Steinbrück im Web Der Offline-Kandidat

Peer Steinbrück will zeigen, dass er "Kanzler kann", aber kann er auch digital? Wie kaum ein Spitzenpolitiker verweigert er sich der Kommunikation im Netz. Das könnte ihn Sympathien kosten.

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: "Ich twittere nicht"
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SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: "Ich twittere nicht"

Von Jan Lukas Strozyk


Berlin - Mit Facebook konnte Peer Steinbrück noch nie so recht. Als er 2009 verkündete, die Schweiz notfalls mit "Peitsche" und "Kavallerie" zur Lockerung des Bankgeheimnisses zu bewegen, gründet ein eidgenössischer Banker eine Gruppe in dem sozialen Netzwerk: "Ich könnte Peer Steinbrück pausenlos die Fresse polieren", so der wenig schmeichelhafte Titel.

Heute hat die Gruppe nur noch wenige Mitglieder. Steinbrücks Unbehagen zur digitalen Welt ist geblieben. Im Netz findet der frisch ausgerufene SPD-Kanzlerkandidat als Politiker kaum, als Privatperson gar nicht statt. Auf die Frage, wie er denn seine eigene Kommunikation im Internet beschreiben würde, antwortete er kürzlich auf einer Podiumsdiskussion: "Mir wird von meinen Mitarbeitern geschildert, was dort passiert."

Die Veranstaltung mit dem Titel "Social Media und Politik" fand kurz vor Steinbrücks Kür zum Kanzlerkandidaten statt. Jetzt, da die K-Frage geklärt ist, wird seine Abwehrhaltung zum Netz besonders bemerkenswert. Denn zweifelsohne wird der kommende Bundestagswahlkampf auch im Internet entschieden werden. Schon 2009 nutzten die Parteien die Plattformen im Netz zur Wählermobilisierung. 2013 werden die Versuche, Online-Bürgerdialoge und digitale Wahlwerbung beim Buhlen um Stimmen zu integrieren, noch zunehmen.

"Guter alter Postbrief"

Doch all das wird vermutlich ohne Steinbrück stattfinden. Auf dem Podium in Berlin wurde schnell klar: Der Polit-Profi kann immer noch lange Monologe über Entscheidungsprozesse innerhalb der SPD halten. Doch selbst den digitalen Dialog mit den Bürgern pflegen, das will er nicht. "Ich twittere nicht. Facebook machen meine Mitarbeiter", sagte er und inszenierte sich als Verteidiger des kleinen Mannes: "Der Stahlkocher von Krupp in Duisburg ist eben nicht in der Lage, sich an Liquid Democracy zu beteiligen."

Gerade als Sozialdemokrat könne er auf den persönlichen Kontakt nicht verzichten, erklärte Steinbrück weiter. "Um jemanden zu decodieren, brauche ich seine Körpersprache." Der SPD-Spitzenpolitiker schwärmte öffentlich nur halb scherzhaft von der "guten alten Zeit des Postbriefs" und schob trotzig hinterher: "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich unter einer Käseglocke sitze."

So kokettiert Steinbrück mit seiner Offline-Einstellung. Das wird ihm vielleicht bei dem einen oder anderen Netzmuffel Sympathien einbringen. Aber es zeigt vor allem, welchen Stellenwert er dem Internet zumisst. Ein Kanzlerkandidat, der sich gegenüber einer Zukunftsbranche so wenig aufgeschlossen gibt, muss sich die Frage gefallen lassen, wie er Möglichkeiten in diesem Bereich erkennen und fördern will. Vor allem für die deutsche Wirtschaft, in der digitale Dienstleistungen eine wachsende Rolle spielen, ist das ein wichtiger Punkt.

"Professionell, aber lieblos"

Dabei müssen sich Netzaktivitäten und althergebrachte Bürgernähe keineswegs ausschließen, das beweist zum Beispiel Bundesumweltminister Peter Altmaier. Der CDU-Politiker hat es innerhalb von nur einem Jahr auf mehrere zehntausend Abonnenten bei Twitter gebracht und über die Plattform viele Sympathien eingefahren. Auch, weil er im Gegensatz zu Steinbrück den persönlichen Dialog im Netz zulässt. Etwa 80 Prozent seiner Twitter-Nachrichten sind Antworten auf Fragen oder Kommentare. Steinbrücks direkte Konkurrentin im Wahlkampf, Kanzlerin Angela Merkel, wird längst über Facebook, YouTube und Co. vermarktet. Auch wenn sie nach wie vor lieber SMS schreibt und ihren Regierungssprecher für sich twittern lässt.

Steinbrücks Netz-Bilanz ist ein Jahr vor der Bundestagswahl dürftig. Auf seiner Facebook-Seite findet sich bislang lediglich der Vermerk: "Die Seite wird durch das Team von Peer Steinbrück bearbeitet." In einer Analyse der Universität St. Gallen, die die Netzpräsenz deutscher Bundestagsabgeordneter untersucht hat, landet er auf Rang 297. Auch auf der Plattform Abgeordnetenwatch, auf der Bürger ihren Volksvertretern Fragen stellen können, hat er noch kein einziges Mal persönlich geantwortet. Stattdessen gibt es den standardmäßigen Verweis auf Steinbrücks Büro.

"Wenn man Peer Steinbrück als Bürger etwas fragen möchte, hat man kaum Möglichkeiten", kritisiert Martin Reyher von Abgeordnetenwatch. Auch Facebook sei für Steinbrück nur ein "Abspielkanal von fertigen Meldungen und Pressemitteilungen". Die offizielle Webseite des Politikers böte ebenfalls wenig Möglichkeiten des Dialogs.

"Heutzutage ist es etwas wenig, nur zu senden und nicht zu empfangen", so Reyher weiter. Steinbrücks einseitige unpersönliche Korrespondenz "riecht danach, sich öffentlich nicht angreifbar machen zu wollen". Dabei böte das Netz gerade für einen Politiker mit Ecken und Kanten eine Reihe von Möglichkeiten, das eigene Profil zu schärfen, wundert sich der Experte. "Sein Web-Auftritt ist weichgespült. Das passt eigentlich nicht zu ihm. Steinbrück wirkt im Internet professionell, aber lieblos. Als Wähler wäre ich enttäuscht."

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Seite 1
friedrich_eckard 01.10.2012
1. kein Titel!
Hmm... also da der "Zählkandidat" online Fragen *ohne Honorar* beantworten müsste nimmt es nicht wirklich wunder, dass das nicht seine Sache ist.
kork22 01.10.2012
2. optional
Es könnte ihm auch Stimmen bringen, indem er Distanz zu einem Medium zeigt, von dem er eh nicht überzeugt ist. Nicht jeder muss ihn ja "liken".
sappelkopp 01.10.2012
3. Der Typ wird mir immer...
Zitat von sysopAFPPeer Steinbrück will beweisen, dass er "Kanzler kann", das steht seit Freitag fest. Aber kann er auch digital? Wie kaum ein anderer Politiker verweigert sich Steinbrück der Kommunikation im Netz - das könnte ihn im Wahlkampf Sympathien kosten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-peer-steinbrueck-meidet-das-internet-a-858511.html
...sympathischer! Fangen wir jetzt an, die Wahrscheinlichkeit "dass jemand Kanzler kann" - übrigens ein grauenvolles Deutsch - davon abhängig zu machen, ob er ein Facebook-Konto hat? Eine ganz andere Frage ist, ob er durch das Facebook-Konto mehr Stimmen fischen kann? Allerdings macht mir eine Gesellschaft Angst, die ihre Wahlentscheidung von so einem Unsinn abhängig macht.
h.kohlreiter 01.10.2012
4. Von der Piratenpartei lernen
Ich denke, Herr Steinbrück kann in dieser Hinsicht noch eine Menge von der Piratenpartei lernen. Wer in der heutigen Zeit noch keine Facebook Webseite hat und nicht bei Second Live dabei ist, ist doch bei der Jugend total abgemeldet.
Derax 01.10.2012
5. ...
Zitat von sysopAFPPeer Steinbrück will beweisen, dass er "Kanzler kann", das steht seit Freitag fest. Aber kann er auch digital? Wie kaum ein anderer Politiker verweigert sich Steinbrück der Kommunikation im Netz - das könnte ihn im Wahlkampf Sympathien kosten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-peer-steinbrueck-meidet-das-internet-a-858511.html
Auch wenn ich wohl eher die Angelique wählen werde finde ich dieses Statement doch sehr ehrlich-sympathisch. Twitter ist nun wirklich Zeitverschwendung und wer glaubt denn wirklich das hinter den Tweeds auch die jeweils Prominenten/Politiker stehen und nicht etwa die Assistenten/PR-Berater. Das er wegen einer Hass-Gruppe gleich, "nicht mit fb kann" ist doch auch Quatsch man sollte sich im Internet als Prominenter geehrt fühlen wenn man viele "Hater" anzieht, zeigt irgendw o auch ne Art von Erfolg.
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