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Kanzlerkandidat Steinbrück: Merkels vornehme Kunst der Nichtbeachtung

Von Gerd Langguth

Er hat den Willen zur Macht, er hat Biss, er polarisiert: Mit Peer Steinbrück hat die Kanzlerin einen echten Gegner bekommen. Angela Merkels Antwort? Sie ignoriert ihn. Die Niederungen des Wahlkampfs wird sie meiden - und stattdessen ihren Amtsbonus ausspielen.

Konkurrenten Steinbrück, Merkel: Kanzlerkandidatur aus "Eitelkeit, Ehrgeiz" und wegen der "Bestätigung" Zur Großansicht
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Konkurrenten Steinbrück, Merkel: Kanzlerkandidatur aus "Eitelkeit, Ehrgeiz" und wegen der "Bestätigung"

Noch vor kurzem spöttelte die Kanzlerin, sie wäre froh, wenn sich in der SPD überhaupt jemand für eine Kanzlerkandidatur entschiede. Seit der vorzeitigen Nominierung von Peer Steinbrück ist sie arg wortkarg. Die Reaktion überließ sie anderen.

Zweifellos ist Peer Steinbrück derjenige aus der "Troika", der Merkel am gefährlichsten werden kann - er kann am ehesten auch bei den Unionswählern wildern. Gleich in der ersten Umfrage nach der Nominierung ihres Kandidaten kletterten die Werte der SPD.

Dabei war Steinbrück bis vor kurzem ein Hinterbänkler, hatte keinerlei Funktionen mehr, es schien nach der letzten Bundestagswahl so, als ob er mit der Politik abgeschlossen hätte. Er mokierte sich über "Heulsusen" in seiner Partei, bescheinigte ihr eine "Glaubwürdigkeitskrise" und spottete, von den Landes- und Bezirksverbänden könnten "wahrscheinlich nur drei oder vier als intakt und schlagkräftig bezeichnet" werden.

Doch im Unterschied zu den beiden anderen Troikisten Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier zeigte er nun den Willen zur Macht. Gewohnt ironisch verkündete Steinbrück, er strebe die Kanzlerkandidatur aus "Eitelkeit, Ehrgeiz" und um der "Bestätigung" willen an. Die beiden anderen, die wirklich über Macht verfügen, nämlich den Parteichef und den Fraktionsvorsitzenden, hat er dabei lässig überholt.

Am leichtesten dürfte Gabriel der Verzicht gefallen sein. Denn er ist der jüngste der drei Troika-Angehörigen. Sollte Steinbrück bei seiner Kanzlerkandidatur scheitern, wäre Gabriel als Parteivorsitzender möglicherweise beim nächsten Mal an der Reihe. So wird er sich trösten. Er hat sicherlich von Angela Merkel gelernt, die 2002 Edmund Stoiber die Kanzlerkandidatur überließ - nach dem berühmten Frühstück in Wolfratshausen. Bei den vorgezogenen Wahlen 2005 kam Stoiber dann nicht mehr in Betracht, er musste Angela Merkel das Feld überlassen. Vielleicht hofft Gabriel im Falle des Scheiterns von Steinbrück auf eine ähnliche Option.

Was bedeutet die Nominierung Steinbrücks für die Kanzlerin? Angela Merkel wird wissen, dass Polarisierung eine Eigenschaft ihres Herausforderers ist. Sie wird ihn aber auflaufen lassen und ihm keine Möglichkeit geben wollen, sich mit ihr in einer direkten Konfrontation zu profilieren - vielleicht mit Ausnahme der Fernsehduelle. Aber auch hier wird sich Merkel auf ein Minimum beschränken wollen. Merkel beherrscht die Kunst der Nichtbeachtung. In den Parlamentsdebatten wird sie andere aus der Union und der FDP auffahren, die auf einen leicht aufbrausenden Peer Steinbrück reagieren. Sie wird cool bleiben wollen.

Auch Steinbrück hat schlechte Tage

Im Übrigen glauben viele in der Union, dass Steinbrück als Debattenredner überschätzt wird. Einen Vorgeschmack lieferten schon manche Auseinandersetzungen im Bundestag, etwa als Steinbrück Ende September 2011 im Parlament als Hauptredner der Opposition vorgeschickt wurde. Damals enttäuschte er selbst die eigenen Reihen, wie unter anderem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zu berichten wusste. Als eine gelungene Abrechnung mit Schwarz-Gelb wurde sein damaliger Auftritt jedenfalls nicht angesehen.

Das "Handelsblatt" meinte: "Angesichts der Zerstrittenheit der Koalition wäre es ein Leichtes gewesen, sie im Plenum zu demontieren, aber dazu war der mögliche Kanzlerkandidat nicht in der Lage." Und die "Süddeutsche Zeitung" schrieb, Steinbrück fordere zwar eine "neue Erzählung für Europa": "Aber er bringt sie nicht. Das ist für den großen Gestus, mit dem er da vorne steht, ein bisschen wenig." Steinbrück wird zu Recht ein großes rhetorisches Geschick beigemessen, aber er kann auch schlechtere Tage haben.

Merkel wird jeden Provokationsversuch an sich abtropfen lassen. Bestenfalls wird jeweils die zweite Reihe auf Steinbrück reagieren, nicht jedoch die Kanzlerin selbst. Merkel wird auch in diesem Wahlkampf versuchen, jede Polarisierung zu vermeiden, schon deshalb, weil sie bei den letzten Bundestagswahlen mit diesem Konzept der "asymmetrischen Demobilisierung" verhindert hat, dass die SPD ihre Wählerbasis ausschöpfen konnte.

Je mehr Polarisierung es gibt, desto mehr kann die SPD ihr eigenes Wählerpotential ausschöpfen, das ist die Logik Merkels.

Merkel meidet die Niederungen des Wahlkampfs

Sie wird deshalb wie eine Präsididalkanzlerin agieren, die sich vermeintlich nicht auf die Niederungen eines Wahlkampfes hinablässt und von daher auch für potentielle SPD-Wähler wählbar ist. Sie wird selbst in der heißen Wahlkampfphase durch routiniertes Regieren auffallen und sich dadurch profilieren. Die Kanzlerin hat es zudem in der Hand, sich bei wichtigen internationalen Ereignissen rechtzeitig vor dem Wahltermin in Szene setzen zu können. Diesen Amtsbonus hat Steinbrück nicht.

Merkel weiß, dass ihr Steinbrück gefährlich werden kann. Aber: Sie wird unter keinen Umständen so aus der Haut fahren, wie das gelegentlich bei Steinbrück zu beobachten ist. Er hat bereits angekündigt, dass er Helfer um sich herum haben wird, die ihn vor solchen Ausbrüchen bewahren sollen. Gerade diese Schwäche könnte Merkels eigentliche "Einflugschneise" sein: dass sich Steinbrück rhetorisch möglicherweise nicht voll unter Kontrolle hat.

Dass er beim nordrhein-westfälischen Landesparteitag der SPD "Beinfreiheit" einforderte, zeigt, dass Steinbrück sich nicht der Zustimmung aller Parteigliederungen sicher sein kann. Wer auch emotional nicht von allen Mitgliedern der eigenen Partei getragen wird, hat es schwer. Zwar hat es auch in Merkels Partei immer wieder ein Grummeln gegeben, doch ist erfahrungsgemäß eine Kanzlerpartei wie die CDU in den entscheiden Monaten vor der Wahlschlacht sehr viel geschlossener als die Programmpartei SPD.

Das wird Merkel zu nutzen wissen.

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1.
bosborus 06.10.2012
"Mit Peer Steinbrück hat die Kanzlerin einen echten Gegner bekommen." Beim Lesen dieses Satzes musste ich ein lautes Gelächter ausbrechen, wofür ich mich bei den Nachbarn entschuldige. Dieser Mann hat nicht den Hauch einer Change gegen die höchst beliebte, intelligente Kanzlerin.
2. Warum Personalwechsel?
localpatriot 06.10.2012
Zitat von sysopAPEr hat den Willen zur Macht, er hat Biss, er polarisiert: Mit Peer Steinbrück hat die Kanzlerin einen echten Gegner bekommen. Angela Merkels Antwort? Sie ignoriert ihn. Die Niederungen des Wahlkampfs wird sie meiden - und stattdessen ihren Amtsbonus ausspielen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-merkel-wird-steinbrueck-a-859226.html
Es geht ja nicht um eine andere Politik, es geht nur um einen anderen Amtsinhaber. In allen kritischen Punkten bleibt die politische Linie dieselbe. Mitten in der Krise ist das Motto -' Lass mich mal ran" bestimmt nicht genug um die Kanzlerin auszubooten. Bissig oder kuschelig macht dabei nicht genug Unterschied. Aber um die FDP zu schwaechen sollte es reichen. Und die haben es auch verdient.
3.
Maya2003 06.10.2012
Zitat von sysopAPEr hat den Willen zur Macht, er hat Biss, er polarisiert: Mit Peer Steinbrück hat die Kanzlerin einen echten Gegner bekommen. Angela Merkels Antwort? Sie ignoriert ihn. Die Niederungen des Wahlkampfs wird sie meiden - und stattdessen ihren Amtsbonus ausspielen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-merkel-wird-steinbrueck-a-859226.html
Sie wird Steinbrück und die SPD ignorieren weil sie ihren zukünftigen Koalitionspartner nicht allzu sehr verärgern will. Die Drecksarbeit der Verleumdung und der Lügen machen dann Kauder und Co. - Merkel schwebt über den Dingen, den ganzen Tag nur an das Wohl des Landes denkend. Mit dieser "Strategie" wird sie wohl durchkommen. Parteipolitisches Gezänk mögen die obrigkeitsgläubigen Deutschen nämlich nicht.
4. Bemühte Objektivität
rolandmuck 06.10.2012
Langguth ist recht verkrampft um Objektivität bemüht, es ist jedem Satz anzumerken. Trotzdem kann der Merkel - Biograf nicht verhindern, dass er wie schon früher, als Merkels Steigbügelhalter ausgemacht wird. In dem noch vor den Wahlen liegenden Jahr, fliegt Merkel noch soviel um den Kopf, dass sie die Strategie Langguths nicht wird durchhalten können. Ihre Nervosität kann sie doch jetzt schon nur noch mehr schlecht als recht überspielen. Und nur mal so am Rande, vornehm ist an Merkel nichts, aber auch gar nichts, auch nicht ihre vermeintliche Kunst der Nichtbeachtung.
5.
XXYYZZ 06.10.2012
Danke, SPON, daß Sie dem CDU-Mitglied und Jubel-Perser Langguth ein breites Forum bieten. Alles andere hätte mich auch positiv überrascht ...
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