SPD-Experte Lauterbach "Das ist das Ende des solidarischen Gesundheitssystems"

An diesem Mittwoch will die Regierung ihre Gesundheitsreform absegnen - die Opposition ist empört: Die Pläne seien "Brandbeschleuniger für die Zweiklassenmedizin", wettert SPD-Sozialexperte Lauterbach im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Minister Rösler richte "großen Schaden" an.


SPIEGEL ONLINE: Wochenlang wurde diskutiert, nun will die Bundesregierung ihre Gesundheitsreform beschließen. Sie beendet damit einen Dauerstreit, von dem die SPD bislang profitierte. Damit ist es jetzt vorbei - blöd gelaufen für Ihre Partei, oder?

Lauterbach: Streit wird es in der Regierung auch weiterhin genug geben. Aber es ist insbesondere für die Bevölkerung sehr blöd gelaufen. Das, was die Regierung beschließt, ist das Ende des solidarischen Gesundheitssystems.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Lauterbach: Die gesetzlich Versicherten werden über steigende Beiträge und eine Kopfpauschale belastet, den privat Versicherten werden Privilegien geschenkt. Der normale Bürger kann sich so auf doppelt so schnell steigende Kosten einstellen, die über die nächsten Jahren hinweg stetig den Nettolohn bremsen werden. Das ist klassische Lobbypolitik für die Arbeitgeberverbände, die Pharmaindustrie und die private Krankenversicherung. Und die mittleren Einkommen werden hier zur Kasse gebeten. Ein Ende dabei ist nicht in Sicht. So viel zum Geschwätz von mehr netto vom brutto.

SPIEGEL ONLINE: Gesundheitsminister Rösler, den Sie stets heftig kritisierten, hat sich mit seiner Reform gegen Bedenken vor allem aus Bayern durchgesetzt. Haben Sie ihn unterschätzt?

Lauterbach: Nein. Die Reform, die er jetzt macht, ist sehr verhängnisvoll. Weil er aber nicht richtig ernst genommen wird, traut man ihm eine solch schädliche Wirkung gar nicht zu. Rösler profitiert von einer gewissen Aura der Lächerlichkeit. Dabei richtet er großen Schaden an. Die Reform ist ein Brandbeschleuniger für die Zweiklassenmedizin. Was Rösler macht, ist Klientelpolitik ganz alter FDP-Schule. Das ist schon erschreckend.

SPIEGEL ONLINE: Die Regierung verspricht einen Sozialausgleich für Versicherte, bei denen der Zusatzbeitrag zwei Prozent ihres Einkommens übersteigt. Was finden Sie daran falsch?

Lauterbach: Das ist doch ein Mini-Sozialausgleich. Rechnen Sie das mal durch: Liegt die Kopfpauschale bei 20 Euro, würde schon ab einem Einkommen von 1000 Euro niemand mehr einen Ausgleich bekommen. Dieser Sozialausgleich verdient den Namen nicht, er ist ein reines Ablenkungsmanöver. Stattdessen gibt es eine dicke Nettobelastung für die arbeitende Bevölkerung, während die Arbeitgeber und Privatversicherungen entlastet werden.

SPIEGEL ONLINE: Mit Nettobelastungen kennt Ihre Partei sich aus. Immerhin hat die SPD mal die Praxisgebühr eingeführt. Gibt es deshalb nicht längst eine Kopfpauschale?

Lauterbach: Das ist im Vergleich eine kleine Belastung. Hätten wir die Kopfpauschale, die jetzt eingeführt wird, schon 2007 gemacht, hätte jeder Bürger 40 Euro weniger im Monat.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie auf diese Rechnung?

Lauterbach: Das ist die Umrechnung des Beitragssatzanstiegs in eine Kopfpauschale. Weil demnächst Arbeitgeber und Privatversicherte sich nicht mehr beteiligen, werden die Kosten für die Versicherten in Zukunft sehr viel schneller steigen. Auf Strukturreformen verzichtet die Bundesregierung schon jetzt komplett.

SPIEGEL ONLINE: In der Opposition haben Sie gut reden. Wie würden Sie denn die Kostensteigerungen im Gesundheitswesen in den Griff kriegen wollen?

Lauterbach: Wir haben Pharmapreise, die etwa 50 bis 100 Prozent höher sind als im europäischen Durchschnitt. Da müssen wir ran. Ich würde eine einfache Regel umsetzen: Wir sind der größte Abnehmer dieser Arzneimittel in Europa, daher dürfen wir maximal die durchschnittlichen Preise zahlen. Auf diesem Wege allein könnten wir fünf bis zehn Milliarden Euro pro Jahr sparen...

SPIEGEL ONLINE: ...was nicht ausreichen dürfte, um die langfristigen Kostensteigerungen zu kompensieren. Wo soll das zusätzliche Geld herkommen?

Lauterbach: Aus strukturellen Veränderungen. Wir müssen die Geldverschwendung für überflüssige Behandlungen eindämmen. Da ist Deutschland ganz vorne dabei. Stattdessen brauchen wir mehr Vorbeugung durch hausärztliche Versorgung. Wenn uns das gelänge, würden wir über ganz andere Einsparbeträge reden. Wir benutzen ja nicht nur sehr teure Herzkatheter, wir setzen relativ gesehen auch doppelt so viele Herzkatheter ein wie der europäische Durchschnitt. Wir bezahlen also nicht nur teuer, sondern machen auch zu viel. Das System ist falsch organisiert. Wir haben da noch eine Menge zu tun.

Das Interview führte Veit Medick

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 132 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mirror_on_the_wall 22.09.2010
1. bin dafür aber anders
Zitat von sysopAn diesem Mittwoch will die Regierung ihre Gesundheitsreform absegnen - die*Opposition ist empört: Die Pläne seien "Brandbeschleuniger für die Zweiklassenmedizin", wettert SPD-Sozialexperte Lauterbach im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Minister Rösler richte "großen Schaden" an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,718716,00.html
Ich bin für eine radikale Umgestaltung des Versicherungssystems: 1) genetische Dispositionen sind 100% versichert 2) Infektionskrankheiten (außer grob fahrlässig und vorsätzlich verursacht) ebenso 3) Unfallfolgen werden ersetzt (außer: siehe 2) 4) Risikoverhalten (Bsp. Sport) muss separat versichert werden (wie die Klassifizierung bei PKW) 5) Präventionsverhalten führt zu Boni (Bsp. nachgewiesene sportliche Betätigung) 6) Suchttherapien werden bezahlt und bei nachgewiesenem Erfolg verlängert 7) Krankenkassen ersetzen nur noch innereuropäische Benchmark-Preise für Medikamente / deren Generika (nennt man Wettbewerb) 7) Rehas bei grob fahrlässigem Umgang mit der Gesundheit werden nicht bezahlt (Bsp.: Alkohol, Nikotin, sonstige Drogen)
notty 22.09.2010
2. alles wie immer....
Zitat von sysopAn diesem Mittwoch will die Regierung ihre Gesundheitsreform absegnen - die*Opposition ist empört: Die Pläne seien "Brandbeschleuniger für die Zweiklassenmedizin", wettert SPD-Sozialexperte Lauterbach im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Minister Rösler richte "großen Schaden" an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,718716,00.html
Fuer den "Turbo-Professor mit der Fliege" ist grundsaetzlich alles falsch und "gefaehrlich" was nicht von ihm selbst kommt....er ist sowas wie ein "Medizinischer Zentralrat".... Dass die notorischen Bayern was zu meckern haben ist heutzutage Standard.....bei d e m Ministerpraes.
altruist 22.09.2010
3. solidarisches gesundheitssystem ist ausbeutung
das solidarische gesundheitssystem war nie solidarisch.das sit eine frage des blickwinkels.für das prekariat war das eine prima sache.für einwanderer ebenfalls.alle anderen wurden abgezockt. gleiche leistungen für gleiches geld-das ist solidarisch
GustavG13 22.09.2010
4.
eine Regierung kann das ganze Gesundheitssystem begleichen.-Lauterbach wird s per Sprachchip unsozial und zu teuer finden.- Sorry er ist n gesitiger Amokläufer
eeezy 22.09.2010
5. Lauterbach hat recht..
..so eine Frechheit..die deutsche Bevölkerung ist Strunzdoof, hier hält sich jeder Popel für Oberschicht und merkt gar nicht wie wir immer mehr ausgebeutet werden. Das ist ja auch ein lustiges System, vor Kurzem gabs mal ne Steuerersenkung da gabs bei mir so ungefähr 60€ mehr jetzt muss ich davon wieder mindestens 40€ abgeben..cooler Trick aber weil die Masse der Wähler grenzdebil ist und Angst vor Homoehe und ähnlichem Schmarrn hat muss ich immer mehr abdrücken...IDIOTEN
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.