Aus Dresden berichtet Christian Teevs
Dresden - Sogar die Spitze gegen den abgetretenen Parteichef misslingt. Andrea Nahles greift ein Standardzitat von Franz Müntefering auf: "Opposition ist Mist." "Meine Eltern haben einen Misthaufen, darauf wachsen die besten Kürbisse." Soll so viel heißen wie: Aus Mist kann auch etwas Gutes entstehen.
Der Gag zündet nicht. Viele Delegierten des Dresdner SPD-Parteitages schütteln den Kopf, mancher schaut peinlich berührt auf den Boden. Es ist nicht der einzige Teil ihrer Rede, der Nahles am Freitagabend misslingt. Sie spricht zu leise, wirkt fahrig und unsicher. Natürlich ist es auch undankbar, nach der gefeierten Rede von Sigmar Gabriel ranzumüssen. Doch die Unsicherheit der sonst so selbstbewussten Sozialdemokratin überrascht dann doch.
Und so trägt auch ihre Rede zu Nahles' Fehlstart bei: Nur 69,6 Prozent der Delegierten geben der neuen Generalsekretärin die Stimme. Ein schwaches Ergebnis - vor allem im Vergleich mit Gabriel und den Vizechefs. Der Bundesvorsitzende bekam 94,2 Prozent, seine vier Stellvertreter 85,7 (Olaf Scholz) bis 90,2 Prozent (Hannelore Kraft).
Denkzettel der Parteilinken
Während sich der Vorstand also insgesamt auf breites Vertrauen stützen kann, beginnt die Amtszeit von Gabriels rechter Hand mit einer Hypothek. Auch wenn Nahles sich trotz der Schlappe selbstbewusst gab: "Wenn ich in zwei Jahren immer noch nur 69 Prozent habe, dann ärgere ich mich. Aber heute ärgere ich mich nicht", sagte sie dem TV-Sender Phoenix.
Der Parteichef, da sind sich viele in der SPD sicher, hat mit seiner Rede viele Unentschlossene auf seine Seite ziehen können. Gabriel riss sie mit, impfte der Partei neues Selbstbewusstsein ein. Nahles gelang das nicht. Und so wurde sie als Ausdruck des Unmuts der Partei abgestraft. Unmut darüber, wie sich die beiden direkt nach der Bundestagswahl im Hinterzimmer die Führung aufgeteilt hatten - zusammen mit Scholz und dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit.
Vor allem ihren eigenen Parteiflügel hat Nahles damit vergrätzt. "Die Linken haben Nahles einen Denkzettel verpasst", vermutet ein Delegierter aus Niedersachsen. Viele Redner kritisierten die interne Absprache während der vierstündigen Aussprache vor der Vorstandswahl. Namen wurden nicht genannt, doch dass sich die Basis ein Ventil suchen würde, zeichnete sich ab.
"Urenkelin Willy Brandts" und "Königsmörderin"
Nahles kennt ihre Partei wie sonst niemand ihrer Generation. Doch geliebt wird sie nicht. Die 39-Jährige galt als Nachwuchshoffnung, seit sie 1995 die Führung der Jungsozialisten übernahm, der Jugendorganisation der SPD. Sie war das "Energiebündel", die mutige Schröder-Kritikerin. Ein Autor der "Woche" kürte sie gar zur "Urenkelin Willy Brandts" - nach einem couragierten Auftritt beim Mannheimer Parteitag 1995. Zehn Jahre später sollte sie Generalsekretärin werden. Gegen den Willen von Parteichef Müntefering, der lieber seinen Vertrauten Kajo Wasserhövel an seine Seite holen wollte. Der Parteivorstand schenkte ihr dennoch das Vertrauen, Müntefering trat zurück, Nahles wurde als "Königsmörderin" beschimpft.
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Gabriel tröstet seine Generalin
Nahles und Gabriel scheinen sich tatsächlich angenähert zu haben. Ihre Beziehung bis zur Bundestagswahl nannte Nahles "ein Nichtverhältnis". Als Gabriel ihr am Wahlabend eine SMS schicken wollte, hatte er nicht mal ihre aktuelle Handynummer. Erst auf Vermittlung von Scholz kam das Treffen der vier zustande.
Gabriel bemüht sich am Samstag, nicht übermütig zu erscheinen - trotz der Masse der Schulterklopfer, die ihn seit Freitagabend umlagern. Und trotz der euphorischen Stimmung, die ihn nur wenige Stunden hat schlafen lassen. Die Krise der Partei werde "nicht durch 'ne gute Rede gelöst", sagt der Parteichef. Und dann schiebt Gabriel noch ein paar tröstende Worte für seine Generalin hinterher: Nahles habe nun die Chance, es besser zu machen. Bei seinem Ergebnis von 94,2 Prozent könne es fast nur nach unten gehen. "Andrea dagegen kann nun die SPD von sich überzeugen, wie sie mich überzeugt hat."
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