Von Veit Medick und Philipp Wittrock
Berlin - Sigmar Gabriel gibt sich übellaunig. Gerade hat Wolfgang Schäuble die sozialdemokratischen Abgeordneten über die nächtlichen Griechenland-Verhandlungen informiert. Der Finanzminister versuche sich, die Zahlen zurechtzubasteln, ätzt Gabriel. "Aber dass das die Lösung sein soll, glaubt er doch selber nicht." Was der SPD-Chef von Schäuble hält, ist damit klar.
Doch die Journalisten wollen noch seine Meinung über jemand anderen hören. "Was ist denn mit Herrn Koidl?", fragt einer. Gabriels Miene verfinstert sich noch mehr. Er brummt irgendwas von "Kaffee trinken gehen" und dreht ab Richtung Fahrstuhl.
Koidl. Wieder einmal geht es nicht um echte Politik, sondern um ein Problem des eigenen Kanzlerkandidaten. Roman Maria Koidl sollte eigentlich die Online-Kampagne von Peer Steinbrück managen. Aber Steinbrück hatte übersehen, dass der Unternehmer einst für zwei dieser in der Partei so verhassten Hedgefonds arbeitete. Eine Unachtsamkeit? Fehlendes Fingerspitzengefühl? Schlechte Berater? In jedem Fall verursachte die Personalie in der SPD derart großen Unmut, dass Koidl am Morgen einen Rückzieher machen musste. Peinlich, peinlich.
Die Posse um den Österreicher fügt sich ein in den Rumpelstart, den Steinbrück seit seiner Nominierung zum Kandidaten hingelegt hat. Er kommt einfach nicht aus der Defensive. Die Partei ist in Unruhe, den meisten Genossen ist inzwischen klar, dass schleunigst ein Neustart her muss. "Genervt" sei er langsam, sagt ein Landesvorsitzender. "Ich würde gerne auch mal wieder über SPD-Politik sprechen."
"Jede Frittenbude wird besser gemanagt"
Wie schwer Steinbrücks Probleme es der SPD machen durchzudringen, zeigt sich auch an diesem Mittwoch. Bei der traditionellen Generaldebatte zum Haushalt 2013 will der Ex-Finanzminister die Politik von Kanzlerin Angela Merkel zerpflücken. Keine leichte Aufgabe, das Land steht trotz Euro-Krise gut da, das muss auch Steinbrück zugeben - aber eben nur, weil die Regierung "mehr Glück als Verstand" habe. Der SPD-Mann hält eine kämpferische Rede, setzt scharfe Attacken, geißelt die "dröhnende Selbstbeweihräucherung" der schwarz-gelben Koalition. Seine Leute johlen, als er der Regierung vorhält: "Jede Frittenbude in Deutschland wird besser gemanagt als die Energiewende."
Das Glücksgefühl währt nur kurz. Schnell ist klar: So ist Merkel nicht zu packen. Die Kanzlerin lächelt entspannt, es wirkt fast, als freue sie sich darauf, ihrem Herausforderer antworten zu dürfen. "Diese Bundesregierung ist die erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung", provoziert Merkel die Opposition mit einem ziemlich dreisten Superlativ. Auf direkte Attacken gegen Steinbrück verzichtet sie.
Dafür hat die Koalition ja Rainer Brüderle. Der FDP-Fraktionschef lässt selten einmal eine Vorlage passieren, und so spottet er auch über die jüngste Panne des SPD-Kandidaten. "Erneut ein genialer Griff in die Personalkiste", ruft Brüderle. "Sie sind offenbar out of touch, ich hoffe, Sie sind nicht out of space." Die Koalitionsabgeordneten lachen sich schlapp, Steinbrück zieht die Mundwinkel ganz nach unten.
Der Auftritt zeigt: Die Reden des Kanzlerkandidaten mögen noch so gut sein - aber mit seinen Patzern macht er sich angreifbar. Den Regierungsparteien hat Steinbrück schon jetzt genügend Futter für den Wahlkampf geliefert. Und nicht nur denen. Auch die Grünen gehen längst auf Distanz. Steinbrück habe "sich selbst rausgewählt", stichelte Chefin Claudia Roth auf dem Parteitag am Wochenende.
In der SPD-Spitze ahnt man, dass irgendetwas passieren muss, wenn die Genossen nicht schon zehn Monate vor der Bundestagswahl den Anschluss verpassen wollen. "Mit Krisenmanagement allein gewinnt man keine Wahl", umschreibt es einer aus der SPD-Fraktion. "Es wäre schön, wenn wir auch mal wieder irgendwie punkten könnten."
Drehbuch bis zur Niedersachsen-Wahl
Nur in Steinbrücks Wahlkampfteam herrscht eine Ruhe, als laufe alles bestens. Die kleinteiligen Debatten um Honorare und Berater-Blamagen, so heißt es, seien ohnehin in ein paar Wochen vergessen. Die Zeit bis zur Bundestagswahl sei noch lang. Bloß nicht überreagieren, so das Motto.
Von ihrem Drehbuch für die nächsten Wochen wollen sich Steinbrücks Leute jedenfalls nicht abbringen lassen. Die neue Homepage des Kandidaten, die noch Koidl zu verantworten hat, soll bald vorgestellt werden. Weitaus mehr Aufmerksamkeit richtet sich dieser Tage aber auf die Vorbereitung des 9. Dezember. An jenem Sonntag treffen sich die Sozialdemokraten in Hannover zum Parteitag. Es soll Steinbrücks Stunde werden. Nicht zu pompös, aber doch auf ihn zugeschnitten. Ein Neustart eben.
An seiner Rede wird bereits eifrig gefeilt. Es soll, so ist zu hören, ein großer Wurf werden, eine inhaltliche Begründung seiner Kandidatur, eine Antwort auf die Frage, wie er das Land regieren will. Helmut Schmidt wird sprechen. Gerhard Schröder kommt ausnahmsweise auch mal. Und Steinbrücks Familie soll ebenfalls da sein. Laufe die Krönungsmesse so wie gedacht, würde die Kritik an Steinbrück bald ein Ende haben, heißt es im Willy-Brandt-Haus. Und dann komme ja bald schon Niedersachsen.
Tatsächlich ist die Wahl in Hannover so etwas wie der Fixpunkt im sozialdemokratischen Wahlkampf-Kalender. Seit Monaten blickt die SPD gebannt auf jede neue Umfrage aus der niedersächsischen Landeshauptstadt. Es sieht nicht so schlecht aus. Weil die FDP mit der Fünfprozenthürde ringt, könnte ein rot-grüner Machtwechsel gelingen - und damit auch die Genossen im Bund beflügeln.
Aber klar ist auch: Jeder neue Tag, an dem sich Steinbrück verteidigen muss, ist alles andere als hilfreich. Ob Honorardebatte, der Streit mit Bochum oder die Beraterblamage - die Debatten drohen der innerparteilichen Mobilisierung zu schaden, und Mobilisierung ist alles im Wahlkampf. So schön ein Sieg in Hannover wäre, so schlimm wäre eine Niederlage. Wenn Niedersachsen schiefgeht, könnte Steinbrück seine Hoffnungen aufs Kanzleramt wohl fast schon begraben.
"Dann wird es ganz, ganz schwer", sagt ein prominenter Sozialdemokrat.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Peer Steinbrück | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH