Winterspiele in Sotschi Grüner Beck fordert Politiker zum Olympia-Boykott auf

Olympia in Sotschi? Die Spiele hätten nie nach Russland vergeben werden dürfen, sagt Volker Beck. Der Grünen-Politiker kritisiert Menschenrechtsverletzungen und Korruption - und fordert seine Kollegen auf, sich nicht als "Staffage für Putins Propaganda" herzugeben.

Grünen-Politiker Beck: "Grundrechte in Gefahr"
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Grünen-Politiker Beck: "Grundrechte in Gefahr"

Ein Interview von


Berlin - Die Kritik an den Olympischen Winterspielen im russischen Sotschi reißt nicht ab: Schriftsteller wie Günter Grass beklagen die Diskriminierung von Homosexuellen und werfen Präsident Wladimir Putin vor, die Meinungsfreiheit im "Würgegriff" zu halten. Derweil berichten Reporter von halbfertigen Hotels ohne fließendes Wasser.

Der Grünen-Politiker Volker Beck, 53, selbst bekennender Homosexueller, hält es für einen "Fehler" , die Spiele in Sotschi auszutragen. Die Menschenrechtsverletzungen in Russland seien schon lange bekannt, sagt der Innenexperte der Grünen-Fraktion. Auch er selbst wurde dort bereits Opfer von Homophobie: Mehrfach wurde Beck auf Homosexuellen-Kundgebungen in Moskau von Rechtsradikalen angegriffen. Nun fordert er seine Kollegen auf, den Spielen in Sotschi fernzubleiben.

Lesen Sie hier das Interview mit Volker Beck:

SPIEGEL ONLINE: Olympia in Russland - darüber sind viele empört. Schauen Sie sich die Spiele an?

Beck: Ich werde nicht nach Sotschi fahren. Und im Fernsehen schaue ich mir vielleicht Eröffnung und Finale an. Mich interessiert, wie die Regierung diese Putin-Festspiele inszenieren wird - das war's. Aber ich will das jetzt nicht als Protest verkaufen: Ich bin einfach kein besonders sportbegeisterter Mensch. Fest steht, dass Putin die russische Demokratie demontiert hat und die Spiele als PR-Instrument für sein Regime missbraucht.

SPIEGEL ONLINE: Was stört Sie besonders?

Beck: Man sollte mal auf die Verantwortung des Internationalen Olympischen Komitees schauen. Ein so wichtiges Ereignis hätte man niemals an ein Land wie Russland vergeben dürfen - ein Land, das die Menschenrechte nicht achtet und sich rechtsstaatlichen Prinzipien verweigert. Außerdem regiert in Russland die Korruption. Wie viel Geld da versickert ist! Und den eingesetzten Wanderarbeitern aus den zentralasiatischen Republiken, die als Bauarbeiter in Sotschi eingesetzt waren, zahlt man - wenn überhaupt - Hungerlöhne. Wer sich wehrt, bekommt es mit der Polizei zu tun. All das hat stattgefunden, ohne dass das IOC die Reißleine gezogen hat. Die Proteste kommen immer kurz vorher, aber dann ist es bereits zu spät.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt stand vor allem die Diskriminierung von Homosexuellen in der Kritik.

Beck: Das Homo-Propaganda-Gesetz ist ein beispielloser Rückschritt, wird von den Medien aber einseitig in den Mittelpunkt gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das? Ist es nicht Aufgabe der Medien, auf Missstände hinzuweisen?

Beck: Richtig. Aber in Russland sind auch andere Grundrechte in Gefahr. Es gibt keine freien Wahlen, die Versammlungsfreiheit wird nicht gewährleistet, es gibt keine freien Medien, Regimekritiker werden vor Gericht gestellt und zu drakonischen Strafen verurteilt. Wenn Putin das Gesetz gegen homosexuelle Propaganda wieder abschaffen würde, wäre Russland noch lange keine Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Verbinden Sie auch Hoffnungen mit Sotschi? Könnte sich die politische Situation durch die öffentliche Aufmerksamkeit nicht zum Besseren wenden?

Beck: Ich hoffe, dass ein paar Sportler ihren Protest und Dissens zur Unterdrückung in Russland zum Ausdruck bringen, um deutlich zu machen, dass sie zwar für Olympia, aber gegen die Putin-Festspiele sind. Doch die Erwartung, dass sich durch solche Aktionen unmittelbar etwas ändert, ist naiv. Kein Land ist durch so eine Veranstaltung je freier geworden. Das ist eine Illusion, die uns die Funktionäre verkaufen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Bundespräsident Joachim Gauck hat seinen Besuch in Sotschi abgesagt. Sollten andere Politiker seinem Beispiel folgen?

Beck: Ich fände das gut. Es ist wahrscheinlich für keinen Politiker eine gute Idee, nach Sotschi zu fahren. Alle, die es doch tun, sollten aufpassen, nicht zur Staffage für Putins Propaganda zu werden. Putin will seinem Land zeigen, dass die Welt ihm und seinen Spielen begeistert zujubelt. Dafür sollte man sich nicht hergeben.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
e_d_f 07.02.2014
1. Ich freue mich auf die Spiele!
Das Gemecker finde ich übertrieben. Mögen es schöne Spiele werden!
11severinus 07.02.2014
2. Well done, Herr Beck
Wenn schon nicht die Sportler selbst, dann wenigstens die politisch Verantwortlichen. Distanzierung ist angesagt. Putin hat zu viel an menschenverachtendem Schrott angehäuft. Ihr Parteikollege Vesper müsste allerdings auch zurückgepfiffen werden. Der sonnt sich ganz unangemessen neben "Fahnenschwenkerinnen" im Glanze des großen Clans. Der berechtigtige Zorn des Tscherkessen "Hinterbliebenen" Özdemir möge ihn treffen.
Yitzhak 07.02.2014
3. Witz!
Es sollen also nur westliche Ländern die Spiele bekommen! Was für eine Hybris! Wenn es erstmal soweit kommt, fordern die ersten linken Politiker, man dürfe die Spiele nicht in die USA geben weil dort die Todesstrafe noch Gesetz ist. Was soll das? Die meisten Länder der Welt haben nunmal nicht solche Standarts wie Deutschland, was bedauerlich ist, aber nicht dazu führen darf dass selbst Sportereignisse dort nicht mehr stattfinden!
misscecily 07.02.2014
4. Vielleicht...
...einfach mal still sein?
danielscharr 07.02.2014
5. Naja
Zitat von sysoppicture alliance / dpaOlympia in Sotschi? Die Spiele hätten nie nach Russland vergeben werden dürfen, sagt Volker Beck. Der Grünen-Politiker kritisiert Menschenrechtsverletzungen und Korruption - und fordert seine Kollegen auf, sich nicht als "Staffage für Putins Propaganda" herzugeben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sotschi-gruener-beck-fordert-politiker-zum-olympia-boykott-auf-a-951956.html
Was Korruption angeht steht auch Deutschland, Russland nicht viel nach wenn ich an das Gebahren diverser Politiker aller Parteien in der letzten Zeit so denke. Dazu kommen noch diverse Schmiergeldskandale Preisabsprachen und Manipulationen der Industrie (Siemens,Brauereien, ADAC etc.) und schon sitzt man selbst im Korruptions und Vetternwirtschaftsboot! Personlich würde ich Amigoland Bayern auf einer Korruptionsskala dürchaus auf eine Stufe mit Russland stellen. Von Sotschi habe ich bisher wenigestens nicht gehört das mehrere hundert Menschen auf den Baustellen um Leben kamen wie es derzeit in Qatar der Fall ist. Aber hier spricht kein Politiker oder Promi von Boykott, Heuchelei und messen mit 2erlei Maß. Die USA im Übrigen verstoßen ebenfalls permanent gegen Menschenrechte aber niemand würde sich einfallen lassen zum Boykott irgendwelcher Veranstaltungen auf amerikanischen Boden aufzurufen.
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