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Helfer beim SPD-Mitgliederentscheid: "Ich bin der Typ Sortierer"

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Aus dem ganzen Land reisten sie an, um in einer stickigen Kreuzberger Halle Briefe zu sortieren und Stimmen zu zählen. Mehr als belegte Brote gibt es nicht dafür. Warum machen das 400 SPD-Mitglieder? Und sind sie für oder gegen die Große Koalition? Drei Genossen erzählen.

SPD-Basisentscheid: Einsatz an der Schlitzmaschine Fotos
SPIEGEL ONLINE

Berlin - "Ich hätte mir Arme und Beine ausgerissen, um dabei zu sein", sagt Josef Somogyi. Für den 51-jährigen Angestellten ist es schier unfassbar, dass so ein "unbedeutender Genosse aus dem Ruhrpott" wie er miterleben wird, wenn in einer alten Bahnhofshalle in Berlin die Geschicke des Landes entschieden werden.

Er und seine Frau sind zwei von 400 SPD-Freiwilligen, die den ganzen Samstag über dabei helfen, die rund 300.000 Einsendungen auszuzählen. Die Somogyis wurden von ihrem Kreisverbandsvorstand ausgewählt, weil sie schon seit zwanzig Jahren bei der SPD sind. "Es ist eine Ehre und eine Verpflichtung", sagt der Mann aus Recklinghausen. Sogar eine Vier-Sterne-Unterkunft hat die SPD für ihre Helfer springen lassen. Wenn sie schon keinen Lohn zahlen kann, dann wenigstens das.

Seit 1 Uhr nachts sind die Helfer am Rackern: Brief raus aus dem Umschlag, sortieren, zählen. Bis zum späten Nachmittag kann es dauern, bis sie alle Briefe durch haben. Dann will SPD-Chef Sigmar Gabriel vor Partei und Presse treten und das Ergebnis verkünden. Spätestens bis 18 Uhr soll klar sein, ob Deutschland von einer Großen Koalition regiert wird oder nicht.

Gespannt auf die Hochleistungsschlitzmaschinen

Auch Max Janetzki ist einer der Helfer. Er hoffte auf einen Whirlpool im Hotel. Der 24-jährige Politikstudent ist Juso-Vorsitzender aus Oberhausen. "Ich freu mich, in Berlin zu sein", sagt er. Janetzki möchte außerdem miterleben, "wenn Demokratie passiert". Wirklich gerissen hätten sie sich bei ihm im Ortsverein aber nicht um die Aufgabe, als per E-Mail nach Freiwilligen gesucht wurde.

Bei Berat Arici aus Gladbeck war es ein härterer Kampf, um bei der Reise nach Berlin mitmachen zu können. Um die zwanzig Genossen hatten sich in seinem Ortsverein als Auszähler beworben, der 19-jährige Student war am schnellsten. Seine Freundin hat er gleich mit angemeldet, ohne sie gefragt zu haben. Besonders interessiert sie die Technik - etwa die Hochleistungsschlitzmaschinen.

Davon stehen zwei in der Halle. Eine kann in einer Stunde 20.000 Briefe öffnen. Die ganze Nacht von Freitag auf Samstag waren sie in Aktion. Doch die Maschinen können nicht die ganze Arbeit erledigen, deshalb kommen an diesem Samstag die Helfer ins Spiel.

Zwei der Auszähler sind gegen die Große Koalition

Max Janetzki fände es gut, wenn alle paar Stunden Zwischenergebnisse verkündet werden. Doch daraus wird nichts. Es gebe keine Anzeige, auf der die Ja- und Nein-Stimmen sich ein Wettrennen liefern, sagt ein SPD-Sprecher. Das wäre technisch gar nicht möglich, da die Ergebnisse der einzelnen Gruppen erst zum Schluss zusammengezählt würden.

Dafür gibt es für die fleißigen Helfer Getränke und Essen. Auch ein Schichtplan ist ausgearbeitet worden, damit jeder mal Pause machen kann. Es soll drei Gruppen geben: Die erste nimmt die Briefe aus dem geöffneten Umschlag, die zweite sortiert, die dritte zählt aus.

Berat Arici sagt: Er sei der Typ Sortierer. "Da behält man am besten den Überblick." Er selbst hat mit Nein gestimmt. Arici ist Deutschtürke. Er hat Gabriel beim Wort genommen, als der auf dem Leipziger Parteitag versprochen hat, die doppelte Staatsbürgerschaft würde im Koalitionsvertrag stehen.

Das tut sie zwar, doch für Arici ist sie "mehr Schein als Sein", weil Ausländer, die schon dreißig Jahre in Deutschland Steuern zahlen, sie nicht bekommen. "Ich kämpfe nicht für einen Politikwechsel und sage dann Ja zu Stillstand mit ein paar Extras", sagt er. Auch sein Juso-Kollege Janetzki hat Nein angekreuzt. "Die junge Generation ist zu wenig vertreten", sagt er.

Kuschel-Warnung an den Parteichef

Der 51-jährige Somogyi dagegen hat mit Ja gestimmt. Er hofft, dass die SPD die Anliegen der Kritiker aus der Partei berücksichtigt, wenn sie regiert. Die Genossen sind daran gewöhnt, nicht einer Meinung zu sein. Schließlich haben die drei Genossen wochenlang in ihren Ortsvereinen den Koalitionsvertrag auseinandergenommen. "Aber wir sind doch alle gute Demokraten", sagt Somogyi.

Das wird sich zeigen, wenn das Ergebnis am Nachmittag feststeht und Sigmar Gabriel die Zahlen verkünden wird. Egal wie es ausgeht, zum Schluss gibt es für alle Helfer noch ein Geschenk von Sigmar Gabriel.

Dem Parteichef will der Juso Janetzki noch einen Tipp mitgeben, falls es die von ihm ungeliebte Große Koalition doch geben sollte: "Nicht zu viel kuscheln."

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insgesamt 80 Beiträge
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1. diese wunderbare
micromiller 14.12.2013
werden sich der hoehpunkt der auszaehlung werden. hoffentlich sind auch qouten fuer weiblich auszaehler (innen) beruecksichtigt und der anteil der unter 30jaehrigen in quotengerechter anzahl vertreten. es ist einfach wunderbar das volkstheater der lebendigen demokratie miterleben zu duerfen. hoffentlich uebertragen die staatsender den event live, damit wir wenigstens etwas von unserer fernsehsteuer haben.
2. Auszählen
neu_im_forum 14.12.2013
Wäre beinahe auch hingefahren.Jemand muss auszählen.
3.
Steuerzahler0815 14.12.2013
Dass die sich das gefallen lassen In der Basis die schlecht bezahlte "Drecksarbeit" müssen die Männer machen aber später die Führungspositionen werden an die Genossinnen gehen die direkt von der Uni in Ministerämter oder wenigstens direkt in den Landtag wechseln
4. Bewundernswert, diese Idealisten
wohlmein 14.12.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEAus dem ganzen Land reisten sie an, um in einer stickigen Kreuzberger Halle Briefe zu sortieren und Stimmen zu zählen. Mehr als belegte Brote gibt es nicht dafür. Warum machen das 400 SPD-Mitglieder? Und sind sie für oder gegen die Große Koalition? Drei Genossen erzählen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-basisentscheid-ueber-grosse-koalition-400-genossen-zaehlen-aus-a-939012.html
Ihnen geht es wirklich um die Sache, und sie freuen sich, daß sie hautnah Demokratie miterleben. Und vermutlich finden sie es auch gut, daß nicht alle Anwesenden das gleiche Votum abgegeben haben. So geht Toleranz. Und wir Außenstehenden hoffen, daß von den Studenten nicht alle Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie oder Jura studieren, *so daß sich in einer fernen Regierung _mal wieder beruflich Qualifizierte finden_, die ihren Fachangestellten zumindest das Wasser reichen können*, wie zu Zeiten eines Ludwig Erhard. Und das gilt nicht nur für die SPD.
5. Na denn zaehlt mal schoen.
papayu 14.12.2013
Was hinten raus kommt ist doch schon bekannt. 41,5 dagegen, der Rest dafuer. Armes Deutschland.
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