Von Veit Medick, Potsdam
Mit malerischen Kulissen ist das in der SPD so eine Sache. Sobald ein See in der Nähe ist, fangen die Genossen an zu fiebern. Vor zweieinhalb Jahren stürzten sie am Schwielowsee mal eben einen Parteichef. 2009 präsentierte Frank-Walter Steinmeier auf der Insel Hermannswerder ein aufgeblähtes Kompetenzteam - es war die Ouvertüre für das Wahldesaster ein paar Wochen später.
Mit entsprechend mulmigen Gefühlen reisten manche Sozialdemokraten zur diesjährigen Neujahrsklausur im hübschen Hermannswerder bei Potsdam. Doch siehe da: Ausnahmsweise passten Szenerie und Stimmung mal einigermaßen zusammen. Das zweitägige Treffen, so heißt es, sei weitgehend konstruktiv verlaufen. Offener Streit über den Kurs der Partei? Fehlanzeige. Zwei Beschlüsse, zur Pflege und zu Afghanistan wurden einstimmig gefasst. Selten genug in dieser Partei.
Das ist schön für den Vorsitzenden, Sigmar Gabriel darf sich gestärkt fühlen. Das Papier zum "neuen Fortschritt", das er mit Steinmeier vorlegte, wurde von den meisten Teilnehmern mit Wohlwollen kommentiert. Einzig Partei-Vize Klaus Wowereit moserte in der Präsidiumssitzung herum, da müsse aber noch deutlich nachgearbeitet werden. "So ist er halt, der Klaus", stichelte ein anderer Präside später: "Immer gegen den Strich. Wären wir alle gegen das Papier gewesen, wäre er dafür gewesen." So richtig ernst wird er derzeit in der SPD nicht genommen, Berlins Regierender.
Immerhin: Man hat jetzt wieder einen Begriff, an dem die Partei sich jenseits von Hartz und Rente abarbeiten kann, eine vage Idee, was man mit Deutschland anstellen will. Der Fortschritt soll neu definiert werden, das Land menschlicher werden, mehr Geld für Bildung soll her, ein anderer Wachstumsbegriff auch.
Gabriel spricht von einem Perspektivwechsel: Nach einem Jahr auf der Suche nach sich selbst, kümmere sich die SPD jetzt um "Gegenwart und Zukunft". Das kann schon sein. Aber wahr ist nach dieser Klausur auch: Die SPD ist schon wieder auf der Suche. Inzwischen sucht sie die Antwort auf die Frage, für wen genau sie eigentlich Politik macht. Die Sozialdemokraten sind sich in dieser Frage nicht mehr ganz sicher, seit die Globalisierung die Welt aus den Angeln gehoben hat und nichts mehr so ist, wie es war. Doch für die Partei ist es die entscheidende Frage im Jahr 2011 und für alle Zeit danach.
An welche Zielgruppe richtet sich das Programm? Nicht nur an eine
Vorsorglich haben Gabriel und Co. erstmal eine ganze Reihe von Zielgruppen ausgemacht. Das macht die Sache nicht leichter, auch weil die Angebote oft halbherzig bleiben.
Was bleibt von der Klausur? Ein Begriff, eine Überschrift, mit der das Jahr bestritten werden soll. Aber eben auch ein Sammelsurium an möglichen Adressaten, die Unsicherheit, für wen im Land man eigentlich da sein will.
Die SPD ist Volkspartei, schon klar, da gibt es nicht die eine Zielgruppe. Aber möglichst vielen ein paar Angebote machen zu wollen, könnte nach hinten los gehen. Einer klare Botschaft zu finden, dürfte da jedenfalls nicht leicht werden. Der Parteichef scheint zu ahnen, was auf ihn zukommt. "2011 wird das Jahr der Klärung und der Profilierung der SPD werden", sagt Gabriel.
Wohl wahr.
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