SPD-Abgeordnete Akgün "Ein 'Ja' wäre ein Dammbruch gewesen"

Sie ist gegen Kopftücher und Kruzifixe in der Schule und froh, dass das Bundesverfassungsgericht die Politik in die Pflicht genommen hat. Ein „Ja“ zum Tuch wäre ein Dammbruch gewesen, sagt die sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Lale Akgün im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.


 Bundestagsabgeordnete Akgün: "Man kann auch ohne Kopftuch glauben"
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Bundestagsabgeordnete Akgün: "Man kann auch ohne Kopftuch glauben"

SPIEGEL ONLINE:

Die Lehrerin Fereshat Ludin hat erkämpft, dass sie ihr Kopftuch im Klassenzimmer nicht abnehmen muss. Allerdings dürfen die Bundesländer in Zukunft Kopftücher grundsätzlich verbieten. Sind Sie zufrieden mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts?

Lale Akgün: Ich bin sehr froh, dass es so gekommen ist. Eine Entscheidung "Ja zum Kopftuch" wäre ein Dammbruch gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Akgün: Beim Kopftuch geht es doch gar nicht um den persönlichen Glauben. Es gibt viele türkische Lehrerinnen, die keins tragen. Das Kopftuch hat ganz demonstrative Bedeutung, mit dem sich bestimmte religiöse Ambitionen und Tendenzen verbinden.

SPIEGEL ONLINE: Das sieht Fereshat Ludin anders. Sie sagt, sie wolle nicht missionieren, nur ihren Glauben ausleben.

Akgün: Man kann auch ohne Kopftuch glauben, es ist kein zwingendes Glaubensbekenntnis. Es ist ein Verhaltensmuster.

SPIEGEL ONLINE: Das Bundesverfassungsgericht hat die Verantwortung über die Kopftuch-Entscheidung an die Länder weitergeschoben. War das feige?

Akgün: Es ist sehr weise vom Bundesverfassungsgericht, nicht zu sagen: "Wir entscheiden als Justiz ob Kopftuch Ja oder Nein". Es war klug, der Politik zu sagen: "Ihr müsst eure Hausaufgaben machen, ihr habt geschlafen die ganze Zeit."

SPIEGEL ONLINE: Jedes Bundesland wird eine eigene Entscheidung darüber treffen, ob es Kopftücher in Zukunft toleriert oder nicht. In Hessen muss dann vielleicht eine Lehrerin ihr Haar zeigen, in Berlin darf sie mit Tuch zur Schule kommen.

Akgün: Ich sehe darin keine Ungleichbehandlung. Kein Mensch muss seinen Glauben an der Klassentür ablegen. Aber es sollte nicht Teil der Arbeit sein. Dazu muss die Frage der Neutralität der Schulen noch einmal diskutiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Also sollten auch christliche Lehrer das Tragen von Kreuz-Symbolen verboten werden?

Akgün: Genauso wenig wie Kruzifix im Klassenzimmer hängen sollen, sollten auch von den Lehrern keine religiösen Symbole zur Schau getragen werden. Stellen Sie sich vor, ein Parteigenosse von mir ginge mit einem SPD-Button auf der Brust in die Klasse. Nach zwei Stunden stünden die ersten empörten Eltern im Rektor-Zimmer und würden "Propaganda" schreien.

SPIEGEL ONLINE: Und? Hätten sie Recht damit?

Akgün: Sicher. In Politik und Religion geht es um Ideologien, Vorstellungen. Und Lehrer sind nun mal die Vorbilder der Kinder. Wenn sie als Vorbilder mit bestimmten Ideen kommen und sie vorleben ist das der Versuch einer Einflussnahme.

Das Interview führte Ulrike Putz



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