Berlin - Die Sozialdemokraten versuchen, den ostdeutschen Linken-Politiker Dietmar Bartsch für sich zu gewinnen. "Ich würde mich sehr freuen, Sie in der SPD begrüßen zu können. Es wäre ein Gewinn für die SPD und für die Politik in Deutschland", sagte Johannes Kahrs auf Handelsblatt Online. Er ist der Sprecher des einflussreichen konservativen "Seeheimer Kreises" in der SPD.
Die Linke habe "keine Zukunft" mehr, sagte Sozialdemokrat Kahrs mit Blick auf den erbitterten Führungsstreit innerhalb der Partei. Er rief Bartsch dazu auf, bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr gemeinsam mit der SPD den "Wechsel" zu gestalten, statt die Linkspartei weiter "zu erdulden".
Bartsch, der stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag ist, war auf dem Göttinger Parteitag bei der Wahl zum Parteichef gescheitert: Der Reformer unterlag knapp gegen den Lafontaine-Mann Bernd Riexinger. Der Parteitag zeigte deutlich, wie tief die Linke in der Krise steckt, der Streit zwischen den Lagern zerreibt die Partei. Fraktionschef Gregor Gysi sprach in seiner Rede auf dem Parteitag offen von "Hass", der in seiner Fraktion herrsche. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein waren die Linken im Mai bei den Wahlen gescheitert, sie hatten den Wiedereinzug in den Landtag verpasst.
Persönliche Befindlichkeiten zurückstellen
Für besonderen Ärger sorgte in Göttingen, dass nach Riexingers Wahl Radikallinke die "Internationale" sangen, allerdings mit dem Text "Ihr habt den Krieg verloren", wie die Reformer um Bartsch gehört haben wollen.
Nach ihrem Parteitag in Göttingen beschworen führende Linken-Vertreter die Einheit ihrer Partei. Mit ihrer neuen Führung habe die Linke wieder die Chance, sich zu profilieren, sagte der Ex-Vorsitzende Oskar Lafontaine der "Leipziger Volkszeitung". In der "Passauer Neuen Presse" betonte er, die neuen Vorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger repräsentierten gut die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Linken. "Alle persönlichen Befindlichkeiten" müssten nun zurückgestellt werden, appellierte Lafontaine.
Der neue Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn sagte der "Mitteldeutschen Zeitung", die Linke werde nur als "pluralistische und gesamtdeutsche Partei erfolgreich sein".
Linke-Kreisvorstand tritt aus Ärger über Riexinger-Wahl zurück
Der neue Vorsitzende Riexinger zeigte sich zuversichtlich, die parteiinternen Spannungen überwinden zu können. Die inhaltlichen Barrieren zwischen dem oppositionsorientierten Gewerkschaftsflügel und den ostdeutschen Pragmatikern seien nicht unüberwindbar. Die Gefahr einer Spaltung sehe er nicht: "Alle wissen, als ostdeutsche Regionalpartei hätte die Linke auf die Dauer keine Chance, weder im Westen noch im Osten", sagte Riexinger am Montag im Deutschlandfunk.
Allerdings gibt es weiter Unruhe in der Linke: Aus Ärger über Riexingers Wahl trat der Kreisvorstand Zollernalb am Montag geschlossen zurück. Mit Riexinger als Parteichef könne die Akzeptanz in der Bevölkerung als Voraussetzung für Wahlerfolge nicht erreicht werden.
Nach der "katastrophalen" Landtagswahl 2011 habe dieser nicht ansatzweise dazu beigetragen, im großenteils ländlich geprägten Baden-Württemberg kommunalpolitisches Profil für die Linke zu entwickeln. Die "dringend notwendige Kommunalisierung linker Politik" sei nicht vorgesehen. Die Partei war bei der jüngsten Landtagswahl mit 2,8 Prozent deutlich an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert.
Tour durch Bundesländer
Co-Parteichefin Kipping kündigte eine neue "Kultur der Offenheit" in der Linkspartei an. Die neue Führung werde bald eine Tour durch alle Bundesländer unternehmen sowie im Internet einen Blog für Vorschläge von "Mitgliedern und Sympathisanten" einrichten, sagte sie der "Leipziger Volkszeitung".
Kipping wies die Auffassung in ostdeutschen Parteikreisen zurück, mit der Wahlniederlage des ostdeutschen Kandidaten Bartsch sei der traditionelle Ost-Teil der Linken abserviert worden. Die neue Führung bilde die Partei "in der ganzen Breite ab".
Dem widersprach indirekt Fraktionschef Gysi. In der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin" sagte er bereits am Sonntag, die ostdeutschen Mitglieder könnten ihre Ansprüche nur schlecht artikulieren und sie "noch schlechter durchsetzen". Aber er glaube, "dass sie das jetzt lernen werden". Vielen sei während des Parteitags klargeworden, "wie ernst die Situation ist". Gysi kündigte an, er werde künftig nicht mehr versuchen, zwischen beiden Gruppen zu vermitteln und Kompromisse zu finden.
heb/dpa/AFP
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