Debatte um Kanzlerkandidat Steinbrück: Auf die Eierschleifmaschine, Genossen!

Ein Gastbeitrag von Christoph Schwennicke

Ein schlechter Start, ohne Frage. Aber wer jetzt in der SPD meint, man könne schnell noch den Kanzlerkandidaten austauschen, der sei gewarnt. Die Notbremse macht die Not nur größer. Die Genossen müssen das jetzt aushalten. Peer Steinbrück bleibt die beste Wahl für diese Wahl.

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SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Start maximal missglückt

Neulich hat Peer Steinbrück gesagt, es berühre ihn, dass die SPD sich so um ihn schart in harten Zeiten. Diese Aussage wurde als überraschender Beleg gewertet, dass es sich beim Raubauz Steinbrück um eine durchaus empfindsame Natur handelt. Und als Hinweis darauf, dass es doch noch richtig was werden kann zwischen den "Heulsusen" (Steinbrück) der SPD und dem Kandidaten.

Der derzeit noch inoffizielle Kanzlerkandidat der SPD sollte sich von den Rührungstränen in den Augen nicht den klaren Blick auf die Dinge trüben lassen. Welche SPD schart sich denn da um ihn - und wer lässt ihn zugleich ziemlich alleine strampeln? Wenn ihm jetzt vor allem die Jusos wie Kätzchen um die Beine streichen, dann ist das kein Grund für Wohligkeit, sondern Anlass zu höchster Besorgnis. Es muss schlimm um einen stehen, wenn die Jusos anfangen zu kuscheln.

Tatsächlich ist der Start des Kandidaten maximal missglückt. Steinbrück wurde wie das letzte Aufgebot der SPD präsentiert, seither stolpert er ohne Konzept und erkennbaren Plan mehr recht als schlecht durch die ersten Wochen. Sein Team wurde zusammengestellt nach dem Prinzip "Verhaftung der üblichen Verdächtigen", und wo er selbst beim Personal einmal kreativ und innovativ sein wollte, erlag er dem Charme eines, nun ja, Blenders. Nichts wirkt konzertiert, alles zufällig. Auch der Umgang mit der Debatte um Steinbrücks üppige Nebeneinkünfte. Die kollektive Kampfkraft einer SPD-Kampa, das war einmal.

So weit, so schlecht.

Die Sozialdemokraten schwelgen in Missmut und Selbstzweifeln

Und weil der Blues, das Arbeiterklagelied, als Grundgefühl in der SPD zu Hause ist, schwelgen die Sozialdemokraten gerade wieder weidlich in Missmut und Selbstzweifeln. Vielen mangelt es an Leidenschaft, den Kandidaten rauszuboxen. Manche denken sogar das Undenkbare, und das direkt vor dem Nominierungsparteitag des Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück.

Ein Austausch eines Kanzlerkandidaten ein knappes Jahr vor der Bundestagswahl? Wäre mal was Neues, oder? So neu dann auch wieder nicht. Ein Blick in die jüngere SPD-Geschichte zeigt: Selbst das Undenkbare ist dort schon geschehen, das nie Dagewesene hat bereits stattgefunden in den sturmzerzausten letzten 20 Jahren der Partei.

Im Mai 1993 musste der damalige Parteivorsitzende und schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm von allen Ämtern zurücktreten, auch von jenem des designierten Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 1994. Anlass war die sogenannte Schubladenaffäre, die so hieß, weil ein Mitarbeiter Engholms in seiner Küchenschublade 50.000 eingesammelte Mark gebunkert hatte, um die Schlüsselfigur der Barschel-Affäre, Reiner Pfeiffer, zu alimentieren. Engholm hatte, wie sich in der Folge der Schubladenaffäre herausstellte, in einem Untersuchungsausschuss in Kiel zur Barschel-Affäre einen Meineid geleistet. Das ist ein strafrechtlich relevanter Vorgang.

Steinbrücks Sammelleidenschaft von Vortragsgeldern ist lediglich Ausdruck von mangelndem Gespür für politischen Anstand. Das ist eine völlig andere Kategorie. Damit soll nichts kleingeredet werden. Seine Lust auf Geld hat Peer Steinbrück ein dickes Problem beschert. Er steht als so gierig und maßlos da wie die Banker, die er sich zur Brust nimmt. Es wird für ihn schwer werden, glaubwürdig über Gerechtigkeit und faire Verteilung zu sprechen, als jemand, der für einen läppischen Talk mit einem abgehalfterten Sportmoderator solche Summen eingestrichen hat. Das wird kleben bleiben, das hat sich eingebrannt in den Pfannenboden, da helfen weder Stahlwolle noch Scheuermilch.

Aber noch weniger würde der SPD ein neuer Kandidat helfen. Die Sozialdemokraten müssen es auf der "Eierschleifmaschine" (Steinbrück) jetzt aushalten und nicht stattdessen ihren Kandidaten schleifen, der die richtige Wahl für diese Wahl bleibt.

Nebenbei gesagt ist es naiv anzunehmen, man könne leichterdings auf einen Frank-Walter Steinmeier oder Sigmar Gabriel zurückgreifen. Die Entscheidung für Steinbrück war eine Entscheidung gegen Gabriel und Steinmeier (unter deren aktiver Beteiligung), ein Ersatz für Steinbrück könnte sich nur jenseits der Troika finden lassen. Statt nur eines Kandidaten im Sturm hätte die SPD auf diesem Weg zusätzlich einen geschwächten Parteivorsitzenden und einen geschwächten Fraktionsvorsitzenden.

Die vermeintliche Notbremse machte die Not größer, nicht kleiner. Oder anders gesagt: Mit einem fehlgestarteten Steinbrück ist die Wahl beileibe nicht gewonnen. Aber mit einem nachgeschobenen zweiten Kandidaten garantiert verloren.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Polit-Magazins "Cicero". Zuvor schrieb er als politischer Korrespondent in Berlin für den SPIEGEL und die "Süddeutsche Zeitung".

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insgesamt 108 Beiträge
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1. so schlimm steht's also schon ...
blitzunddonner 02.12.2012
... um den peer, dass spd-präsidiums-hofierende kolumnenschreiber schon durchhalteparolen ausgeben müssen. ne, jetzt erst recht. peer, mach den weg frei. bitte! endlich! nicht für die spd. sondern dafür, dass links von union und fdp eine mehrheit möglich wird.
2.
Ausfriedenau 02.12.2012
Solch einen Unsinn undbelegter Hetzparolen , bar jeder Fakten, habe ich in SPON schon lange nicht mehr gelesen. Wenn das der Chefredakteur von Cicero sein soll, dann wird auch diese Zeitschrift nicht mehr lange existieren.
3. Konzeptlos
Liberalitärer 02.12.2012
Zitat von sysopEin schlechter Start, ohne Frage. Aber wer jetzt in der SPD meint, man könne schnell noch den Kanzlerkandidaten austauschen, der sei gewarnt. Die Notbremse macht die Not nur größer. Die Genossen müssen das jetzt aushalten. Peer Steinbrück bleibt die beste Wahl für diese Wahl. SPD-Kandidat: Der Start von Peer Steinbrück ist missglückt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kandidat-der-start-von-peer-steinbrueck-ist-missglueckt-a-869943.html)
Die Wahl ist verloren und das nicht wegen des Kandidaten allein. Die SPD hat ihre letzte Chance mit der Griechenlandabstimmung vergeigt. Vom "großen" Finanzpolitiker Steinbrück war nichts zu sehen. Ohne Konzept, ohne Antworten hat sich die Partei am Nasenring vorführen lassen. Sicher, die Fragestellungen sind nicht einfach. Aber das war denn doch einfach zu wenig. Das fatale Anleiherückkaufprogramm wurde durchgewinkt, kam ja auch von einem Genossen. Es hilft nicht den deutschen Steuerzahlern, den Griechen auch nicht, sondern der ganze Murks kostet die SPD mit Sicherheit die Wahl.
4. Schlechter Ratschlag
kannmanauchsosehen 02.12.2012
Zitat von sysopEin schlechter Start, ohne Frage. Aber wer jetzt in der SPD meint, man könne schnell noch den Kanzlerkandidaten austauschen, der sei gewarnt. Die Notbremse macht die Not nur größer. Die Genossen müssen das jetzt aushalten. Peer Steinbrück bleibt die beste Wahl für diese Wahl. SPD-Kandidat: Der Start von Peer Steinbrück ist missglückt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kandidat-der-start-von-peer-steinbrueck-ist-missglueckt-a-869943.html)
Vorsicht, wenn Griechen mit Geschenken kommen, bzw. konservative Kommentatoren mit billigen Ratschlägen. Als Pilot starte ich nicht mit einer Maschine, die einen defekten Motor hat und wo die Steuerung kaputt ist und man nur noch Rechtskurven fliegen kann.
5. Scheingefechte …
Dr.pol.Emik 02.12.2012
… müssen wir uns wirklich in irgendeiner Weise um einen Kandidaten Steinbrück kümmern? Auch der letzte Beschluss zu den Griechenlandhilfen hat es doch wieder an den Tag gebracht. Alles eine Brut, die gemeinsam gegen das Volk kämpft. Das Kanzlerduell – des Bürgers Pulver längst verschossen (http://qpress.de/2012/11/06/das-kanzlerduell-des-burgers-wurst-schon-verspielt/) … hier ist das große Theaterstück noch etwas feiner beschrieben. Der wähler sollte sich daran gewöhnen, auch wenn nicht laut ausgesprochen, dass es sich inzwischen um eine Einheitsfront CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne handelt. Das Gerangel um die Position des Bandenchefs muss uns doch nun wirklich nicht interessieren.
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Zum Autor
  • Andrej Dahlmann
    Christoph Schwennicke, Jahrgang 1966, ist Chefredakteur des Polit-Magazins "Cicero". Zuvor schrieb er als politischer Korrespondent in Berlin für den SPIEGEL und für die "Süddeutsche Zeitung".

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