SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Reif für den Neustart

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In der Haushaltsdebatte im Parlament gibt Peer Steinbrück den Wahlkämpfer. Aber was bringt's? Der Rückzieher seines Online-Beraters ist nur der letzte Eintrag in die Pannenliste des SPD-Kanzlerkandidaten. In der Partei wächst die Nervosität. Steinbrück braucht dringend einen Neustart.

Berlin - Sigmar Gabriel gibt sich übellaunig. Gerade hat Wolfgang Schäuble die sozialdemokratischen Abgeordneten über die nächtlichen Griechenland-Verhandlungen informiert. Der Finanzminister versuche sich, die Zahlen zurechtzubasteln, ätzt Gabriel. "Aber dass das die Lösung sein soll, glaubt er doch selber nicht." Was der SPD-Chef von Schäuble hält, ist damit klar.

Doch die Journalisten wollen noch seine Meinung über jemand anderen hören. "Was ist denn mit Herrn Koidl?", fragt einer. Gabriels Miene verfinstert sich noch mehr. Er brummt irgendwas von "Kaffee trinken gehen" und dreht ab Richtung Fahrstuhl.

Koidl. Wieder einmal geht es nicht um echte Politik, sondern um ein Problem des eigenen Kanzlerkandidaten. Roman Maria Koidl sollte eigentlich die Online-Kampagne von Peer Steinbrück managen. Aber Steinbrück hatte übersehen, dass der Unternehmer einst für zwei dieser in der Partei so verhassten Hedgefonds arbeitete. Eine Unachtsamkeit? Fehlendes Fingerspitzengefühl? Schlechte Berater? In jedem Fall verursachte die Personalie in der SPD derart großen Unmut, dass Koidl am Morgen einen Rückzieher machen musste. Peinlich, peinlich.

Die Posse um den Österreicher fügt sich ein in den Rumpelstart, den Steinbrück seit seiner Nominierung zum Kandidaten hingelegt hat. Er kommt einfach nicht aus der Defensive. Die Partei ist in Unruhe, den meisten Genossen ist inzwischen klar, dass schleunigst ein Neustart her muss. "Genervt" sei er langsam, sagt ein Landesvorsitzender. "Ich würde gerne auch mal wieder über SPD-Politik sprechen."

"Jede Frittenbude wird besser gemanagt"

Wie schwer Steinbrücks Probleme es der SPD machen durchzudringen, zeigt sich auch an diesem Mittwoch. Bei der traditionellen Generaldebatte zum Haushalt 2013 will der Ex-Finanzminister die Politik von Kanzlerin Angela Merkel zerpflücken. Keine leichte Aufgabe, das Land steht trotz Euro-Krise gut da, das muss auch Steinbrück zugeben - aber eben nur, weil die Regierung "mehr Glück als Verstand" habe. Der SPD-Mann hält eine kämpferische Rede, setzt scharfe Attacken, geißelt die "dröhnende Selbstbeweihräucherung" der schwarz-gelben Koalition. Seine Leute johlen, als er der Regierung vorhält: "Jede Frittenbude in Deutschland wird besser gemanagt als die Energiewende."

Das Glücksgefühl währt nur kurz. Schnell ist klar: So ist Merkel nicht zu packen. Die Kanzlerin lächelt entspannt, es wirkt fast, als freue sie sich darauf, ihrem Herausforderer antworten zu dürfen. "Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung", provoziert Merkel die Opposition mit einem ziemlich dreisten Superlativ. Auf direkte Attacken gegen Steinbrück verzichtet sie.

Dafür hat die Koalition ja Rainer Brüderle. Der FDP-Fraktionschef lässt selten einmal eine Vorlage passieren, und so spottet er auch über die jüngste Panne des SPD-Kandidaten. "Erneut ein genialer Griff in die Personalkiste", ruft Brüderle. "Sie sind offenbar out of touch, ich hoffe, Sie sind nicht out of space." Die Koalitionsabgeordneten lachen sich schlapp, Steinbrück zieht die Mundwinkel ganz nach unten.

Der Auftritt zeigt: Die Reden des Kanzlerkandidaten mögen noch so gut sein - aber mit seinen Patzern macht er sich angreifbar. Den Regierungsparteien hat Steinbrück schon jetzt genügend Futter für den Wahlkampf geliefert. Und nicht nur denen. Auch die Grünen gehen längst auf Distanz. Steinbrück habe "sich selbst rausgewählt", stichelte Chefin Claudia Roth auf dem Parteitag am Wochenende.

In der SPD-Spitze ahnt man, dass irgendetwas passieren muss, wenn die Genossen nicht schon zehn Monate vor der Bundestagswahl den Anschluss verpassen wollen. "Mit Krisenmanagement allein gewinnt man keine Wahl", umschreibt es einer aus der SPD-Fraktion. "Es wäre schön, wenn wir auch mal wieder irgendwie punkten könnten."

Drehbuch bis zur Niedersachsen-Wahl

Nur in Steinbrücks Wahlkampfteam herrscht eine Ruhe, als laufe alles bestens. Die kleinteiligen Debatten um Honorare und Berater-Blamagen, so heißt es, seien ohnehin in ein paar Wochen vergessen. Die Zeit bis zur Bundestagswahl sei noch lang. Bloß nicht überreagieren, so das Motto.

Von ihrem Drehbuch für die nächsten Wochen wollen sich Steinbrücks Leute jedenfalls nicht abbringen lassen. Die neue Homepage des Kandidaten, die noch Koidl zu verantworten hat, soll bald vorgestellt werden. Weitaus mehr Aufmerksamkeit richtet sich dieser Tage aber auf die Vorbereitung des 9. Dezember. An jenem Sonntag treffen sich die Sozialdemokraten in Hannover zum Parteitag. Es soll Steinbrücks Stunde werden. Nicht zu pompös, aber doch auf ihn zugeschnitten. Ein Neustart eben.

An seiner Rede wird bereits eifrig gefeilt. Es soll, so ist zu hören, ein großer Wurf werden, eine inhaltliche Begründung seiner Kandidatur, eine Antwort auf die Frage, wie er das Land regieren will. Helmut Schmidt wird sprechen. Gerhard Schröder kommt ausnahmsweise auch mal. Und Steinbrücks Familie soll ebenfalls da sein. Laufe die Krönungsmesse so wie gedacht, würde die Kritik an Steinbrück bald ein Ende haben, heißt es im Willy-Brandt-Haus. Und dann komme ja bald schon Niedersachsen.

Tatsächlich ist die Wahl in Hannover so etwas wie der Fixpunkt im sozialdemokratischen Wahlkampf-Kalender. Seit Monaten blickt die SPD gebannt auf jede neue Umfrage aus der niedersächsischen Landeshauptstadt. Es sieht nicht so schlecht aus. Weil die FDP mit der Fünfprozenthürde ringt, könnte ein rot-grüner Machtwechsel gelingen - und damit auch die Genossen im Bund beflügeln.

Aber klar ist auch: Jeder neue Tag, an dem sich Steinbrück verteidigen muss, ist alles andere als hilfreich. Ob Honorardebatte, der Streit mit Bochum oder die Beraterblamage - die Debatten drohen der innerparteilichen Mobilisierung zu schaden, und Mobilisierung ist alles im Wahlkampf. So schön ein Sieg in Hannover wäre, so schlimm wäre eine Niederlage. Wenn Niedersachsen schiefgeht, könnte Steinbrück seine Hoffnungen aufs Kanzleramt wohl fast schon begraben.

"Dann wird es ganz, ganz schwer", sagt ein prominenter Sozialdemokrat.

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insgesamt 124 Beiträge
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1. Reif für den Neustart
derandersdenkende 21.11.2012
Zitat von sysopIn der Haushaltsdebatte im Parlament gibt Peer Steinbrück den Wahlkämpfer. Aber was bringt's? Der Rückzieher seines Online-Beraters ist nur der letzte Eintrag in die Pannenliste des SPD-Kanzlerkandidaten. In der Partei wächst die Nervosität. Steinbrück braucht dringend einen Neustart. SPD-Kanzlerkandidat: Steinbrück ist reif für den Neustart - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-steinbrueck-ist-reif-fuer-den-neustart-a-868507.html)
oder Rückfall in die finstersten Zeiten. Man muß mit dem Unbewährten, Überkommenen brechen, wenn ein Neustart Erfolg bringen soll und vor allem muß man sich seinen Wählern zuwenden, statt sie weiter an der Nase durch den Führring zu führen! Die letzten Regierungsjahre der SPD waren für diese eine Katastrophe und auf eine weitere Katastrophe haben sie schlichtweg keine Lust!
2. Rumpeln kann er halt am besten und......
unangepasst 21.11.2012
Zitat von sysopDie Posse um den Österreicher fügt sich ein in den Rumpelstart, den Steinbrück seit seiner Nominierung zum Kandidaten hingelegt hat. SPD-Kanzlerkandidat: Steinbrück ist reif für den Neustart - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-steinbrueck-ist-reif-fuer-den-neustart-a-868507.html)
...-auch wenn viele es anders sehen wollen-...er kann es am ehrlichsten! Der Mann ist in gewisser Weise halt so naiv, zu glauben, daß seine Wahrheiten gerne gehört werden. Wobei....das meiste von dem was er sagt hat Hand und Fuß!
3. Nein, kein Kandidatentausch !
andreas_leh 21.11.2012
Zitat von sysopIn der Haushaltsdebatte im Parlament gibt Peer Steinbrück den Wahlkämpfer. Aber was bringt's? Der Rückzieher seines Online-Beraters ist nur der letzte Eintrag in die Pannenliste des SPD-Kanzlerkandidaten. In der Partei wächst die Nervosität. Steinbrück braucht dringend einen Neustart. SPD-Kanzlerkandidat: Steinbrück ist reif für den Neustart - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-steinbrueck-ist-reif-fuer-den-neustart-a-868507.html)
Erst mit dem zu erwartenden Desaster mit diesem Kandidaten bei der kommenden BTW findet die SPD die Kraft, sich GRUNDLEGEND zu erneuern. "Säuberung" der Partei von ihren zahlreichen Totengräbern, programmatisch back to the roots. Das wird ein langer und beschwerlicher Weg; aber er wird sich lohnen !Das schreibt ein SPD Mitglied.
4. Autor konstruiert eigene Erzählung
herrkollege 21.11.2012
Was soll hier eigentlich genau auf einen Fehlstart hindeuten? Der Rückzug eines Beraters? Wirklich? Einkünfte? Ist es schon so weit? Ich werde den Eindruck nicht los, dass hier Journalisten die Eindrücke und Einschätzungen von anderen Journalisten sowie geneigten politischen Akteuren bereitwillig breittreten beziehungsweise Trends postulieren, um mal wieder ein paar Zeilen untergebracht zu haben. Da werden Randnotizen zu Nachrichten verklärt. Muss Steinbrück sich verteidigen? Vor allem wohl gegenüber Journalisten, die eine eigene Erzählung konstruieren wollen. Echte Probleme spielen sich ab, wenn bei einem Koalitionsgipfel der Bundeshaushalt genutzt wird, um unter Koalitionspartnern Geschenke zu machen - nicht wenn ein Berater sich abmeldet.
5. na, es ist doch eher so:
herr_kowalski 21.11.2012
Zitat von derandersdenkendeoder Rückfall in die finstersten Zeiten. Man muß mit dem Unbewährten, Überkommenen brechen, wenn ein Neustart Erfolg bringen soll und vor allem muß man sich seinen Wählern zuwenden, statt sie weiter an der Nase durch den Führring zu führen! Die letzten Regierungsjahre der SPD waren für diese eine Katastrophe und auf eine weitere Katastrophe haben sie schlichtweg keine Lust!
Beim Warmlaufen des Rennmotors versagte erst die Kühlung, dann die Ölpumpe und die Folge war ein kapitaler Motorschaden. Das erfordert Motortausch und dann 10 Plätze nach hinten in der Startaufstellung. Aber auch das Fahren auf Holzreifen ( sPD ) ist kein reines Vergnügen. Die Mechaniker Nahles, Steinmeier und Siggi P. könne auch nicht Kanzler. Was also bleibt ? Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Weiterüben.
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