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Merkel und Steinbrück im Duell-Check: Dampfhammer vs. Worthülsen

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Streitgespräch im TV: Steinbrück fordert Merkel zum Duell Fotos
DPA

Es ist ein Kräftemessen vor Millionenpublikum. Im TV-Duell gegen Kanzlerin Merkel hat SPD-Herausforderer Steinbrück die womöglich letzte Chance, die Stimmung noch zu seinen Gunsten zu drehen. Wo könnte der Sozialdemokrat punkten? Wo liegen die Stärken der Amtsinhaberin? Der Check.

Berlin - Endlich Augenhöhe! Lange hat Angela Merkel ihren Herausforderer Peer Steinbrück nach Kräften ignoriert. Sie hat seinen Namen öffentlich nicht in den Mund genommen. Sie hat ihm selbst im Bundestag das Gefühl gegeben, er rede gegen eine Wand. Am Sonntag aber, um 20.30 Uhr, ist zwangsläufig Schluss mit der Strategie der Nichtbeachtung. Dann treffen die Bundeskanzlerin und der SPD-Kanzlerkandidat beim einzigen Fernsehduell des Wahlkampfs aufeinander. Die Amtsinhaberin muss also in den Ring und sich mit ihrem Konkurrenten auseinandersetzen - zumindest für 90 Minuten.

Beide Seiten bereiten sich gewissenhaft vor. Ihnen ist klar: Mit keinem Auftritt erreichen sie so viele potentielle Wähler auf einen Schlag wie an diesem Sonntagabend. Bis zu 20 Millionen Menschen dürften einschalten, wenn ARD, ZDF, RTL und ProSieben das Streitgespräch übertragen. Das ist Staatsfernsehen zur besten Sendezeit. Drei Wochen vor der Wahl geht es darum, die eigenen Truppen zu mobilisieren oder die vielen Unentschlossenen für sich zu gewinnen.

Wie in den vergangenen Jahren läuft das Ganze nach strengen Regeln ab, ausgehandelt zwischen den Parteien und Sendern. Nicht nur die Standorte der Stehpulte sind auf den Zentimeter genau festgelegt, auch die Kamerapositionen sind exakt abgestimmt. Die Politiker sehen sich vier Moderatoren gegenüber. Die erste Frage geht an Steinbrück, das Schlusswort hat Merkel, so wurde es ausgelost. Dazwischen hat jeder 90 Sekunden Zeit für seine Antwort. Die Redezeit wird exakt mitgestoppt, die Zeitkonten regelmäßig verglichen, damit keiner benachteiligt wird. Auf Filmeinspieler müssen die Sender verzichten, die Duellanten dürfen keine Unterlagen mitbringen, sondern sich nur auf einem leeren Blatt Papier Notizen machen.

Lässt das enge Regelkorsett überhaupt noch Raum für einen Schlagabtausch? Für eine echte Attacke? Gerade die Sozialdemokraten setzen große Hoffnungen auf die direkte Konfrontation am Sonntagabend. Für Steinbrück ist das Streitgespräch womöglich die letzte Chance, den großen Abstand auf die populäre Kanzlerin noch einmal zu verringern.

SPIEGEL ONLINE macht den Check. Wie kann der Herausforderer punkten? Wo sind die Stärken der Amtsinhaberin?


Persönlichkeit

Als große Charismatiker sind weder die Kanzlerin noch ihr Herausforderer bekannt. Merkels persönliche Ausstrahlung ist mit ihrem weitverbreiteten - wohlgemerkt nur in ihrer Abwesenheit ausgesprochenen - Spitznamen "Mutti" gut umschrieben. Die Menschen fühlen sich bei ihr wohl, das belegen ihre stabilen, hohen Sympathiewerte. Merkel gilt als unprätentiös, ihre ruhige, abwartende Art reißt niemanden mit, kommt aber vor allem in Krisenzeiten beim Volk an. Dass sie im Wahlkampf zuletzt auch ein paar seltene Einblicke ins Privatleben gewährte, hat ihr sicher nicht geschadet.

Steinbrück ist im Volk weniger populär als die Amtsinhaberin, den großen Abstand konnte er seit seiner Nominierung nicht verringern. Dass er vor seiner Kandidatur als gut bezahlter Vortragsreisender durchs Land tingelte und ohne Not eine Debatte über das Kanzlergehalt anzettelte, hat sein Bild in der Öffentlichkeit maßgeblich geprägt - und zwar nicht positiv. Steinbrück gilt vielen als Vertreter der gesellschaftlichen Beletage. Er findet das ungerecht, zugleich will er aber auch nicht als glatt geschliffener Politikertypus erscheinen, sondern als Mann mit Ecken und Kanten, mit Leidenschaft und Temperament. Dabei ist auch er in seiner Außenwirkung alles andere als ein moderner Visionär, sondern bleibt ein Technokrat.

Fazit: Zwei unterschiedliche Charaktere treffen aufeinander, keine Frage. Dass Steinbrück der Kanzlerin den Sympathiebonus streitig machen kann, ist eher unwahrscheinlich. Dafür fehlt es ihm an Charisma. Merkel mag für viele gepflegte Langeweile verkörpern - aber was soll's, so lange viele Menschen damit gut zu fahren meinen?

Vorteil Merkel.

Rhetorik

Die Sprache der Kanzlerin ist berüchtigt. Über die "Linguae Merkelae" schrieb SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit einst, die gespickt sei mit "verrutschten Formulierungen und Sonderbarkeiten beim Ausdruck von Gefühlen". Die Publizistin Carolin Emcke sehnte sich in einer ziemlich gemeinen Analyse der merkelschen Rhetorik jüngst "nach japanischem Meerrettich löffelweise, um gegen die wachsende geistige Lähmung anzukämpfen", während sie sich durch Manuskripte der CDU-Vorsitzenden kämpfte. Im kleinen Kreis ist Merkel schlagfertig, kann wunderbar Anekdoten erzählen - doch eine große, öffentliche Rede ist von ihr nicht in Erinnerung geblieben. Autorin Emcke sieht es so: "Angela Merkel domestiziert Kritik durch simulierte Freude an einem Diskurs, den sie nicht führt."

Steinbrück wiederum ist berüchtigt für seine bisweilen dröhnende Rhetorik - spätestens, seit er einst als Finanzminister im Kampf gegen Steueroasen der Schweiz mit Peitsche und Kavallerie drohte. "Klartext", so heißt auch die Veranstaltungsreihe, mit der der Kandidat im Wahlkampf über Deutschlands Marktplätze tingelt. Als ihm ein Journalist einmal vorhielt, ob er nicht das letzte Fettnäpfchen hätte auslassen können, antwortete Steinbrück: "Hätte, hätte, Fahrradkette!"

Der Stilkritiker Fritz J. Raddatz sieht darin die "Infantilisierung des Politischen". Doch kein Zweifel, viele Leute mögen es, wenn ein Politiker nicht nur vor sich hinschwurbelt. Steinbrück ist schlagfertig. Aber die Frage ist, ob die Menschen solche Sätze von einem Kanzler hören wollen. Steinbrücks Problem ist, dass er manchmal über das Ziel hinausschießt. Dann klingt er nicht mehr lustig, sondern ironisch, ja sogar sarkastisch. Das verstehen viele Menschen nicht, sie empfinden es als überheblich, besserwisserisch. Diese Sorge hat auch seine Frau Gertrud, die ihm jüngst riet, sich nicht provozieren zu lassen: "Durchatmen. Pause. Nicht aus dem Bauch heraus operieren."

Fazit: Steinbrück sollte sich den Rat seiner Frau zu Herzen nehmen. Dann kann er sich mit klaren Ansagen gegen eine jede Festlegung vermeidende Kanzlerin profilieren. Und das wäre in diesem Duell kein schlechter Punkt.

Vorteil Steinbrück.

Argumente

Ist doch eh alles eins, heißt es immer über die großen Parteien CDU und SPD. Tatsächlich haben sich Christ- und Sozialdemokraten in den vergangenen Jahren programmatisch angenähert, was auch damit zu tun hat, dass sich Angela Merkel recht ungeniert bei den Sozialdemokraten bediente, um den Horizont der Union zu erweitern. Bei der Gleichstellung der Homo-Ehe ließ man sich noch vom Verfassungsgericht treiben, den Mindestlohn nannte die CDU anfangs noch verschämt Lohnuntergrenze, bei der Mietpreisbremse räumte Merkel den Themenklau dann von vornherein ein.

Was also bleibt für eine wirkungsvolle Steinbrück-Attacke? Die wirtschaftliche Lage ist gut, die Arbeitslosigkeit hält sich im Rahmen. Der Syrien-Konflikt eignet sich bislang eher nicht, um damit im Wahlkampf zu punkten. In der Euro-Krise hat die SPD zwar ein paar andere Vorstellungen als die Kanzlerin, doch unterm Strich trug sie alle Rettungspakete in den vergangenen Jahren mit. Bei Mindestlohn und Frauenquote gibt es zwar verschiedene Ansätze, doch ob die Zeit reicht, dem Volk diese nahezubringen, ist ungewiss. Auch die NSA-Affäre, die sicher noch einmal Thema sein wird, hat die Kanzlerin trotz aller Ungereimtheiten nicht wirklich in Bedrängnis gebracht.

Also die Steuern. Hier lassen sich noch die deutlichsten Unterschiede aufzeigen. Merkel schließt Steuererhöhungen aus, Steinbrück will die Reichen stärker belasten, um mit den zusätzlichen Einnahmen Schulden abzubauen und in Bildung und Kinderbetreuung zu investieren. Es wird für den SPD-Mann allerdings nicht ganz einfach, in den vom Regelwerk vorgesehenen 90 Sekunden glaubwürdig zu erklären, dass es hier um eine gesellschaftliche Gerechtigkeitsfrage geht und nur die oberen fünf Prozent auf der Einkommensskala betroffen sein sollen. Zumal die Genossen zuletzt die eigenen Pläne schon wieder zu relativieren versuchten - offenbar aus Angst vor dem Wähler.

Fazit: Inhaltlich Punkte zu landen, wird für beide schwierig. Die Wahlprogramme wurden in den vergangenen Wochen zur Genüge seziert, echte Gewinnerthemen sind nicht in Sicht. Bleibt die Frage: Hat Steinbrück noch einen Trumpf im Ärmel, mit dem er Merkel kalt erwischen kann? Schwer vorstellbar.

Unentschieden

Botschaft

Wenn es schon schwierig wird, sich inhaltlich voneinander abzugrenzen, dann muss am Ende wenigstens die große, alles überragende Botschaft in Erinnerung bleiben. Die Kanzlerin macht es sich da recht leicht. Ihre Botschaft heißt: Angela Merkel. Dem Land geht es nicht schlecht, warum sollte man da ausgerechnet jetzt die Pferde wechseln?

Diese Frage muss Peer Steinbrück beantworten. Und das ist gar nicht so einfach. Dem SPD-Kandidaten dürfte es vor allem um die soziale Gerechtigkeit im Land gehen. Sein Mantra, in der Gesellschaft sei im Zuge der Finanzkrise etwas "aus dem Lot" geraten, wird sich wohl auch an der einen oder anderen Stelle des Duells wiederfinden. Der Kandidat muss den Menschen zeigen, dass unter Merkels Wohlfühldecke eben doch ein paar Probleme verborgen liegen, die es sich anzugehen lohnt. Er muss dem Zuschauer als glaubwürdige Alternative zur Amtsinhaberin in Erinnerung bleiben, als einer, der wirklich eine Alternative sein will - und nicht nur ein Zählkandidat.

Steinbrücks Pech: Seine Botschaft, dass es einen Aufbruch, einen Ruck in diesem Land braucht, teilen offenbar nicht viele Wähler. Ansonsten wären die Umfragen nicht so, wie sie sind. Unglücklicherweise hat zudem das Los entscheiden, dass die Kanzlerin im TV-Duell das letzte Wort hat. Die Gefahr besteht, dass Merkel mit ihrem Abschluss-Statement die Zuschauer sanft sediert in die Nachtruhe entlässt, und jede emotionale Ansprache ihres Herausforderers schon wieder vergessen ist.

Fazit: Gegen die Weiter-so-Message der populären Kanzlerin hat es Peer Steinbrück schwer. Wenn er aber zumindest dem der SPD grundsätzlich wohlgesonnenen Publikum vermitteln kann, dass das Rennen ums Kanzleramt noch offen ist, dann ist für ihn schon viel gewonnen. Steinbrücks Botschaft muss nicht zwangsläufig nur eine inhaltliche sein, sondern eine, die die eigenen Truppen mobilisiert: Ich glaube an mich!

Unentschieden

Fotos: Getty Images, dpa, afp

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1. TV-Duell ist der letzte Schwachsinn
static2206 30.08.2013
Und einfach nur sinnlos aus den USA übernommen. Aber ein deutsches TV-Duell gliedert sich in etwa so. Jeder hat 45min Redezeit. Davon verbringen beide Seiten 20min den anderen zu beschuldigen. Dann rechtfertigt sich jeder noch 20min und die verbleibenden 5min werden mit Wassertrinken verbracht. Inhalt = 0.
2.
wullewupp_kartoffelsupp 30.08.2013
Zitat von sysopDPAEs ist ein Kräftemessen vor Millionenpublikum. Im TV-Duell gegen Kanzlerin Merkel hat SPD-Herausforderer Steinbrück die womöglich letzte Chance, die Stimmung noch zu seinen Gunsten zu drehen. Wo könnte der Sozialdemokrat punkten? Wo liegen die Stärken der Amtsinhaberin? Der Check. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spannung-vor-tv-duell-zwischen-merkel-und-steinbrueck-a-919352.html
Also ich für meinen Teil weiß schon sehr genau das ich mir meinen Sonntag Abend weder mit Worthülsen weder noch diesem Massen-verdummungs-Kasperle-theater von diesen "Politikdarstellern" füllen lassen werde.. :-)
3.
PK2011 30.08.2013
Zitat von sysopDPAEs ist ein Kräftemessen vor Millionenpublikum. Im TV-Duell gegen Kanzlerin Merkel hat SPD-Herausforderer Steinbrück die womöglich letzte Chance, die Stimmung noch zu seinen Gunsten zu drehen. Wo könnte der Sozialdemokrat punkten? Wo liegen die Stärken der Amtsinhaberin? Der Check. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spannung-vor-tv-duell-zwischen-merkel-und-steinbrueck-a-919352.html
Wird sich nicht lohnen, einzuschalten. Schliesslich wissen beide, dass sie nach der Wahl in einer Regierung sitzen. Zudem vertreten beide in der einzig wichtigen Frage zur Zukunft Deutschlands - künftige Europapolitik und Gemeinschaftswährung - die nahezu gleichen Standpunkte. Politikeraussagen unterliegen ja, gesellschaftlich anerkannt, grosser Relativität. Insofern nur ein Spektakel für RTL-Deutschland.
4. Ja selbstverständlich bringt das TV- Duell was,
pace335 30.08.2013
denn die meisten Wähler interessieren sich = 0 für Politik. So ein Duell im TV schauen sich aber selbst solche Leute noch an. So kriegen sie wenigstens am Rande ein paar Brocken Politik mit.
5. Ach...Ich werde die Tiraden
christroy 30.08.2013
des Spiegels und die einseitige Berichterstattung gegen Merkel nach der Wahl vermissen, sobald auch sich der Spiegel damit abfinden, dass eine Demokratie eben auch dazu führen kann, dass die Konservativen die Mehrheit bilden. Nach wie vor ist die CDU die stärkste Partei. Und meine Frau und ich wählen zum ersten Mal die CDU und nicht nur einfach unsere Kanzlerin. Akzeptieren Sie einfach, dass es Deutschland nicht so schlecht geht und dass es auch zufriedene Menschen in diesem Land gibt. Und die Wettbewerbsfähigkeit sowie die wirtschaftliche Entwicklung überlasse ich eben nicht gerne der SPD und den Grünen mit ihrern Heerscharen an Lehrern und Beamten, die nicht wissen wie es ist selbst eine Firma aufzubauen und die Gängelung durch überhöhte Steuern und Bürokratie zu erfahren. Auf unsere Heimat und eine weiterhin Starke Wirtschaft.
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