Spardebatte Staat zahlt 442 Millionen Euro für Kirchengehälter

Die Bundesregierung spart und streicht, doch kirchliche Gehälter verschont sie. Die Bezüge werden seit 200 Jahren vom Staat getragen, und niemand scheint daran etwas ändern zu wollen - obwohl 2009 fast eine halbe Milliarde Euro gezahlt wurde.

SPIEGEL TV

Hamburg - Deutschland schnallt den Gürtel enger: Im Rahmen des Mega-Sparpakets der Bundesregierung sollen Arbeitslosen Zuschüsse gekürzt, Hartz-IV-Empfängern das Elterngeld gestrichen und der Bundeswehr 40.000 Personen genommen werden. Nur ein Kostenfaktor bleibt von den Sparmaßnahmen verschont: Die Gehälter kirchlicher Würdenträger.

Hier könnten jährlich mehrere Millionen Euro eingespart werden, denn die Gehälter von Bischöfen, Priestern und Vikaren werden von Steuergeldern bezahlt. Völlig unabhängig von der Kirchensteuer.

Im Gespräch mit SPIEGEL TV erklärte Kirchenexperte Carsten Frerk die Lage am Beispiel von Bayern: Die sieben Bistümer des Freistaats haben jährliche Kircheneinnahmen von rund 1,2 Milliarden Euro, trotzdem zahlt das Land die Gehälter von beispielsweise fünf Bischöfen und zwei Erzbischöfen, zwölf Weihbischöfen, 60 Kanonikern sowie 33 Erziehern an bischöflichen Priester- und Knabenseminaren.

In Bayern flossen dafür allein im vergangenen Jahr 65 Millionen Euro vom Freistaat an die katholische Kirche, hinzu kamen 21 Millionen für die evangelischen Kollegen. Auch Baden-Württemberg zeigte sich gegenüber den Geistlichen großzügig: Je 49 Millionen zahlte das Land 2009 an die katholische und die evangelische Kirche.

Im protestantischen Norden fallen die Zahlungen etwas geringer aus, sind aber trotzdem beeindruckend: Die evangelische Kirche erhielt vom Land Niedersachsen 30 Millionen Euro, die Katholiken 7,6 Millionen Euro.

Insgesamt zahlte Deutschland im Jahr 2009 mehr als 442 Millionen Euro für kirchliche Personalkosten.

Vereinbarung aus dem Jahr 1803

Die Empfänger der Gehälter finden das nicht unangebracht, sondern selbstverständlich: Georg Ratzinger, katholischer Priester und Bruder des Papstes, sagte SPIEGEL TV, dass es "natürlich" angemessen sei, dass kirchliche Würdenträger vom Staat bezahlt werden.

Schließlich habe der Staat ja auch die Kirche "geplündert" und ihr "viel gestohlen". Außerdem würden die Bischöfe dem allgemeinen Wohl dienen. Dass die Zahlungen überhaupt in Frage gestellt werden, findet Ratzinger unverständlich.

Auch Gerhard Ludwig Müller, Bischof des Bistums Regensburg, kann an den hohen Zahlungen nichts Ungerechtes finden. Er und seine Kollegen bekämen ihr Gehalt aus dem Vermögen, das der Staat der Kirche vor 200 Jahren abgenommen habe. Das seien vertragliche Verpflichtungen, und die sollten auch weiterhin gelten.

Mit der Begründung der Zahlungen liegt Müller richtig, die Regelung geht tatsächlich auf vereinbarte Ersatzzahlungen zwischen Staat und Kirche zurück - dieser Beschluss stammt aus dem Jahr 1803.

Am 25. Februar 1803 enteignete die Reichsdeputation in Regensburg die alte Reichskirche mit ihrem enormen Besitz: Es ging um vier Erzbistümer, 18 Bistümer, 80 reichsunmittelbare Abteien und mehr als 200 Klöster. Mit diesen Immobilien wurden die weltlichen Fürsten für jene Gebiete entschädigt, die sie an Napoleon hatten abtreten müssen. Bayern erhielt das Siebenfache, Preußen das Fünffache des Verlorenen. Im Gegenzug bekommen seither die Kirchen für ihre Vermögensverluste jährliche Zahlungen aus der Staatskasse.

Dass die Vereinbarung auch 200 Jahre später noch gilt, daran habe damals niemand gedacht, erklärt Professor Horst Herrmann, Experte für Kirchenrecht. Trotzdem stelle seit jeher niemand das Abkommen in Frage: "Das Kaiserreich hat gezahlt, die Weimarer Republik hat gezahlt, Hitler hat gezahlt und die Bundesrepublik zahlt immer noch", so Herrmann.

Das Grundgesetz sieht vor, dass die Zahlungen vom Staat an die Kirche irgendwann ein Ende haben - ein genauer Zeitpunkt wurde aber nicht festgelegt.

tro

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insgesamt 1031 Beiträge
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Seite 1
Neurovore 08.06.2010
1. ....
Zitat von sysopDie Bundesregierung spart und streicht, doch kirchliche Gehälter verschont sie. Die Bezüge werden seit 200 Jahren vom Staat getragen, und niemand scheint daran etwas ändern zu wollen - obwohl 2009 fast eine halbe Milliarde Euro gezahlt wurden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,699422,00.html
Na endlich packt SPON dieses Thema mal an. Bitte nicht aufhören und auch mal die anderen staatlichen Zuschüsse zu den Kirchen, bzw. zu kirchlichen Trägern ausleuchten...
Bala Clava 08.06.2010
2. Te absolvo
Zitat von sysopDie Bundesregierung spart und streicht, doch kirchliche Gehälter verschont sie. Die Bezüge werden seit 200 Jahren vom Staat getragen, und niemand scheint daran etwas ändern zu wollen - obwohl 2009 fast eine halbe Milliarde Euro gezahlt wurden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,699422,00.html
Die katholische Kirche hat's doch so mit der Verjährung: Also, liebe Kirchenfürsten, nicht nur längst verjährt, sondern auch mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt. Wo bleibt die Absolution?
black wolf, 08.06.2010
3. endlich
Ich habe mich schon gefragt, wann dieses Thema endlich zur Sprache gebracht wird. Bei allen Sparvorschlägen hatte man bisher den Eindruch, die Kirchen seien irgendwelche außerirdischen Entitäten die mit den Bundesfinanzen gar nichts zu tun haben. Der angebliche christliche Urauftrag, altruistisch den Ärmsten zu dienen, ist im Klerus schlagartig wertlos wenn es an die eigenen Pfründe gehen soll. Dass die braven Schäfchen in der Politik von diesen Milliarden wegschauen und lieber soziale Auslese betreiben, ist nicht überraschend. Es geht nicht um das Wohl aller Seelen, sondern vor allem um das Wohl derer, die sich hauptberuflich um Seelen sorgen. Ein freiwilliger Verzicht auf ein über 1600 brutto liegendes Einkommen durch alle Kleriker wäre respektabel.
Elensaar 08.06.2010
4. Abschaffen aber schnell!
Die Kirchen erhalten Kirchensteuer und sollten sich damit selbst finanzieren! Diese neue Regelung dass der Staat die Kirchengehaelter bezahlt gehoert sofort abgeschafft!
sic tacuisses 08.06.2010
5. ist doch klar, man trägt doch das "hohe C" im Namen.
Zitat von sysopDie Bundesregierung spart und streicht, doch kirchliche Gehälter verschont sie. Die Bezüge werden seit 200 Jahren vom Staat getragen, und niemand scheint daran etwas ändern zu wollen - obwohl 2009 fast eine halbe Milliarde Euro gezahlt wurden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,699422,00.html
Die Bundeskanzlerin wird sich doch nicht mit denen anlegen da ihr sonst die kohlrabenschwarzen Schafe bei den kommenden Wahlen auch noch davonlaufen.
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