SPIEGEL ONLINE: Herr Gabriel, die Fraktionschefin der Grünen, Renate Künast, triumphiert. Sie sagt, die Laufzeitverlängerungen in Deutschland müssten nun in Frage gestellt werden. Fühlen Sie sich jetzt auch in Ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der Atomkraft bestätigt?
Sigmar Gabriel: Um ehrlich zu sein: Angesichts der menschlichen Katastrophe in Japan ist mir überhaupt nicht nach Triumph zumute. Ich wäre froh gewesen, wir hätten dieses Beweises für die Gefahren der Atomenergie erst gar nicht bedurft. Für die SPD und auch für mich ist seit langem klar: Die Risiken der Atomenergie sind völlig unvertretbar, und wir müssen so schnell wie möglich dort aussteigen. Und trotzdem finde ich es falsch, jetzt als erstes das Leid der Japaner für einen innenpolitischen Streit über die Atomenergie in Deutschland zu instrumentalisieren. Während dort Tausende Menschen um ihre Gesundheit und ihr Leben fürchten, darf es doch hier nicht zuerst um Parteiprofilierung gehen. Jetzt geht es doch vor allem darum zu klären, ob wir helfen können. Wir haben viele Experten, wir haben Wissenschaftler, die sich bestens auskennen. Von der Bundesregierung muss man erwarten, dass sie ihren Routinebetrieb unterbricht und sich überlegt, was Deutschland gemeinsam mit anderen tun kann.
SPIEGEL ONLINE: Wie können wir helfen?
Gabriel: Ich erwarte, dass die Bundesregierung das Expertenwissen in Deutschland schnell zusammenträgt und auch dafür sorgt, dass die internationale Staatengemeinschaft bei der Frage schneller Hilfen koordiniert wird. Jetzt geht es darum, den Menschen und auch der japanischen Regierung zu helfen. Aber wenn die Situation in Japan klarer ist, wird man sicherlich eine internationale Neubewertung der Atompolitik vornehmen müssen.
SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?
Gabriel: Die Internationale Atomenergieorganisation wirbt in allen Teilen der Erde für den Bau von Atomkraftwerken. Auch in Kriegs- und Krisengebieten. Damit muss endlich Schluss sein. Es darf nicht länger so getan werden, als sei der Ausbau der Atomenergie weltweit der einzige und der richtige Weg, um für eine vermeintlich sichere Energieversorgung zu sorgen. Wir Menschen beherrschen weder die Natur noch sind wir selbst fehlerlos. Und wir erleben wieder einmal, dass der sogenannte GAU, also die Kernschmelze als größter anzunehmender Unfall, keine theoretische Rechengröße ist, die man vernachlässigen kann. Sondern der GAU ist eine reale und konkrete Gefahr mit unfassbaren Risiken für die Menschen. Deshalb müssen wir weltweit raus aus der Atomenergie statt die Risiken zu vergrößern.
SPIEGEL ONLINE: Als ehemaliger Umweltminister: Wie schätzen Sie die Lage ein?
Gabriel: Nach allem, was wir bislang wissen, ist das eine schlimme Katastrophe, deren Ausmaße und Folgen wir noch gar nicht beurteilen können. Es kann uns doch nicht ernsthaft beruhigen, wenn Experten sagen, dass wir wegen der Wetterverhältnisse von der Radioaktivität in Deutschland nicht direkt betroffen sein werden. Erstens werden wir natürlich betroffen sein, zum Beispiel bei Lebensmitteln. Aber vor allem müssen Millionen Menschen in Japan nach dem Erdbeben und dem Tsunami jetzt auch noch mit der ungleich schlimmeren radioaktiven Gefahr leben. Da wünsche ich mir gelegentlich auch von deutschen Politikern und Experten ein bisschen mehr Mitgefühl.
SPIEGEL ONLINE: Sollte Deutschland die Bundeswehr aktivieren?
Gabriel: Es gibt viele zivile technische Hilfe, zum Beispiel auch Dekontaminationseinrichtungen, die wir haben. Möglicherweise gibt es zusätzlich auch angemessene Angebote bei der Bundeswehr. Das kann ich nicht beurteilen. In jedem Fall sollte die Bundesregierung den Japanern alle Hilfe anbieten, die vor Ort gebraucht wird und die man verantworten kann.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Kanzlerin und ihre Koalition vor dem Hintergrund der Katastrophe bereit sein werden, ihre Position zur Atomkraft nochmals zu überdenken?
Gabriel: Das wird sich zeigen. Ich fürchte nein.
Das Interview führte Roland Nelles
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