SPD Adieu, du altes Trampolin!

145 Jahre hat sie sich wacker gehalten - jetzt scheint die SPD auf dem Weg des unaufhaltsamen Niedergangs: Die Sozialdemokratie ist nicht zu retten, meint Henryk M. Broder und empfiehlt den Kauf von SPD-Memorabilia - um wenigstens die Erinnerung an die einst stolze Partei zu retten.


Berlin - Die SPD ist im Begriff, das von der FDP angestrebte Traumergebnis von 18 Prozent zu erreichen, wenn auch aus der anderen Richtung. Das ist kein Grund zur Schadenfreude, denn ohne eine starke und funktionierende Sozialdemokratie kann eine soziale Demokratie nicht gut funktionieren; andererseits gibt es im Bundestag, mit Ausnahme der FDP, nur noch sozialdemokratische Parteien, die unter den Logos von CDU, CSU, Grüne und Linke firmieren, so dass mit der Auflösung der Ur-Marke SPD kein allzu großer Schaden verbunden wäre.

Mit wehenden Fahnen: Die SPD im Abwärtstrend
DDP

Mit wehenden Fahnen: Die SPD im Abwärtstrend

Die Gründe für den langsamen aber unaufhaltsamen Niedergang der SPD sind an dieser Stelle bereits analysiert worden, unter anderem von Franz Walter, der diese Entwicklung weise vorausgesagt hat. Sie ist so organisch wie das Aussterben der Dinosaurier oder der karibischen Spitzmaus. Angeblich verschwinden auf der ganzen Welt täglich 150 Tier- und Pflanzenarten. Jetzt ist eben die SPD an der Reihe. Immerhin hat sie sich 145 Jahre wacker gehalten, länger als jede andere deutsche Partei. Und wenn man überlegt, wie klein sie 1863 als der "Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV)" angefangen hat, kann man den Erben von Ferdinand Lassalle die Anerkennung nicht versagen.

Doch nun heißt es, Adieu sagen und sich auf eine Zukunft ohne die SPD vorbereiten. Für uns ältere Sozialdemokraten, die wir uns noch an Erich Ollenhauer, Karl Schiller, Herbert Wehner und Heinz Kühn erinnern können, die wir mit einem Fiat 500 zu viert von Köln nach Frankfurt gerast sind, um dort eine Vorlesung von Carlo Schmid ("Kater Carlo") zu stören und die wir mit der Ausrede vom "kleineren Übel" zähneknirschend zu den Wahlen gegangen sind, ist das trotz allem ein sentimentaler Moment.

Nur noch fleißige Ministranten

Wir haben den "Vorwärts" zwar nicht gelesen, aber aus Solidarität abonniert. Wir haben Günter Grass zugejubelt, als er uns zurief: "Ich rat Euch, SPD zu wählen!" Wir nahmen der SPD nichts übel, nicht einmal die Koalition mit der CDU unter Kiesinger, weil wir von der Notwendigkeit historischer Kompromisse überzeugt waren. Wir haben "Willy, Willy" gerufen und Gerhard Schröder sogar die Brioni-Nummer verziehen, weil wir keine knurrigen Spaßbremsen sein wollten. Und darüber haben wir übersehen, wie die SPD stückweise Harakiri beging, wie sie sich arrangierte, verbog und verzog, um es allen recht zu machen. Spätestens mit dem Umstieg von Gerhard Schröder aus dem Bundeskanzleramt in die Direktion der Gasprom hätte uns klar werden müssen, wozu die SPD am besten taugt: Als Trampolin in die Beletage der Gesellschaft, wo dicke Zigarren geraucht und fette Abfindungen ausgehandelt werden.

Und nachdem alle, die was können und was taugen, sich ins Privatleben oder in die Wirtschaft zurückgezogen haben, sind nur noch die fleißigen Ministranten übrig geblieben: Frau Ypsilanti, die ihren eigenen Wahlsieg vergeigt hat, Olaf Scholz, der mit dem Charisma eines Schalterbeamten agiert, Hubertus Heil, der beim Sprechen den Mund kaum aufmacht, und Kurt Beck, dem man es ansieht, dass er sich selbst nicht wählen würde, wenn man ihm die Wahl ließe. Gut, bei der CDU ist das Personal auch nicht besser, aber die haben wenigstens Angela Merkel, die allen anderen die Schau klaut, weil sie ihren Job professionell erledigt.

Alles aufkaufen, was im SPD-Shop angeboten wird

Alles, was wir ältere Sozialdemokraten derzeit machen können, ist das: uns darauf einstellen, dass wir unseren Enkelkindern eines Tages sagen werden: "Ja, wir haben die SPD noch erlebt, wir waren dabei, als Willy Brandt gestürzt und Gerhard Schröder gewählt wurde, wir können uns sogar an eine junge und ständig hyperventilierende Frau namens Andrea Nahles erinnern, die Franz Müntefering als Parteivorsitzenden abgeschossen hat, um anschließend zur stellvertretenden Vorsitzenden aufzusteigen. Wir wissen sogar noch, wer Rudolf Scharping war, bevor er der Vorsitzende des Bundes Deutscher Radfahrer wurde."

Wir sollten sofort damit anfangen, eine audiovisuelle Sammlung von SPD-Memorabilia anzulegen, indem wir täglich die "Tagesschau" und das "heute journal" aufzeichnen, um all die Statements der SPD-Politiker der Nachwelt zu erhalten, in denen sie uns versichern, dass es der SPD so gut geht wie nie zuvor.

Und wir sollten alles aufkaufen, was im SPD-Shop angeboten wird. "Stimmungsvolle Windlichter" aus Glas ("Hier geht Euch ein Licht auf!"), sechs Stück zu 29 Euro; einen roten SPD-Toaster für 27,60 Euro, der die magischen drei Buchstaben auch auf die Brotscheiben brennt; SPD-Windjacken, SPD-Badeschuhe, SPD-Basecaps, SPD-Thermoskannen, SPD-Pustefix, das SPD-Riesen-Seifenblasen-Spiel für Kinder- und Sommerfeste, SPD-Windmühlen aus Hart-PVC und SPD-Proviantdosen für den langen Marsch in eine entsorgte Zukunft. Alle diese Artikel werden eines Tages viel wert sein, wie die Devotionalien der SED oder die bunten Eierbecher aus dem VEB "Sonja Plastik", die heute unter Sammlern gehandelt werden.

Nehmen wir es mit Würde und mit Gelassenheit. Die SPD ist nicht zu retten. Retten wir also unsere Erinnerungen an die SPD.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 264 Beiträge
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Pinarello, 05.06.2008
1. Adieu SPD!
Tja, so isses halt, wer seit nun rund 10 Jahren seine eigenen Wähler so verraten und verkauft hat, alles zum Wohle der oberen 10%, bzw. der Globalisierung, der braucht sich dann auch nicht zu wundern, wenn die Wähler sich andere Parteien suchen oder gleich zu Hause bleiben, weil eh nur von allen verraten und verkauft werden. Die SPD hätte die große Chance gehabt, im Zuge der hemmungslosen Auswüchse der angeblichen Globalisierung auf lange Sicht die Gewinnerin der deutschen Parteienlandschaft zu sein, sie hat es aber gar nicht erst in Erwägung gezogen sondern sich gleich mit Mann und Maus auf die Seite geschlagen, die bereits von den anderen Parteien besetzt ist. Jetzt ist es zu spät, noch dazu haben die Herren Steinbrück, Beck, Steinmeier, Struck und Co. nicht die geringsten Lehren daraus gezogen sondern graben immer weiter munter das eingene Parteigrab, denn so ist der Deutsche nun mal, wenn schon was falsch gemacht wird, dann bis zur letzten Konsequenz. Übrigens, von den Herren Clement, Schröder,Eichel, Wettecke, Schilly und Konsorten will ich gar nicht mehr sprechen, dazu fällt mir nur noch das altbekannte Zitat aus dem Jahre 1933 ein: "Ich kann nicht soviel fressen wie ich kotzen möchte". Es ist aber schon erstaunlich, wie die älteste Volkspartei Deutschlands in nur wenigen Jahren sich selbst beerdigt und die Verantwortlichen merken es nicht einmal, oder wollen es nicht merken, weil viel zu gut bezahlt dafür.
Kaiserbubu 05.06.2008
2. Nach den Blockpfeifen, jetzt die Sargnägel!
Die Netzwerker und der Seeheimer Kreis sollten bei der Beerdigung den Sarg tragen. Diese Totengräber sozialdemokratischer Kultur habe die Partei auf dem Gewissen. Aber, kein Problem, die passen ja gut in die FDP und die Union. Nach den Blockpfeifen, nehmen die Bürgerlichen jetzt die Sargnägel auf!
Bre-Men, 05.06.2008
3. Wer hat uns verraten?
Zitat von sysop145 Jahre hat sie sich wacker gehalten - jetzt scheint die SPD auf dem Weg des unaufhaltsamen Niedergangs: Die Sozialdemokratie ist nicht zu retten, meint Henryk M. Broder und empfiehlt den Kauf von SPD-Memorabilia - um wenigstens die Erinnerung an die einst stolze Partei zu retten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,557724,00.html
Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten.
Tom Berger 05.06.2008
4. Clement, Schröder und Müntefehring rauswerfen!
Zitat von sysop145 Jahre hat sie sich wacker gehalten - jetzt scheint die SPD auf dem Weg des unaufhaltsamen Niedergangs: Die Sozialdemokratie ist nicht zu retten, meint Henryk M. Broder und empfiehlt den Kauf von SPD-Memorabilia - um wenigstens die Erinnerung an die einst stolze Partei zu retten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,557724,00.html
Solange die SPD sich nicht von Clement, Schröder und Müntefehring samt deren asozialen Agenda 2010 trennt, wird der Niedergang sich fortsetzen. Schade, dass nur eine wegen ihres stalinistisch-faschistischen Flügels unwählbare Linke die einzige soziale Alternative darstellt. Ich werde hierzulande wohl kaum noch wählen gehen ...
mitwisser, 05.06.2008
5. ein aus Gier selbst verschuldetes Desaster
Zitat von sysop145 Jahre hat sie sich wacker gehalten - jetzt scheint die SPD auf dem Weg des unaufhaltsamen Niedergangs: Die Sozialdemokratie ist nicht zu retten, meint Henryk M. Broder und empfiehlt den Kauf von SPD-Memorabilia - um wenigstens die Erinnerung an die einst stolze Partei zu retten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,557724,00.html
Wahlverlierer (Hessen) Eichel wurde Finanzminister und sorgte für großes steuerliches Chaos (Körperschaftssteuer, steuerfreier Beteiligungsverkauf etc.) und den unverantwortlichen Lizenzhype um die UMTS-Lizenzen. Während die Telekom zigtausende von Mitarbeitern abbaute, bezog Herr Eichel eine Pension von mindestens 15.000,- (so genau weiß das wohl nicht mal der Hans). Lafontaine schmeißt seinen Ministerposten nach wenigen Wochen hin. Otto Schily überholte sich selbst auf der rechten Spur, verfeinerte die netten Überwachungsmöglichkeiten und anerkennt heute nicht das geltende Recht (Nebeneinkünfte zu veröffentlichen). Gas-Gerd genehmigt die Ostsee-Pipeline und wird wenige Wochen später Aufsichtsrat-Chef der Ostsee-Pipeline Firma im steuerbegünstigten Zug! Gleichzeitig denunzieren die Sozis jeden, der seinen Wohnsitz in die Schweiz verlagert. Clemen , der Super-Minister, liberalsierte den Arbeitsmarkt für Zeitarbeitsfirmen und wird heute von Adecco bezahlt. Müller haut eine Ministererlaubnis für die Energiewirtschaft raus und ist heute VV der RAG (Evonik). Sein Staatssekretär hat einen ähnlichen job. Wenn sich also die Sozis schamloser bedienen, als die, von denen man es gewohnt ist, muß man sich nicht wundern, daß ihnen die Wähler weglaufen. Da es schamlos übertrieben wurde, ist das für die SPD auch nicht mehr umkehrbar. Sollte eine Warnung für die anderen Parteien sein, wird aber sicher nicht ernst genommen, da die Lernfähigkeit überschaubar ist....
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