Satiriker Sonneborn im Europaparlament "Ich sehe mich als Stimmvieh"

Der Satiriker Martin Sonneborn hat mit "Die Partei" einen Sitz im Europaparlament erobert. Im Interview erklärt der frühere "Titanic"-Chef, wie er eine Fraktion der Irren bilden will.

Sonneborn im Wahlkampf: "Gut bezahlter Urlaub in Brüssel"
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Sonneborn im Wahlkampf: "Gut bezahlter Urlaub in Brüssel"


Hamburg - Eine Satirepartei ist ein kleiner Gewinner dieser Europawahl. Martin Sonneborns "Die Partei" zieht mit einem Mandat ins Europaparlament. Weil die Dreiprozenthürde wegfiel, reichten ihr 184.525 Stimmen und damit 0,6 Prozent für den Sitz.

Sonneborn, der im Wahlkampf mit dem Bekenntnis "Ja zu Europa, Nein zu Europa" geworben hatte, zieht als Spitzenkandidat nun selbst ins Europaparlament ein. Seine Ankündigung, das Mandat nach einem Monat weiterzureichen und Übergangsgelder zu kassieren, machte sogleich Schlagzeilen.

Was plant der Satiriker im Europaparlament? Wen wählt er zum Kommissionspräsidenten? SPIEGEL ONLINE hat Sonneborn gefragt.

Zur Person
Martin Sonneborn, 49, ist Satiriker und war früher Chefredakteur des Magazins "Titanic". Er arbeitet mit seinem Team unter anderem für das ZDF und SPIEGEL ONLINE. Sonneborn ist Vorsitzender der 2004 gegründeten Satirepartei "Die Partei".

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im Wahlkampf eine Faulenquote, eine Mauer um die Schweiz, ein Wahlalter von 12 bis 52 gefordert. Was gehen Sie als Erstes an?

Sonneborn: Ich glaube, das Europaparlament kann keine eigenen Punkte setzen. Außer Resolutionen zu verabschieden, kann man dort nicht viel erreichen. Ich sehe mich eher als Stimmvieh, das die Vorgaben der Europäischen Kommission abnickt. Und deswegen fällt es mir auch nicht schwer, mich da einen Monat auf meinen Rücktritt vorzubereiten und dann zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Plan, monatlich zu rotieren und so Übergangsgelder einzustreichen, hat Ihnen schon Schlagzeilen beschert. Allein: Klappen wird es nicht, ein Parlamentsausschuss müsste zustimmen - und Übergangsgelder gibt es auch erst nach einem Jahr im Parlament.

Sonneborn: Unsere Anwälte prüfen das. Dass wir 60 Leute durchs Parlament durchschleifen wollen, ist auch ein Dankeschön an unsere Parteimitglieder zum zehnjährigen Parteijubiläum. Wir schenken einen Monat gut bezahlten Urlaub in Brüssel.

SPIEGEL ONLINE: Mehr Bedeutung hat das Europaparlament für Sie nicht?

Sonneborn: Nein, dort werden lediglich Gesetzentwürfe der EU-Kommission im Hauruckverfahren abgenickt. Oder auch nicht. Das Einzige, was mich in Brüssel halten könnte, ist die Stellung des Kommissionspräsidenten.

SPIEGEL ONLINE: Die europäischen Staats- und Regierungschefs werden Sie nicht vorschlagen.

Sonneborn: Wir haben ein schwieriges Verhältnis zu Merkel, das stimmt. Aber der erste Schritt muss von ihr ausgehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie stimmen Sie ab, wenn Jean-Claude Juncker und Martin Schulz im Plenum zur Wahl stehen?

Sonneborn: Juncker werde ich auf keinen Fall wählen, der ist Ausländer und für Europa nicht tragbar.

SPIEGEL ONLINE: Schulz?

Sonneborn: Ja, sicher, das kann ich mir vorstellen. Aber da muss Schulz auf uns zukommen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Fraktion treten Sie bei?

Sonneborn: Ich werde versuchen, die ganzen Irren und Spinner, die sich im EU-Parlament tummeln, zu einer Fraktion zusammenzuschließen. Da gibt es einiges an illustren Persönlichkeiten - schade, dass Silvio Berlusconi nicht ins EU-Parlament durfte. Das wäre ein guter Mann gewesen.

SPIEGEL ONLINE: An wen denken Sie noch?

Sonneborn: Das kann ich noch nicht sagen, aber wir werden nicht die schwächste Fraktion sein.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie, warum man Sie gewählt hat?

Sonneborn: Viele haben uns als intelligente Protestwahlmöglichkeit gesehen. Viele werden auch gesagt haben, die EU und die Europawahlen sind uns egal, also geben wir unsere Stimme einer sympathischen Protestpartei. Für mich ist es ein weiteres Zeichen für den Niedergang der Volksparteien. Vorwiegend werden wir von jungen Leuten gewählt. Deshalb wollen wir ja auch eine Altersbegrenzung für das Wahlrecht einführen: Wählen dürfen Sie zukünftig von 12 bis 52. Dann wird "Die Partei" auch stabile Mehrheiten haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie den Erfolg von Rechtspopulisten und EU-Gegnern?

Sonneborn: Der ist genauso lustig wie unser eigener Erfolg. Dass man Leute wählt, die dann gut dotiert dort sitzen und nur Sand in das europäische Getriebe werfen, das ist schon witzig. Wir werden unseren Teil dazu beitragen.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es weiter für Sie?

Sonneborn: Wir klären jetzt, wie wir unsere 60 Leute im Rotationsprinzip durchs Parlament kriegen. Am 1. Juli ist konstituierende Sitzung, ich muss vorher noch mal zum Friseur, und dann stehe ich im Prinzip bereit für Europa.

Das Interview führte Fabian Reinbold



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insgesamt 191 Beiträge
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veleg 26.05.2014
1. wenigstens ein guter Mensch im Parlament!
wenigstens ein guter Mensch im Parlament! und nicht nur spaßparteien die nichtmals ihre eigene realsatire erkennen.
Rob L 26.05.2014
2. Vermutlich...
...der einzige Politiker weltweit, der zu seinem Wort stehen wird.
azraelreloaded 26.05.2014
3. hier
ist ein stolzer Wähler der PARTEI. Bravo. Herr sonneborn. nur schade, dass Sie nicht die ganze Zeit da sein werden. Hatte mich sf eine erheiternde "Legislatur"periode gefreut
rainerps2 26.05.2014
4. Wie hätte man
... ich hatte im Wahl-o-mat mit "Der Partei" die größte Übereinstimmung ! Über 77% der Antworten der Partei stimmten mit meinen staatsbürglich wohl überlegten Entscheidungen überein, mehr als bei jeder der beiden großen Volksparteikonkurrenten. Nur die angegebenen Begründungen/Motivationen für die Entscheidungen waren dann doch unterschiedlich. Man kann also offenbar die vernünftigsten Sachentscheidungen treffen, auch wenn man als Partei den größten Unsinn will. Das sollte zu denken geben - denn meist ist es wohl umgekehrt.
LK1 26.05.2014
5.
Zitat von Rob L...der einzige Politiker weltweit, der zu seinem Wort stehen wird.
Den Wiederaufbau der Mauer und die Schaffung einer Sonderwirtschaftszone im Osten der Republik hat er seinen Wählern früher mal versprochen. Davon ist heute keine Rede mehr und die Ossis wurden durch die Schweizer ersetzt. So eine 180 Grad Wende bekommt sonst eigentlich nur Frau Merkel hin. Ich bin da echt enttäuscht vom Sonnebornschen Reformeifer. :-)
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