Machtkampf in der SPD Nahles will Kritiker kaltstellen

SPD-Fraktionschefin Nahles will einen ihrer härtesten Kritiker abstrafen: Der bayerische Abgeordnete Florian Post soll nach SPIEGEL-Informationen seinen Sitz im Wirtschaftsausschuss verlieren. In der Partei rumort es.

Andrea Nahles (SPD)
DPA

Andrea Nahles (SPD)


Er nervt sie schon lange, nun will SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles durchgreifen und einen ihrer schärfsten Kritiker abstrafen: Der bayerische Bundestagsabgeordnete Florian Post soll nach SPIEGEL-Informationen seinen Sitz im Wirtschaftsausschuss verlieren und damit auch seine bisherige Rolle als Berichterstatter für die Rüstungsexportpolitik.

Derzeit werde dazu eine Entscheidung vorbereitet, heißt es in der Fraktionsspitze. Offiziell wird der Schritt mathematisch begründet: Weil ein SPD-Abgeordneter, der Dortmunder Marco Bülow, vergangenes Jahr die Fraktion verließ, muss die SPD einen Platz im Wirtschaftsausschuss hergeben.

Die Fraktionsführung macht allerdings keinen Hehl daraus, dass es sich bei der geplanten Versetzung um eine gezielte Disziplinierungsmaßnahme gegen Post handelt: Bei der Frage, welche Abgeordneten in die Ausschüsse geschickt werden, würden "immer auch Anwesenheit und Abweichungen vom Abstimmungsverhalten der Fraktion berücksichtigt", sagte der Parlamentarische Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider dem SPIEGEL.

"Man sollte sich nicht ständig auf Kosten der eigenen Fraktion profilieren"

Post votierte unlängst als einer von sechs SPD-Abgeordneten gegen die Reform des Paragrafen 219a. Immer wieder kritisierte er den Kurs der Parteispitze. Nahles klagte kürzlich in einer internen Sitzung, Post benutze sie "nur noch als Abort".

In der SPD sorgt das Vorhaben der Fraktionschefin für Ärger. Sie sei "mindestens irritiert", sagt die Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag. Es müsse möglich sein, kontrovers zu diskutieren.

Der nordrhein-westfälische Abgeordnete Axel Schäfer sagt: "Natürlich sollte man sich nicht ständig auf Kosten der eigenen Fraktion profilieren. Aber Ordnungsmaßnahmen sollten wir tunlichst vermeiden. Da schimmert bei Andrea Nahles, wie übrigens auch bei Olaf Scholz, leider immer noch die autoritäre Prägung aus Juso-Zeiten durch."

Auch Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter kritisierte den Plan zur Versetzung: Sollte der Münchner Post aus dem Wirtschaftsausschuss abberufen werden, "kann ich das nicht nachvollziehen", sagte er. Er hoffe, "dass diese Entscheidung noch mal überdacht wird".

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vme/hic

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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
sam46 15.03.2019
1. Man muss sich fragen ob diese Partei noch ernst zu nehmen ist .....
anstatt Profilneurosen abzuarbeiten sollte sich die Parteispitze Gedanken darüber machen , wie sie jetzt schon wieder von dieser Kanzlerin vorgeführt wird und von der SPD erledigte Punkte im Koalitionsvertrag als CDU Errungenschaften vereinnahmt werden. Weiterhin schaut die SPD tatenlos zu , wie die Beziehungen zu Frankreich strapaziert werden - von dieser Kanzlerin durch Schweigen und von ihrer Wunschnachfolgerin mit einer privaten Meinungsäusserung. Bei dieser Verhaltensweise sind die Befürchtungen um ein Ansteigen der Sitze von Rechtspopulisten im EU Parlament berechtigt .
andreas.s 15.03.2019
2. Jaja, der Fraktionszwang
GG Art 38. (1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen
YoRequerrosATorres 15.03.2019
3. Durchgreifen!
Eine Linie! Schnittig, mittig, demokratisch. Eine Partei, eine Meinung!
kurtbaer 15.03.2019
4. was andrea nahles hier macht...
finde ich durchaus legitim. wenn sich jemand oft mit seinem abstimmungsverhalten gegen die partei stellt, muss er damit rechnen. ich finde sogar, er sollte sich an irgendeinem punkt fragen, ob er überhaupt in der richtigen partei ist.
Mister Stone 15.03.2019
5.
Merkel hat alle gnadenlos abserviert, die auch nur den Hauch einer Kritik in Richtung Merkel angedeutet haben. Mit großem Erfolg. Hat sich bewährt... läuft! Warum sollte Nahles als Chefin der Groko-Junior-Partner-Partei nicht von der Chefin der Groko lernen dürfen? Wenn man seine Macht retten oder mehren will und dies nicht durch Leistung/Anerkennung erreichen kann, dann muss man alles ausschalten, was die Macht gefährden könnte. Knallharte SED-Polit-Schule, erstes Semester.
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