Von Florian Gathmann
Berlin - Da ist sie wieder, die gute alte SPD-Kakophonie. "Seit an Seit" mag man im sozialdemokratischen Liedgut schreiten, in der Realität laufen die Genossen lieber wild durcheinander. Mancher stellt dem anderen auch gerne mal ein Bein, im übertragenen Sinne natürlich. Im Moment zum Beispiel, da ranghohe SPD-Politiker öffentlich ihre Präferenz für Frank-Walter Steinmeier oder Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat erklären.
Das schadet vor allem Parteichef Sigmar Gabriel. Nicht so sehr, weil sich keiner für ihn ausgesprochen hat am Wochenende - sondern weil es den Zeitplan der SPD zu zerreißen droht. Diesen Zeitplan hat sich Gabriel ausgedacht, natürlich im Einvernehmen mit den beiden anderen Troika-Mitgliedern Steinmeier und Steinbrück: das Rennen um die Kanzlerkandidatur so lange offenhalten wie möglich, den Herausforderer von Angela Merkel erst nach der Niedersachen-Wahl am 20. Januar kommenden Jahres küren, den Spannungsbogen damit noch über Monate hochhalten.
Dass Gabriel im Herbst 2013 selbst gegen die Kanzlerin antreten will, das glaubt ohnehin kaum noch einer in der SPD. Dafür sind seine Umfragewerte zu miserabel im Vergleich zu den Konkurrenten und sein Ruf zu schlecht. So viel Realitätsbewusstsein trauen Gabriel inzwischen selbst seine Feinde zu. Aber Gabriel möchte dann wenigstens zeigen, dass er Herr des Verfahrens ist. Das Kanzlerkandidaten-Rennen in der K-Frage sollte zu seinem Meisterstück als Parteichef werden.
Nach den Äußerungen vom Sonntag scheint der Zeitplan allerdings mehr in Gefahr denn je: Erst sprach sich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig für Steinmeier als Kanzlerkandidat aus, dann konterte unter anderem Baden-Württembergs Vizeregierungschef Nils Schmid mit Pro-Steinbrück-Sätzen. Eine Woche zuvor hatten im SPIEGEL etliche SPD-Politiker für Steinmeier geworben.
Missfallen über die Debatte vom Wochenende
Gabriel ist mächtig sauer deswegen. Am Montagmorgen in der wöchentlichen Telefonschalte des innersten SPD-Zirkels war der Vorsitzende wegen eines privaten Termins nicht dabei, aber seine Generalsekretärin Andrea Nahles teilte an seiner statt aus. Klar und deutlich soll Nahles Missfallen über die Kanzlerkandidaten-Debatte vom Wochenende ausgedrückt haben, große Rückendeckung bekam sie dafür dem Vernehmen nach von der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin und Vizeparteichefin Hannelore Kraft.
Man ist in großer Sorge im Willy-Brandt-Haus. So ist zu hören, dass die Diskussion aus dem Ruder läuft. Denn sie wissen allzu gut, wie schwer es in der SPD ist, Debatten wieder totzutreten.
Aber sie versuchen es. Am besten sollten alle mal die Klappe halten - nein, so hat es Generalsekretärin Andrea Nahles nicht ausgedrückt. "Es ist nicht klug, sich öffentlich mit sich selbst zu beschäftigen", sagte sie im Anschluss an die Telefonschalte vor Journalisten. Allerdings bedeutet das im Berliner Polit-Code ziemlich genau das. "Ich rate, sich auf das zu konzentrieren, was ansteht", sagte Nahles. Die Äußerungen würden den Zeitplan der SPD allerdings nicht beeinflussen. Und wenn sich alle Landesfürsten mit anderen Vorstellungen zu Wort meldeten - am Ende entscheide der Parteivorstand, betonte sie.
Beziehungsweise der Parteichef.
Der ist offenbar bereit, um seine Rolle in der K-Frage zu kämpfen. Am Montag übernahmen es neben Nahles freundlicherweise einige aus dem Gabriel-Lager, die SPD in seinem Sinne zur Ordnung zu rufen und gleichermaßen die wichtige Funktion des Vorsitzenden in Erinnerung zu rufen. Beispielsweise Martin Schulz, der Präsident des Europa-Parlaments. "Alle sollten sich an das Vereinbarte halten, wenn sie nicht Personen und die Partei beschädigen wollen", sagte Schulz dem "Tagesspiegel".
Lob für Gabriel
Zudem lobte er Gabriel dafür, dass dieser mehrere mögliche Spitzenkandidaten ins Spiel gebracht habe, obwohl ihm als Vorsitzendem das Zugriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur zustehe. Noch deutlicher wurde Matthias Machnig, Thüringer Wirtschaftsminister und enger Vertrauter Gabriels. "Für jeden Bundesvorsitzenden in der SPD galt und gilt, dass er den ersten Zugriff und/oder das Vorschlagsrecht für den Kanzlerkandidaten hat", sagt er.
Darum geht es dem Parteichef: Wenn Gabriel schon nicht die Tore schießen darf, will er wenigstens als Mannschaftskapitän Einfluss auf das Spiel seines Teams behalten.
Aber plötzlich kommen sogar wieder Vorschläge in der K-Frage, die längst vom Tisch waren. So sprach sich am Montag Hans-Ulrich Klose, einst Chef der SPD-Bundestagsfraktion und zuvor Erster Bürgermeister von Hamburg, in der "Welt" für eine Urwahl aus. "Das könnte die Partei zu einem großen Engagement mobilisieren", sagte er.
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