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Sozialforscher: Jedes sechste Kind in Deutschland von Armut betroffen

Von Jörg Oberwittler

Die Zahl der in Armut lebenden Kinder ist erneut gestiegen. 2006 lebten knapp 1,9 Millionen Kinder unter 15 Jahren in Hartz-IV-Familien - ein Zuwachs von zehn Prozent, hat das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung errechnet.

Berlin – Im Dezember vergangenen Jahres erreichte die Zahl der in Armut lebenden Kinder ihren Höhepunkt. Nach Angaben des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe gehörten rund 1,9 Millionen Kinder unter 15 Jahren zu Familien, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind.

Demnach ist die Zahl der armen Kinder seit Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 kontinuierlich gestiegen. Laut den jüngsten Daten des Bremer Instituts lebt derzeit jedes sechste Kind in Deutschland unterhalb der Armutsgrenze. Besonders betroffen sind dabei die neuen Bundesländer (30,4 Prozent), während der Westen des Landes auf eine durchschnittliche Kinderarmutsrate von 13,8 Prozent kommt.

Die Bremer Untersuchung basiert auf den revidierten Daten der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit aus dem Monat April. Diese hatte noch im Dezember eine leicht niedrigere Zahl verkündet. Nach Angaben einer Pressesprecherin fallen die vorläufigen Zahlen zum Monatsende allerdings stets etwas geringer aus, da noch nicht das gesamte Zahlenmaterial aus dem Bundesgebiet ausgewertet ist. Die vorläufigen Zahlen würden allerdings in der Regel eine richtige Tendenz angeben.

Die Sprecherin der Bundesanstalt bestätigte überdies die Richtigkeit der Bremer Berechnungen. Auch andere Einrichtungen, wie der Kinderschutzbund und der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV), gehen von einem rund zehnprozentigen Zuwachs verglichen zu 2005 aus. "Die Zahlen kommen absolut hin", sagte der DPWV-Hauptgeschäftsführer, Ulrich Schneider.

Armutsquoten von bis zu 30 Prozent bei Alleinerziehenden

Interessanter Nebenaspekt der Bremer Untersuchung: Während die Zahl der erwachsenen Hartz-IV-Empfänger im vergangenen Halbjahr leicht zurückging, stieg der Anteil der Kinder, die von Sozialleistungen abhängig sind. Für Schneider liegen die Gründe für diese zunächst widersprüchlich anmutende Entwicklung auf der Hand: "Die Alleinerziehenden stellen proportional die größte Gruppe der armen Haushalte mit Kindern dar. Hier haben wir Armutsquoten von bis zu 30 Prozent." Paul Schröder vom Bremer Institut erklärte, dass Langzeitarbeitslose ohne Kinder wieder leichter ins Berufsleben einsteigen könnten als alleinerziehende Mütter oder Väter.

Nicht bestätigen wollte der DPWV-Sprecher hingegen die von der "Thüringer Allgemeinen Zeitung" zunächst berichteten hohen Zuwächse für Bayern und Baden-Württemberg. Die Zeitung hatte den größten Armutszuwachs für die beiden südlichen Bundesländer errechnet. "Wenn ich ohnehin eine geringe Basis an Armut habe, schlagen auch schon geringe Zuwächse prozentual stärker durch", erklärte Schneider. Im Süden liege die Kinderarmutsquote immer noch zwischen sechs und sieben Prozent, während Berlin mit rund 30 Prozent die Statistik anführt.

Nach Angaben des Bremer Instituts muss für Deutschland insgesamt wohl von einer noch höheren Dunkelziffer ausgegangen werden. In die Untersuchung sind nur die Kinder aus Hartz-IV-Verhältnissen miteingeflossen, sagte Schröder. Hinzu kämen jedoch ebenfalls noch Kinder aus Familien, die illegal in Deutschland leben oder deren Eltern Sozialhilfe (nach SGB 12) oder Geld aus dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen. Diese Zahl ließe sich allerdings nur schätzen.

Laut Kinderschutzbund käme das Armutsniveau dann auf 2,5 Millionen Kinder in Deutschland. Dabei berücksichtigte der Bund ebenso die 15- bis 18-Jährigen wie Kinder aus Asylbewerber-und illegal in Deutschland lebenden Familien.

Sowohl der DPWV als auch der Kinderschutzbund nahmen die Bremer Berechnungen überdies zum Anlass, ihre Forderungen an die Politik zu bekräftigen. Ulrich Schneider vom DPWV forderte eine Erhöhung der Regelsätze um mindestens zehn Prozent für Kinder in Sozialhilfe. Beate Hoffmann vom Kinderschutzbund plädierte für einen Ausbau der Kinderbetreuung, die auch Geringverdienern zu Gute kommt und verlangte zudem die Einführung eines elternunabhängigen Existenzminimums für Kinder.

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