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SPD-Fraktionschef: Steinmeier spendet Niere für das Leben seiner Frau

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Und plötzlich ist Politik nur noch Nebensache: Weil seine Frau schwer erkrankt ist, spendet ihr der SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier eine Niere - und nimmt eine Auszeit bis Oktober. Die nötigen Operationen sind schon für diese Woche geplant.

DPA

Berlin - Ein Montagmorgen in Berlin, die Pressekonferenz eines Spitzenpolitikers, alles wie immer. Routine im Hauptstadtbetrieb. Aber dann, um Punkt 9.30 Uhr, ist Politik plötzlich nur noch Nebensache: Frank-Walter Steinmeier, Fraktionschef der SPD-Bundestagsfraktion, gibt in wenigen knappen Sätzen bekannt, dass er für mehrere Woche aussteigen wird - um seine nierenkranke Gattin zu retten. "Meine Frau ist schwer erkrankt", sagt Steinmeier den versammelten Journalisten im Reichstagsgebäude. "Nur eine Organtransplantation kann helfen."

Jetzt ist es ganz still im Raum. "Ich werde der Organspender sein", schiebt Steinmeier nach. Schon am Montagmittag wolle er sich in die Obhut der Ärzte begeben. "Die Operationen für die Organverpflanzung werden dann im Verlauf dieser Woche stattfinden."

Die Nieren-Erkrankung von Steinmeiers Frau Elke Büdenbender hatte sich in den vergangenen Tagen offenbar zugespitzt, Alternativen zu einer Organtransplantation schieden Steinmeier zufolge aus. Weil die Wartezeiten für ein Spenderorgan zu lang sind, entschied sich der SPD-Spitzenpolitiker, selbst zu helfen.

In der SPD ist das Thema Rente mit 67, über das seit Tagen in der Partei gestritten wird, jetzt ganz weit weg. An diesem Montag wollten sich Steinmeier, Parteichef Sigmar Gabriel und der Rest des Präsidiums über einen Kompromiss verständigen. Stattdessen wird sich Steinmeier an diesem Montag daran machen, das Leben seiner Frau zu retten.

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Frank-Walter Steinmeier: An der Seite seiner kranken Frau

Steinmeier und die 48-jährige Elke Büdenbender sind seit mehr als 20 Jahren zusammen und seit 1995 verheiratet, ein Jahr später kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Büdenbender arbeitet als Richterin für Verwaltungsrecht in Berlin.

Der SPD-Fraktionschef gibt sich in diesen Minuten zuversichtlich, er will Optimismus verbreiten. "Gehen Sie davon aus, dass Sie mich in alter Frische wiedersehen." Schon im Oktober wolle er wieder in den politischen Betrieb zurückkehren, sagt er. Für seine Abwesenheit sei alles geregelt, in dieser Zeit werde der dienstälteste Fraktionsvize Joachim Poß die SPD-Bundestagsabgeordneten führen.

"Wir sehen uns dann ja bald wieder"

Steinmeiers Auftritt weckt Erinnerungen an den Ausstieg des damaligen SPD-Vizekanzlers Franz Müntefering. Der Arbeitsminister in der Großen Koalition gab im November 2007 alle Ämter auf, um sich um seine schwerkranke Frau zu kümmern. Kanzlerin Angela Merkel hatte ihm angeboten, dafür eine Auszeit zu nehmen, doch Müntefering wollte komplett für seine Frau da sein. Nach deren Tod kehrte er wieder in die Politik zurück und wurde erneut SPD-Vorsitzender.

Andere Politiker stiegen zeitweise aus, weil sie selbst gesundheitlich angeschlagen waren: Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble musste 1990 nach einem Attentat lange pausieren, er kehrte im Rollstuhl in die Politik zurück. Auch Oskar Lafontaine, damals noch SPD-Ministerpräsident des Saarlands, wurde 1990 bei einem Attentat schwer verletzt und pausierte wochenlang. Der heutige bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer musste 2002 wegen einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung als Unionsfraktionsvize im Bundestag eine Auszeit nehmen.

"Wir sehen uns dann ja bald wieder", sagt Frank-Walter Steinmeier und lächelt. Der Ostwestfale ist ein sehr nüchterner Mensch, vielleicht hilft ihm und seiner Familie das in diesen schweren Tagen.

Und vielleicht hilft ihm auch die Anteilnahme derer, von denen einer wie Steinmeier sonst wenig freundliche Worte zu erwarten hat: Der politische Gegner ist an diesem Montag ebenso betroffen wie die eigene Partei. Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel telefonierte noch am Morgen mit Steinmeier, ebenso FDP-Chef und Außenminister Guido Westerwelle - sie richteten beste Genesungswünsche aus.

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