Steinbrücks neues Team: Operation Reißleine

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SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: "Harte und schwierige Entscheidung"

Peer Steinbrück hat einen neuen Sprecher, so soll es endlich klappen mit seiner Kandidatur. In der SPD hofft man auf frischen Schwung. Doch das Problem liegt nicht nur in der Pressestelle, sondern auch bei Steinbrück selbst.

Berlin - Das Team ist komplett, der Wahlkampf kann jetzt heißer werden - Peer Steinbrück sieht sich gut aufgestellt für die "letzten hundert Jahre". Wie bitte? "Jetzt habe ich schon hundert Jahre gesagt", sagt Steinbrück und schmunzelt über seinen Versprecher.

Was der Kanzlerkandidat meint, sind natürlich die letzten hundert Tage bis zur Bundestagswahl, aber schon die dürften für ihn nicht ganz einfach werden. Sicher, Steinbrück hat jetzt endlich sein Schattenkabinett zusammen. Und die Bundesregierung ist an einigen Fronten in der Defensive. Aber dass in der SPD deshalb noch lange nicht alles gut ist, zeigt sich an diesem Montagmorgen, als durchsickert, dass Steinbrück am Wochenende Michael Donnermeyer gefeuert hat.

Der war zwar "nur" sein Sprecher. Aber im Land kommt an, dass in der SPD-Zentrale Köpfe rollen. Mitten im Wahlkampf. Kurz vor dem Urnengang. Es ist ein ziemlich verheerendes Signal.

Steinbrück gibt sich schmallippig zu der Frage, wie es dazu gekommen ist. Er sagt, dass die Trennung eine "harte und schwierige Entscheidung" gewesen sei. Er spricht von einem "intakten persönlichen Verhältnis" zu Donnermeyer. Der Deutung eines Neustarts widerspricht er entschieden, ohne allerdings zu den Hintergründen der Entlassung Stellung zu nehmen. Er wolle die Integrität und die Reputation Donnermeyers nicht öffentlich gefährden. Ein Satz, auf den sein Ex-Sprecher sicherlich auch hätte verzichten können.

Der Kandidat musste handeln

Es ist kein Geheimnis, dass viele in der SPD unzufrieden mit Donnermeyers Agieren waren. Ob die Äußerungen zum Kanzlergehalt, oder die widersprüchlichen Antworten auf die Frage, ob Stefan Raab das TV-Duell moderieren sollte - Donnermeyer wurde bis zuletzt für so ziemlich alles verantwortlich gemacht, was Steinbrück falsch machte.

Das mag in vielen Fällen übertrieben gewesen sein. Aber richtig ist, dass sich in der Kampagne in den vergangenen Wochen so wenig bewegte, dass der Eindruck zu entstehen drohte, Steinbrück hätte sich bereits aufgegeben. Der Kandidat musste handeln. Und er hat die Reißleine gezogen, so muss man es wohl sehen. Die Frage ist, ob er sie nicht schon früher hätte ziehen müssen, aber seit Thomas de Maizière weiß man, dass das mit der Reißleine so eine Sache ist.

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SPD: Steinbrücks Kompetenzteam
Jetzt soll es Rolf Kleine richten. Kleine arbeitete bis zum Wochenende bei der Immobilienfirma Deutsche Annington und zuvor als Büroleiter bei der "Bild"-Zeitung. Der 52-Jährige ist ein Kenner der Partei, gilt als Freund Frank-Walter Steinmeiers, schrieb auch mal ein Buch über Gerhard Schröder.

Er war ein paar Jahre weg, blieb aber immer nah dran. Als die SPD sich kürzlich zum 150. Geburtstag in Leipzig traf, sah man Kleine im Plausch mit mehreren Spitzengenossen, darunter - natürlich - der Ex-Kanzler. Kleine ist sicher keine schlechte Wahl, auch wenn es Fragen geben dürfte, warum die neuerdings so mieterfreundliche SPD jemanden aussucht, der bis zuletzt bei einem Unternehmen unter Vertrag stand, das unter den Mietern der Republik nicht den besten Ruf hat.

Dass Kleine die SPD mal eben in Richtung Wahlsieg umlenkt, sollte man nicht von ihm erwarten. Denn das Problem, das die Genossen haben, liegt nicht nur in der Pressestelle des Willy-Brandt-Hauses. Es sind in Wahrheit zwei Probleme, die ineinander greifen. Das größte Problem ist, dass Steinbrück noch immer nicht weiß, welche Rolle er eigentlich spielen soll. Soll er Peer, das Original, geben? Den Klartexter, der er früher einmal war? Oder doch lieber den Kanzlerkandidaten, der allen zeigen will, was für ein guter Sozialdemokrat er ist?

Seit seiner Berufung versucht er beides, und weil das so ist, wissen viele Menschen nicht, was sie von ihm halten sollen.

Kleine soll für Professionalität sorgen

Das zweite Problem ist, dass die SPD noch immer ein Vertrauensdefizit in ihrer Wählerschaft hat. Dass die Sozialdemokraten heutzutage bei manch wichtigem Thema das Gegenteil dessen vertreten, was sie in ihrer Regierungszeit auf den Weg brachten, mag Zeitgeist und Einsicht geschuldet und nicht immer falsch sein. Aber man darf sich auch nicht wundern, wenn die Leute zu fragen beginnen, wofür die SPD eigentlich steht.

Eine Linie in den kommenden Monaten herauszuarbeiten, wird weniger Aufgabe von Rolf Kleine sein, als die von Steinbrück und dem Rest der SPD-Spitze. Schaffen die Sozialdemokraten das, haben sie eine Chance, die Kanzlerin abzulösen. Wenn nicht, wird es schwer.

Kleine muss dafür sorgen, dass die Kampagne des Kandidaten professionell funktioniert. Das ist eine durchaus zu meisternde Aufgabe - wenn er denn in der Parteizentrale angekommen ist.

Nachdem ihn Steinbrück am Morgen vorgestellt hat, wandert der Ex-"Bild"-Mann etwas verloren durch die Flure der Parteizentrale. Ein Mitarbeiter muss ihm erst noch einen Hausausweis bringen. Dann macht er sich auf die Suche nach einem Büro.

So schnell kann es manchmal gehen in der Politik.

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insgesamt 107 Beiträge
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1. Unglaubwürdig
_meinemeinung 10.06.2013
Zitat von sysopPeer Steinbrück hat einen neuen Sprecher, so soll es endlich klappen mit seiner Kandidatur. In der SPD hofft man auf frischen Schwung. Doch das Problem liegt nicht nur in der Pressestelle, sondern auch bei Steinbrück selbst. SPD-Kanzlerkandidat baut sein Wahlkampfteam um - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-baut-sein-wahlkampfteam-um-a-904816.html)
Steinbrück hat unter Schröder den größten Sozialabbau der BRD zu verantworten. Er hat wesentlich daran mitgewirkt, dass der Niedriglohnsektor und die damit einhergehende Verarmung von großen Teilen der Gesellschaft mittlerweile das sozialökonomische Leben beherrscht. Er selbst kassiert Millionen für "Vorträge". Und diesem Mann soll ich glauben, dass er plötzlich alles anders machen will als zu Schröders Zeiten? Nie im Leben.
2. Steinbrück`s tolles Team
Palmstroem 10.06.2013
Zitat von sysopPeer Steinbrück hat einen neuen Sprecher, so soll es endlich klappen mit seiner Kandidatur. In der SPD hofft man auf frischen Schwung. Doch das Problem liegt nicht nur in der Pressestelle, sondern auch bei Steinbrück selbst. SPD-Kanzlerkandidat baut sein Wahlkampfteam um - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-baut-sein-wahlkampfteam-um-a-904816.html)
Tolles Team - allein die Leute, die er zuletzt nominiert hat sind echt Klasse - aber SPD? Rolf Klein - einst BILD-Journalist, der 52-jährige Journalist hat vor mehr als einem Jahr die Seiten gewechselt und ist seit Februar 2012 Cheflobbyist der Immobilienheuschrecke "Deutsche Annington". Christiane Krayewski, seit 2003 ist sie Partnerin der Investmentbank Leonardo & Co in Frankfurt am Main - echt toll als Wirtschaftsministerin. Matthias Machnig, mit einem „blauen Auge“ kam der in der so genannten WM-Ticket-Affäre gegen Ex-EnBW-Chef Utz Claassen davon. Das Verfahren gegen Machnig wurde nur gegen Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 2.500 Euro eingestellt.
3.
eryx 10.06.2013
Die Entwicklung ist wirklich sehr schade. Die SPD hat ja bewiesen, dass sie in den letzten Jahren richtige und wichtige Politik gemacht hat, nicht umsonst hat die Union etliche Positionen geräumt und imitiert nun die SPD. Nur kann das derzeitige Personal das irgendwie nicht so recht vermitteln. Und das obwohl Steinbrück in der großen Koalition sicher entscheidend an deren Erfolg mitgearbeitet hat. Die Union hat zwar auch nur Schlaftabletten und unbeholfene Gestalten anzubieten, aber leider auch Mutter Merkel, die eben seltsamerweise alles überstrahlt. Sehr schade. In Sachen Inhalt sind doch SPD und Grüne der schwarzgelben Koalition meilenweit voraus.
4. Nicht Peer Steinbrück ist das Problem....
espressoli 10.06.2013
...sondern die gesamte -gesteuerte? - Medienlandschaft... Peer Steinbrück hat nicht einmal im Ansatz soviele - nachgesagte - Kalauer geliefert, wie es die jetzige Kanzlerin und ihre Gurkentruppe - und was davon noch übrig ist - seit Jahren tun... Ist es nicht interessant, dass trotz grösster, medialer Druck-Unterstützung für die Kanzlerin die beiden Parteien CDU und CSU zusammen grade mal - eventuell und wenn überhaupt - 40 % erreichen?... Das sind lediglich etwas mehr als ein Drittel der wahlberechtigten Bürger... Deutschland ist offensichtlich noch nicht "dödlig" genug gemacht worden... was dann - wahltechnisch - doch noch hoffen lässt...
5. Vollkommen daneben, wieder einmal,
guentherprien 10.06.2013
Steinbrueck kapiert es einfach nicht. Bei uns sind jetzt alle in der Strasse aus der SPD ausgetreten. Und täglich werden es mehr werden. Was war das mal für eine tolle Partei, aber so wie jetzt geht es nur noch abwaerts. Wir alten Metaller haben die Nase voll von SPD und der Gewerkschaft. Glück auf nach Berlin ins Willy-Brandt-Haus !
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