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Sigmar Gabriel bei Malu Dreyer im Wahlkampf: Sie muss nur noch kurz den Chef retten

Aus Mainz, Sindelfingen und Schwetzingen berichten und

SPD-Wahlkampf: Hoffen auf das "Wunder von Mainz" Fotos
DPA

Der SPD droht am Sonntag in zwei Ländern der Absturz hinter die AfD - miese Aussichten für Sigmar Gabriel. Aber weil Malu Dreyer das Wunder von Mainz schaffen könnte, schöpft der SPD-Chef Hoffnung.

Ein gesunder Sigmar Gabriel kann schon ziemlich übellaunig sein. Aber wenn der SPD-Chef krank ist, wird es für seine Umwelt meist richtig ungemütlich.

Umso überraschender, in welch guter Stimmung sich Gabriel dieser Tage zeigt - obwohl er eine böse Erkältung mit sich herumschleppt. Gabriel schnauft und schnieft, eigentlich gehört er ins Bett.

Aber das muss warten. Denn politisch fühlt sich Gabriel wieder im Aufwind. Und das zählt im Moment mehr.

Der SPD-Chef steht am Dienstagmittag in einem Mainzer Wohngebiet mitten auf der Straße und macht einen Scherz. Was weniger schlimm sei, wird er gefragt: Wie Kanzlerin Angela Merkel bei den Verhandlungen über die europäische Lösung der Flüchtlingskrise vom türkischen Regierungschef Ahmet Davutoglu abhängig zu sein oder wie er von der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer? Gabriel lacht auf und sagt mit belegter Stimme: "Natürlich von Malu - vor allem ist es billiger!"

Im Ernst würde Gabriel niemals zugeben, wie wichtig auch für ihn persönlich ein erfolgreiches Abschneiden seiner Parteifreundin bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag ist. Aber jetzt, da ein Sieg Dreyers plötzlich wieder möglich erscheint? Sei's drum.

Schicksalswahlen am kommenden Sonntag

Gleich noch ein Witzchen hinterher: Elf Mal trete CDU-Chefin Merkel im Wahlkampf in Rheinland-Pfalz auf, hält ihm ein anderer Reporter vor - ob sein Einsatz für Dreyer da nicht zu mickrig ausfalle? Großes Gabriel-Hoho im dicken Anorak: "Was, nur elf Mal ist die Kanzlerin hier?"

Vor einigen Wochen sah alles danach aus, als könnte der 13. März ein richtig finsterer Tag für Gabriel werden: Drei parallele Pleiten bei Landtagswahlen? Vielleicht würde er dann sogar hinschmeißen, wurde gemunkelt. Oder dass ihn die SPD absetzen könnte, obwohl sich niemand als Alternative aufdrängt.

Gabriel hat diese Spekulationen zurückgewiesen. Noch immer könnte es natürlich passieren, dass die CDU am Sonntag doch vorne liegt in Rheinland-Pfalz, die SPD in Sachsen-Anhalt wirklich von der AfD überholt wird und vielleicht sogar in Baden-Württemberg.

Aber inzwischen spricht einiges dafür, dass Ministerpräsidentin Dreyer die Staatskanzlei hält: Die letzte Umfrage sieht ein Patt von SPD und CDU - und Dreyer hat das Momentum auf ihrer Seite. Vor wenigen Monaten lagen die Genossen noch elf Prozentpunkte hinten. Im direkten Vergleich mit ihrer Herausforderin Julia Klöckner ist Dreyer deutlich populärer.

Falls Klöckner unterliegt und die CDU in Stuttgart hinter den Grünen landet, wird es für die Christdemokraten ein tiefschwarzer Sonntag. Parteichefin Merkel wird sich dann ganz neuen Diskussionen stellen müssen. Gabriel dagegen könnte dank Dreyer sogar gestärkt aus den Landtagswahlen hervorgehen, selbst wenn die SPD in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt weiter zusammenschrumpft.

Auch inhaltlich dürfte sich Gabriel bestätigt fühlen. Zuletzt hatte der Parteichef heftig einstecken müssen. Ausnahmsweise nicht von den eigenen Leuten, die stützten seinen jüngsten Vorstoß in der Flüchtlingskrise. Aber das mediale Echo und auch die Reaktionen von prominenten Wirtschaftswissenschaftlern auf Gabriels Forderung nach einem Solidaritätsprojekt für die eigene Bevölkerung waren verheerend.

Gabriel will sicherstellen, dass neben den Ausgaben für die Flüchtlingskrise auch sozialer Wohnungsbau für Deutsche, der Ausbau von Kitas und Projekte wie die Mindestrente vorangetrieben werden. Sonst, so die Sorge des SPD-Chefs, würde das Gefühl "Für die tut ihr alles, für uns nichts" bei den Bürgern immer größer.

Sein Vorschlag sei populistisch, er spalte die Gesellschaft, schallte es Gabriel entgegen. Aber er bleibt dabei. Gabriel betont, bereits seit Monaten auf das Problem hinzuweisen. Und dass er ein Thema gesetzt habe, das bei den eigenen Leuten gut ankommt.

"Ich nehme auch Beschimpfungen entgegen"

Ein Wahlkampfauftritt im schwäbischen Sindelfingen zu Beginn der Woche. Sollen ihn doch die Medien und die Experten vermöbeln - hier, im Süden von Stuttgart, quittiert der Saal jeden seiner Sätze mit Applaus: "Ich will keinen Flüchtlingswohnungsbau, sondern bezahlbaren Wohnraum für alle." Und: "Wer sein Leben lang gearbeitet hat, muss mehr Rente haben als jemand, der nicht gearbeitet hat."

Obwohl die SPD in Baden-Württemberg auf ein desaströses Ergebnis zuläuft, wirkt Gabriel selbst bei seinen jüngsten Auftritten im Südwesten entspannt. Mal sagt er zum Schluss seiner Rede: "Gibt es Fragen? Ich nehme auch Beschimpfungen entgegen!" Oder Gabriel erzählt, wie er als Kind immer zu hören bekommen habe: "Streng dich an, dann wird was aus dir!" Angestrengt habe er sich, keine Frage - allerdings sei in seiner Familie bis heute umstritten, ob aus ihm auch etwas Ordentliches geworden sei.

Die Zweifel in der SPD, ob Gabriel der richtige Vorsitzende ist, werden auch im Falle des Wunders von Mainz nicht verstummen. Und die Frage der Kanzlerkandidatur? Mancher glaubt, Gabriel wolle gar nicht mehr. Andere sagen, er müsse antreten, sonst sei mittelfristig auch der Parteivorsitz in Gefahr.

Gabriel will jetzt erst mal wieder gesund werden. Über seine Zukunft macht er lieber Scherze, so wie am Montag bei einem Auftritt im badischen Schwetzingen. Der schönste Job seines Lebens sei ohnehin ein anderer gewesen. "Das war Fahrer bei der Einbecker Brauerei", sagt Gabriel, nachdem ihm die Genossen als Dank ein hochwertiges Bier aus der Region überreicht haben.

Damals habe es sechs Flaschen Deputat pro Tag gegeben, drei morgens und drei nachmittags. "Die besondere Herausforderung war: Die drei Flaschen am Nachmittag gab es nur, wenn man die drei aus der Frühschicht leer zurückgegeben hatte."

Malu Dreyer im Video: "Man muss nicht über Leichen gehen, um Karriere zu machen"

BIRK REDDEHASE

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1. Klöckner demontiert
dontlikespam 09.03.2016
Wenn Dreyer das Blatt rumreissen sollte nach ehedem 10% Vorsprung für Klöckner. Ist Klöckner politisch erledigt und die CDU wird brodeln. Gut so. Auch wenn die Bundes SPD keine Rettung durch die Landespolitische Dreyer verdient hat.
2.
angst+money 09.03.2016
Sollte Frau Dreyer das schaffen, wird das in erster Linie an ihr selbst und in zweiter an ihrer Konkurrentin liegen. Oder anders ausgedrückt: nicht wegen sondern trotz Gabriel.
3. Schade
mps58 09.03.2016
Es ist unfair, dass Julia Klöckner die Schläge für Merkel einstecken soll. Ich würde mir für sie eine wichtigere Rolle wünschen, denn die Zahl der wirklichen politischen Talente in der Union ist nun fast schon so niedrig wie die in der SPD und Frau Klöckner hätte wirklich eine Chance verdient.
4. Bravo Malu
axelmueller1976 09.03.2016
Vermutlich wird Sie es doch noch schaffen. Dafür sollte Sie Frau Merkel danken. Bin einmal gespannt was dann die Weinkönigin macht weil Ihr von der Kanzlerin der Job zu nichte gemacht wurde.
5. Voellig zurecht
Nonvaio01 09.03.2016
das die SPD abstuerzt, wer sich als ja sager partei profiliert in einer coalition hat nichts anderes verdient. Die SPD ist nun wirklich keine grosse partei mehr, eher eine randerscheinung. Kein Profil, und was schlimmer ist, kein wirkliches program...eine schande. Es wird zeit fuer eine neue partei der ARbeiter, die SPD is defacto der hintern der CDU/CSU
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