Sorbische Minderheit Von Dänen lernen heißt siegen lernen

Die Sorben kämpfen im Osten Deutschlands gegen das Aussterben ihrer Sprache und Kultur. Mit einer neu gegründeten Partei will die slawische Minderheit in der Niederlausitz politischen Einfluss gewinnen. Der SSW der dänischen Minderheit dient als Vorbild. Der Dachverband der sorbischen Vereine in der Oberlausitz befürchtet nun eine Zersplitterung.

Von Sandra Fomferek


Sorben in Festtagstracht: Region aufwerten
DDP

Sorben in Festtagstracht: Region aufwerten

Bautzen/Cottbus - Als die dänische Minderheit nach der Wahl in Schleswig-Holstein plötzlich im Mittelpunkt des Medieninteresses stand und auch politisch umworben wurde, staunte man einige hundert Kilometer weiter südöstlich nicht schlecht. Die dramatische Entwicklung in Kiel im Februar und im März hat den Sorben Jan Nuck schwer beeindruckt. "Es ist verlockend mitzumischen. Mir wäre die Entscheidung auch schwer gefallen", gesteht der Vorsitzende der Domowina, dem Bund Lausitzer Sorben, in Bautzen.

Die Sorben und Wenden sind ein kleines slawisches Volk im Osten Deutschlands. Neben den Dänen, den Friesen und den deutschen Sinti und Roma gehören sie zu den vier anerkannten Minderheiten in Deutschland. Sie verteilen sich auf zwei Bundesländer, die sächsische Oberlausitz und die brandenburgische Niederlausitz.

Doch mittlerweile empfindet der 57-jährige Nuck eher Mitleid als Neid für den Südschleswigschen Wählerverband (SSW). Politische Ambitionen hat die Domowina nicht. Als Dachverband der sorbischen Vereine mit 7300 Mitgliedern sieht sie sich als Interessensvertreterin der Sorben. Um Einfluss zu nehmen, nutzt sie die bestehenden politischen Strukturen. "Wir versuchen innerhalb der Parteien Sympathisanten zu finden", sagt Nuck. Der Verein arbeitet deshalb eng zusammen mit Vertretern sorbischer Abstammung im Bundes- und Landtag, wie die Bundestagsabgeordnete Maria Michalk (CDU), die sächsischen Landtagsabgeordneten Heiko Kosel (PDS) und Marko Schiemann (CDU) und Sachsens Umweltminister Stanislaw Tillich (CDU).

Doch dem 34-jährige Hannes Kell aus Striesow bei Cottbus reicht Lobbyarbeit nicht aus. Mit elf Gleichgesinnten gründete der Anlageberater im März die Wendische Volkspartei, Serbska Ludowa Strona (SLS) - unmittelbar nachdem der SSW in die Schlagzeilen geraten war. Medial war die Gründung bestens platziert: In Kells zur Parteizentrale umfunktionierten Büro in Cottbus stand das Telefon tagelang nicht mehr still. "Es war eine günstige aber nicht geplante Verknüpfung der Ereignisse", sagt der Parteivorsitzende. Die Pläne gäbe es schon seit Jahren. Im Kielwasser des SSW habe man nicht schwimmen wollen.

Parteivorsitzender Kell: Zur Bundestagswahl bereits antreten
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Anders als die nordische Minderheit der Dänen gibt es keine Nation, die den Sorben den Rücken stärkt. Der Etat der Stiftung für das sorbische Volk, die die sorbischen Projekte und Institutionen finanziert, wird zu 50 Prozent vom Bund beigesteuert. 33,3 Prozent kommen aus Sachsen und 16,7 Prozent aus Brandenburg. In Zeiten leerer Kassen klagen sorbische Vereine über Kürzungen.

In der DDR wurden die Sorben gefördert, wie nie zuvor. Erich Honecker entdeckte das Volk als Mittel, um die Minderheitenpolitik des Arbeiter- und Bauernstaates anzupreisen. Unter dem Regime der SED entstanden sorbische Schulen, Verlage, ein Theater und zahlreiche andere kulturelle Institutionen.

Heute bangen die Sorben um ihre Sprache und Identität. Schließungen sorbischer Schulen wegen sinkender Schülerzahlen und die Abwanderung der Jugend sind kaum aufzuhalten. Nur noch in wenigen katholischen Dörfern in der Gegend von Bautzen ist Sorbisch Alltagssprache.

Kell will erreichen, dass die Sprache der Sorben wieder auflebt - zweisprachige Straßenschilder reichen ihm nicht. "In jedem Krankenhaus müsste es Leute geben, die die Sprache beherrschen", meint der Anlageberater. Aber auch Nicht-Sorben will die Partei ansprechen: Neben dem Erhalt von sorbischen Schulen setzt sie sich für eine Aufwertung der gesamten Region durch wendische Traditionen ein. Eine "Kulturerlebniswelt Lausitz" soll vermehrt Touristen anlocken.

Die SLS hofft ebenso wie der SSW den Minderheitenstatus zu erlangen und von der Fünf-Prozent-Hürde ausgenommen zu werden. Das brandenburgische Wahlgesetz lässt die Sonderregel zu, in Sachsen will die Partei eine Änderung durchsetzen. Als "ersten Stimmungstest" plant die SLS bereits zur Bundestagswahl anzutreten.

"Es gibt genug politische Kräfte"

Die Domowina hält von der Parteigründung nichts. "Aber wir wären schlechte Demokraten, wenn wir die Konkurrenz fürchten und uns dagegen stellen würden", sagt Nuck. Der neuen Partei räumt er trotzdem keine Chancen ein. "Die Sorben sind sehr unterschiedlich geprägt", argumentiert der Domowina-Vorsitzende. In Sachsen tendieren sie zur CDU, in Brandenburg zur SPD.

Auch Dietrich Scholze, Direktor des sorbischen Instituts in Bautzen, geht davon aus, dass der SLS die nötigen 20.000 Stimmen fehlen werden, um einen Abgeordneten zu stellen. In ganz Deutschland gibt es rund 60.000 Sorben, davon 40.000 in Sachsen und nur 20.000 in Brandenburg. Würde man danach gehen, wer tatsächlich die Sprache beherrscht, wären es jeweils 10.000 weniger. Schon in der Vergangenheit sind Versuche, eine Partei ins Leben zu rufen, gescheitert. Im letzten Jahr wollte die in Marburg gegründete Sorben-Partei "Weiße Liga" bei den Brandenburger Landtagswahlen antreten. Sie machte einen Rückzieher, als sie auf den Minderheitenstatus verzichten musste, weil sie ihren Sitz nicht im Sorben-Gebiet hatte. Vorsitzender des Landesverbandes Brandenburg war damals Hannes Kell.

"Es gibt genug politische Kräfte, die Partei ist eine Zersplitterung", wettert Professor Scholze. Besser sei es, die Gruppen unter dem Dach der Domowina zu sammeln. Für solche Vorwürfe hat der Parteivorsitzende Kell nur ein müdes Lachen übrig. "Die Domowina tut immer so, als sei sie die große Vertreterin des sorbischen Volks", kritisiert er. Die Partei sehe sich nicht als Konkurrenz, sondern als politische Ergänzung.

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Der Streit zwischen Domowina und SLS ist auch einer zwischen zwei unterschiedlich geprägten Regionen. Das Hauptproblem der Sorben bringt Jan Mahling, sorbischer Superintendent der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen, auf den Punkt: "DIE Sorben gibt es nicht", sagt er. Die Uneinheitlichkeit des Volks fängt schon bei ihrer Bezeichnung an. In der Niederlausitz nennen sie sich bevorzugt Wenden. Der Begriff Sorbe weckt hier Erinnerungen an DDR-Zeiten. In der Oberlausitz dagegen kann Wende als Schimpfwort aufgefasst werden. Das Wort ist dort geprägt von der Nazi-Zeit, als die Sorben verfolgt und unterdrückt wurden.

"Sprecht Deutsch, damit die Kinder es leichter haben"

Nieder- und Oberlausitzer Sorben unterscheiden sich außerdem in ihrer Religion, ihrer geschichtlichen Entwicklung und selbst in ihrer Sprache. Die Unterschiede zwischen Nieder- und Obersorbisch sind so groß wie zwischen Holländisch und Deutsch. Vor allem die obersorbische katholische Region erwies sich als widerstandsfähig beim Erhalt der Sprache. Die evangelischen Sorben sind dagegen heute in der Minderheit. In der Niederlausitz hatte die Sprache zeitweise ein schlechtes Prestige, galt als veraltet und minderwertig. "Sprecht Deutsch, damit eure Kinder es leichter haben, hat man nach der Wende gesagt. Die Generationenfolge in der Niederlausitz wurde dadurch unterbrochen", sagt Professor Scholze.

Dass die Sorben kein einheitlicher Block sind, sondern im Gegenteil ihre Gegensätze gerne betonen, erschwert eine gemeinsame Interessensvertretung. "Die Welt eines Hannes Kell ist eben eine andere als die eines Jan Nuck", fasst es der Theologe Mahling zusammen. Das wird auch bei der Jagd der SLS nach Wählerstimmen eine Rolle spielen.



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