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Steinbrück in der ARD-"Wahlarena": Auf ein Pils mit Peer

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SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: "Da würde sich meine Frau beschweren" Zur Großansicht
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SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: "Da würde sich meine Frau beschweren"

Peer Steinbrück im Kreuzverhör? Nicht ganz. In der "ARD"-Wahlarena geht es weitgehend kuschelig zu. Die Bürger liefern artig Stichworte zum SPD-Programm, der Kanzlerkandidat spaziert souverän durch den Abend. Wenn der Wahlkampf doch nur immer so einfach gewesen wäre.

Berlin - Stockende Energiewende? Massenmord in Syrien? Euro-Krise? Nein, die Frau mit dem besorgten Blick interessiert was ganz anderes. "Wollen Sie sich das wirklich antun mit der Kanzlerschaft?", fragt sie. "Sie gehen dann ja voll auf die 70 zu." Steinbrück lächelt. "Aber schauen Sie mich an!", ruft er, breitet die Arme aus und lehnt sich dann an sein Rednerpult. Lacher im Studio.

Mittwochabend, die beste Sendezeit, der SPD-Kanzlerkandidat ist zu Gast in der ARD-"Wahlarena" (lesen Sie hier das Minutenprotokoll mit allen Höhepunkten). Im Studio sitzen 150 ausgewählte Bürger, an den Bildschirmen ein paar Millionen. Es sind noch zehn Tage bis zur Wahl, Steinbrück liegt im Rennen gegen Angela Merkel ein ganzes Stück hinten, er muss punkten. Das tut er. Aber er kann auch kaum anders an diesem Abend.

In der SPD hatte man ein wenig gefürchtet, dass alles so wird, wie bei der Kanzlerin am Montag. Merkel war auch in der "Wahlarena" und sie wurde von den anwesenden Bürgern mit ein paar hartnäckigen Fragen so sehr gequält, dass sie ab und an ins Schwimmen geriet. Bei Steinbrück ist es anders. Das Niveau ist ähnlich hoch. Aber das Publikum meint es gut mit ihm. Der Kandidat referiert 75 Minuten das SPD-Wahlprogramm, die Fragen sind zahm.

Gut, die Steuererhöhungen sind natürlich Thema. Spitzensteuersatz, Vermögensteuer, Abgeltungsteuer - Steinbrück will da bekanntlich an ziemlich vielen Schrauben drehen. Sehr zum Unmut eines Kölner Anwalts, der sich selbst als Besserverdiener bezeichnet. "Mein Gerechtigkeitsempfinden ist damit nicht wiedergegeben", sagt er mit Blick auf die Steuerpläne und fragt in Richtung des Sozialdemokraten: "Warum sollten wir für ihr Team schreien?"

Saal klatscht, Thema beendet

Der Kandidat kontert trocken. Es werde für vier Dinge dringend Geld gebraucht. Für Bildungsinvestitionen, die Sanierung der Infrastruktur, für die Kommunen und den Schuldenabbau. Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger. "Mehr wir, weniger Ellenbogen", sagt Steinbrück im Stakkatostil. Der Saal klatscht, das Thema ist vorerst beendet.

Wirklich unangenehme Situationen hat Steinbrück nicht zu bestehen. Weil vor allem sozial- und arbeitsmarktpolitische Fragen im Mittelpunkt der Fragen stehen, kann Steinbrück sich als Kümmerer präsentieren. Es ist phasenweise ein Spaziergang. Fragen zu seinen Nebeneinkünften, dem widersprüchlichen Agieren der SPD in der Europapolitik, oder Steinbrücks programmatischen "Lernkurven" bleiben aus.

Was er denn zu tun gedenke, um prekäre Arbeitsverhältnisse einzudämmen, fragt ein Beamter den Kanzlerkandidaten. Steinbrück nimmt die Frage dankbar auf und drückt innerlich auf "play": Missbrauch bei der Leiharbeit bekämpfen, betriebliche Mitbestimmung stärken, gleichen Lohn für gleiche Arbeit einführen. Er habe kürzlich aus einem Betrieb gehört, dass die Stammbelegschaft sogar andere Kleidung trage, als die Leihbelegschaft. "Ich halte das für einen Skandal." Rauschender Beifall.

Ob Rente, Energiewende oder Pflege - das Publikum liefert Steinbrück immer wieder Stichworte. Aber der Kandidat erwischt auch einen guten Tag. Das Format liegt ihm, seine Antworten sind knapp und vergleichsweise klar. Er bringt - anders als das in weiten Teilen des Wahlkampfs der Fall war - die Kernbotschaften seiner Partei unter. Und wenn er zu technisch wird, fällt es ihm ausnahmsweise auf. "Tut mir leid, wieder so ein komischer Begriff", sagt er, als er über das "Entgeltgleichheitsgesetz" referiert, das er gerne umsetzen würde.

Die Geschichte mit dem Rollator

Ab und an streut Steinbrück eine persönliche Note ein. Eine Frau interessiert sich für die Pflegepläne der Sozialdemokraten. Steinbrück holt aus. Er spricht über die Bedeutung des Pflegesektors, fordert eine bessere Bezahlung der dort Beschäftigten und stellt in Aussicht, altersgerechte Wohnungen stärker zu fördern. "Meine Mutter kam mit ihrem Rollator nicht zur Tür hinein, weil die zu eng war", sagt Steinbrück. "Mein Bruder und ich hatten dann immer Angst, dass sie fällt." Momente wie diese waren in den zurückliegenden Monaten seiner Kandidatur eher rar.

Ob es jetzt noch hilft, ist unklar. Die Umfragen sind, wie sie sind. Sollte Steinbrück doch noch Kanzler werden, wäre das nicht weniger als ein Wunder. Die SPD, das wissen auch die Strategen, könnte nach jetzigem Stand schon zufrieden sein, wenn sie es schaffte, eine Neuauflage von Schwarz-Gelb zu verhindern.

Mit den Problemen will sich Steinbrück an diesem Abend nicht beschäftigen. Ob er denn bereit wäre, einen Pfand zu geben für den Fall, dass er seine Wahlversprechen nicht einhielte, will jemand gegen Ende der Sendung von Steinbrück wissen. "Meinen Ehering? Da würde sich meine Frau beschweren", witzelt er. "Vielleicht ein kühles Pils zapfen?", fragt NDR-Moderator Andreas Cichowicz. Da muss Steinbrück nicht lange überlegen.

"Na, das ist die leichteste Übung", sagt er.

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insgesamt 241 Beiträge
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1. Markante Punkte habt ihr ausgelassen
wizard_82 12.09.2013
So das Anliegen des Mediziners, der sich um's Honorar sorgt, wenn man die Private Krankenversucherung abschaffen würde (Bürgerversicherung). Ich mache mir mehr Sorgen um diejenigen, die privat versichert älter werden und die immer stetig und dann stärker steigenden Beiträge nicht mehr zu leisten im Stande sind und so dermaßen hohe Eigenbeteiligungen leisten müssen, wie man sie von der durchschnittlichen Rente und Pension nicht bezahlen kann. Der Arzt, da bin ich mir ziemlich sicher, wird auch ohne PKV überstehen! Und da wäre noch der Herr, der sich als noch als beschlossenen Nichtwähler präsentiert und sich ggf sogar doch noch zum Wählen animieren lassen würde. Als ob es noch Motivation braucht! Ihm waren die Unterschiede zu gering, alles eine Soße, wie man so schön sagt. Aber man müsste sich schon damit auseinandersetzen, wenn man den Unterschied erkennen möchte. Als Peer Steinbrück ihm den Unterschied zwischen Mindestlohn und Lohnuntergrenze erläutert, hat er wohl wieder abgeschaltet. Wohl war er angefressen, als Steinbrück ihm vorhielt, es gäbe nicht nur ein Wahlrecht, sondern (Menschen wie) ihn schon direkt auch in die Pflicht genommen hat. Und da sind schon ziemlich viele Unterschiede in den Programmen von Union und Rot-Grün. Gerade die Nichtwähler und unentschlossenen sind ja diejenigen, die es bei der SPD braucht, um den Wahlausgang entscheidend zu beeinflussen. Ein paar Fragen aus dem Merkel-Katalog vom Montag hätte man noch einstreuen können, nicht nur das Pfand. Aber hier bin ich mir sicher, hätte Peer Steinbrück klarere Antworten gehabt als nur ein "das muss ich mir noch einmal ansehen" oder "das nehme ich mit".
2. Eines muss man ja Steinbrück lassen...
danyffm 12.09.2013
er weiss zumindest auf jede Frage eine Antwort ohne zu schwafeln, im Gegensatz zu Merkel. Sehr schwach war allerdings der Moderator, der tiefergehende Diskussion verhinderte und das "Pilszapfen" als Pfand für nicht eingehaltene Wahlversprechen in die Runde brachte.
3. Faktencheck
Havenpirat 12.09.2013
Steinbrück hält Merkel vor, dass die Staatsverschuldung in den letzten vier Jahren um 20 Prozent zugenommen habe. Das ist richtig: Der öffentliche Gesamtschuldenberg (nach Maastricht) stieg unter Schwarz-Gelb (Ende 2009 bis Ende 2012) von 1768,9 Milliarden Euro auf 2166,3 Milliarden Euro, das ist eine Zunahme von 397,4 Milliarden oder 22,5 Prozent. Also nix is mit beste Regierung seit... Aber das wird dem Volk egal sein, die wollen Mutti, is so schön schwammig. Selbst der Händedruck. Egal ist auch wer von den vier Flügeln dieser Blockpartei ans Ruder kommt, eigentlich bitter aber ein Grund warum die größte "Partei" nicht wählen gehen wird.
4. Bürger liefern artig Stichworte zum SPD-Programm !
analyse 12.09.2013
das sagt eigentlich schon alles über den manilupativen Wahlkampf ! Nur 1 Bier müßte Herr Steinbrück bezahlen wenn er die milliardenschweren Versprechungen nicht einhalten nkann !Von niemand kam der Hinweis wie leicht aus der Opposition heraus leere Versprechen zu machen sind.Die Regierung kann man immer fragen:und warum habt ihr das nicht gemacht ? Die Frage stellte man auch Herrn Steinbrück nicht,warum die SPD das meiste nicht alles schon unter ROTGRÜN gemacht hat? Beim regieren ist man eben mit der Realität konfrontiert,in der Opposition mit Wunschdenken ! Und da Fernsehjournalisten meist stramme CSU-Gegner sind.kommt von dort auch keine Korrektur.Der Wähler schaue nach Frankreich,wo die Versprechen des Sozialisten Hollande durch die Realität entlarvt wurden! Wir können uns solche Enttäuschungen sparen wenn wir klug wählen !
5. Das war sehr lustig, mehr nicht!
anton45 12.09.2013
Herr Steinbrück hat es wahrlich nicht einfach das Wahlvolk von seinen Qualitäten zu überzeugen. Kein Wunder selten so dämlich naive, abgedroschen Fragen gehört! Kein Wort zur Außenpolitik, Einwanderungsproblematik, der öffentlichen Sicherheit, Abhörskandal usw... Aber das haben die Herren von der ARD Moderation prima hinbekommen, ganz besonders der Geck "Bierzapfer" ! Oh wie billig dieses kasperliche Schauspiel....bin aber jetzt sicher das ich die AfD wählen werde!
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