200 in der Stunde.

Dumus und Mevlüde Genc, Schäuble bei Gedenkfeier: Träne im Auge
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Dumus und Mevlüde Genc, Schäuble bei Gedenkfeier: Träne im Auge

15 Jahre später, am Montag im großen Konzerthaus von Solingen: Politiker aus der Türkei und aus Deutschland halten Reden, um der fünf Opfer zu gedenken. Innenminister Wolfgang Schäuble spricht, der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (beide CDU) und auch Said Yazicioglu, der türkische Staatsminister für Auslandstürken.

Mevlüde Genc sitzt bei der Gedenkveranstaltung ruhig in der ersten Reihe, sie kennt staatstragende Vorstellungen zur Genüge, nur einmal wischt sie sich eine Träne aus dem Auge. Deutsche und Türken überhäuften sie damals mit Preisen, sogar das Bundesverdienstkreuz am Band hat sie bekommen. Doch diesmal wird erstmals ein Preis mit ihrem Namen an andere vergeben. Sie lauscht, nach hinten gebeugt, einer Bekannten, die ihr leise die Reden übersetzt.

Mevlüde Genc stand damals vor dem lichterloh brennenden Haus. Dass sie in jener Nacht eine Enkelin, die aus dem Fenster geworfen wurde, mit ihrer Schürze auffing, weiß sie nicht mehr.

"Der Tod soll uns dafür öffnen, Freunde zu werden"

Der Genc-Preis soll Menschen auszeichnen, die sich für Völkerverständigung einsetzen. So wie Mevlüde Genc, die es nach dem Brandanschlag schaffte, für Versöhnung einzutreten. Damals, als Deutschlands Türken ihren Glauben daran verloren, dass das Land jemals ihre Heimat sein könnte, sagte sie: "Der Tod meiner Kinder soll uns dafür öffnen, Freunde zu werden." Hinter ihr fünf Särge, ihre ermordeten Kleinen, die sie gleich zur Beerdigung in die Türkei begleiten sollte. Am Tag darauf folgten Unruhen: In Solingen, Hamburg und Bremen stürmten Hunderte Türken durch die Stadt, attackierten Polizisten, zündeten Autos an, schlugen Scheiben ein. Es war erst sechs Monate her, dass der Brandanschlag von Mölln ähnliche Gefühle und ähnliche Proteste ausgelöst hatte. "Ist das der Lohn für 30 Jahre Arbeit?", riefen sie. Die türkische Zeitung "Milliyet" druckte ihre erste Schlagzeile auf Deutsch: "Es reicht!"

15 Jahre später bekommt nun Kamil Kaplan den Genc-Preis. Auch er ist ein Überlebender eines großen Hausbrands, des Feuers von Ludwigshafen im Februar. Er hat mehrere Angehörige verloren. Die Ermittler schließen einen Brandanschlag inzwischen aus, doch gerade türkische Medien schrieben damals vom "zweiten Solingen"; Feuerwehrleute wurden angegriffen, weil sie angeblich zu spät reagiert hätten. Kamil Kaplan aber bat seine Landsleute, Ruhe zu bewahren und die Ermittlungen abzuwarten.

Maria Böhmer, Staatsministerin im Kanzleramt und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, dankt dem Mann: "Sie haben trotz ihres schweren Verlustes Worte der Versöhnung gefunden." Kaplan selbst sagt: "In Zeiten wie diesen tut es gut, zu wissen, dass man viele Freunde hat. Sie alle haben uns nicht alleingelassen."

Es sind versöhnliche Worte. Neben Kaplan bekommt an diesem Abend Fritz Schramma (CDU) eine Genc-Auszeichnung, der Oberbürgermeister der Stadt Köln, weil er sich im Streit um eine neue Moschee in Köln für die Verständigung zwischen Gegnern und Befürwortern eingesetzt habe.

"Die Welt hat sich seitdem verändert"

Von Deutschlands neuem Image als Zuwanderungsland ist an diesem Abend viel die Rede. Solingen, das war einmal, lautet die Botschaft der Politik - jetzt fallen die Stichworte "Nationaler Integrationsplan", "Islamkonferenz", "Integrationsland".

"Die Welt hat sich seitdem verändert", sagt Integrationsminister Laschet. "Dass heute ein Bundesinnenminister hier ist, beweist das." 1993 war Bundeskanzler Helmut Kohl nicht nach Solingen gekommen. Er bekundete sein Beileid damals durch seinen Sprecher - und mit den Worten, er lehne den "Beileidstourismus" anderer Politiker vor dem Brandhaus ab.

"Der Brandanschlag von Solingen war eine Zäsur", sagt Schäuble. "Für viele Menschen in Solingen und überall in Deutschland gab er Anstoß, sich für das Miteinander von Deutschen und Türken einzusetzen." Auch für die Politik, ist hinzuzufügen. Angela Merkel hat sich kürzlich nach dem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan ausdrücklich als Kanzlerin der Türken in Deutschland bezeichnet. "Wir müssen wollen, dass Zuwanderer hier heimisch werden, sie bereichern unser Land", sagt Schäuble an diesem Abend.

Laschet sagt, die Brandnacht von Solingen sei "nicht nur ein fremdenfeindlicher Anschlag" gewesen - "es war ein Anschlag auf die gesamte deutsche Gesellschaft".

Nach 15 Jahren hat keiner der Beteiligten Solingen verlassen, weder die inzwischen wieder freigesetzten Täter noch die Überlebenden. Auf dem Rasen, der auf der Brandruine gewachsen ist, stehen nun fünf deutsche Kastanien. Die Stadt wollte eigentlich Bäume aus dem Heimatdorf der Gencs pflanzen, doch es gab Bedenken, dass das anatolische Holz das raue deutsche Klima nicht überlebt.

Mevlüde Genc hofft, dass Anlässe wie der Jahrestag die deutsch-türkische Freundschaft fördern. "Es wird keinen Tag geben, an dem wir den Schmerz vergessen werden", sagt sie in ihrer Rede. "Aber wir müssen auf unsere Kinder und Jugendlichen aufpassen, die in Frieden leben sollen."



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