SPD-Frontmann Steinbrück: Kandidatenkür mit Schönheitsfehler

Von Florian Gathmann und Veit Medick

Die Entscheidung ist gefallen: Peer Steinbrück soll die Sozialdemokraten ins Kanzleramt zurückführen. Eigentlich wollte Parteichef Gabriel die Personalie viel später bekanntgeben - am Ende musste er dem Druck der Beteiligten nachgeben. Mit diesem Kandidaten spielt die SPD volles Risiko.

Foto: dapd

Berlin - Schon nach fünf Minuten zeigt sich, dass es mit Peer Steinbrücks Gespür für die SPD so eine Sache ist. Der Ex-Finanzminister steht im Atrium der Parteizentrale und sagt ein paar Worte, wie er sich das so vorstellt in den nächsten Monaten. Er habe da dieses Vorbild, was den Wahlkampf angehe, sagt er. Willy Brandt, denkt man sich. Klar. Aber nein - Steinbrück sagt: "Gerhard Schröder". Das ist nun nicht gerade der populärste Sozialdemokrat.

Eines ist klar: An Peer Steinbrück werden sich viele Genossen noch reiben. Aber jetzt sind die meisten in der Partei erst mal froh, dass endlich eine Entscheidung gefallen ist. Die SPD hat an diesem Freitag einen Kanzlerkandidaten gefunden (unseren Kommentar lesen Sie hier). Sie hat nun jemanden, der bei der Bundestagswahl im Herbst 2013 Angela Merkel schlagen soll. Man hatte das zuletzt ja kaum noch für möglich gehalten.

"Och, sind ja doch 'n paar gekommen", sagt Parteichef Sigmar Gabriel, als er gemeinsam mit Steinbrück und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier in die prall gefüllte Empfangshalle des Willy-Brandt-Hauses tritt.


Gabriel hätte sich gerne noch ein bisschen Zeit gelassen mit der Kür. Aber so ist das eben bei schweren Geburten, man kann das nicht genau kalkulieren. Am Ende ging alles so schnell, dass Gabriel eigens aus München anreisen und unterwegs eine Pressekonferenz zusammenzimmern musste. Jetzt steht er da, macht auf Harmonie und sagt: "Manchmal kommt es im Leben eben anders, als man denkt."

"Peer Steinbrück ist der beste Kanzler"

So holprig die letzten Meter auch verliefen - irgendwo tief drin dürfte auch der Parteichef froh sein, dass die Kandidatenfindung nun endlich ein Ende hat. Die Debatte hatte die SPD belastet, sie stand da als eine Partei, die sich nicht richtig traut. Jetzt soll es endlich nach vorne gehen. "Wir wollen ein neues soziales Gleichgewicht schaffen", sagt Gabriel. "Peer Steinbrück ist der beste Kanzler, den Deutschland dafür finden kann." Der schaut beseelt ins Publikum und pflichtet später bei, die schwarz-gelbe Bundesregierung ablösen zu wollen. "Das ist der Anspruch und der Ehrgeiz." Es klingt noch ein bisschen zaghaft.

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Bundestagswahl 2013

Steinbrück oder Merkel - wer soll Kanzler werden?

  • Angela Merkel
  • Peer Steinbrück
  • Keiner von beiden
Aber es war eben auch alles kräfteraubend. Dieser Freitag markiert das Ende einer quälenden Suche. Glaubt man Gabriel, so begann diese Suche schon im Frühjahr 2011. Damals, sagt der Parteichef, habe er den beiden anderen Mitgliedern der sogenannten Troika mitgeteilt, dass er das Amt des Parteivorsitzenden von dem des Kandidaten trennen wolle. Somit war, entgegen öffentlicher Äußerungen, schon früh klar, dass die Entscheidung zwischen Steinbrück und Steinmeier fallen würde.

Nur wer sollte es bloß machen? In vertraulichen Dreier-Gesprächen tauschte man sich aus. Sie brüteten über die jeweiligen Stärken und Schwächen. Die Öffentlichkeit machte es der Troika auch nicht leichter: Mal war der Ex-Finanzminister Favorit, dann wieder der Fraktionschef, es ging hin und her. Vor der Sommerpause bat Gabriel die beiden, sich über die Ferien nochmals Gedanken über ihre jeweiligen Ambitionen zu machen - und sie ihm anschließend mitzuteilen.

Die beiden kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen: Steinmeier sagte dem Parteichef ab, "das war vor etwa vier Wochen", wie sich Gabriel erinnert, während Steinbrück nach der Rückkehr aus seinem Afrika-Urlaub die Bereitschaft zur Kanzlerkandidatur signalisierte. Damit war die Sache innerhalb der Troika geklärt - nur nicht für die Öffentlichkeit.

Gabriel entgleitet für einen Moment die Kandidatenkür

Aber der Druck in der K-Frage wurde immer größer auf die Troika. Der ursprüngliche Plan, den Kandidaten Ende diesen, Anfang kommenden Jahres zu küren, wackelte von Tag zu Tag mehr. Zumal sich in den vergangenen Wochen für viele Beobachter und Genossen abzeichnete, auf wen das Rennen hinauslaufen könnte: Spätestens mit seinem großen Aufschlag zur Finanzmarkt-Reform galt Steinbrück als wahrscheinlichster Merkel-Herausforderer. Aus den Landesverbänden, allen voran aus Niedersachsen und Bayern, wo im nächsten Jahr gewählt wird, wuchs der Druck auf die SPD-Spitze, den Zeitplan vorzuziehen. Doch Gabriel zögerte. Er sprach davon, zunächst die inhaltlichen Streitfragen zu klären, dann das Personal. Vor allem in der Rentenfrage sollte zunächst Einigkeit hergestellt werden.

Am Freitag dann schien Gabriel für einen kurzen Moment nicht mehr Herr des Verfahrens zu sein, wie er sich das immer ausbedungen hatte. In der SPD verbreitete sich wie ein Lauffeuer das Gerücht, dass Steinmeier am Donnerstagabend ein Hintergrundgespräch mit Journalisten abgehalten hatte. Darin, so berichteten sich die Genossen in Berlin, habe Steinmeier mehr oder weniger seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur erklärt. Am Morgen fragten Medien bei der SPD-Spitze nach, wie denn nun der aktuelle Stand sei. Gabriel wurde klar, dass sich die interne Absprache in der Troika nicht mehr länger geheimhalten lassen würde.

SPIEGEL ONLINE und anderen Medien wurde die Personalie aus führenden SPD-Kreisen am Morgen bestätigt. Gabriel sagte alle geplanten Termine ab und informierte zunächst in einer Telefonschalte die Mitglieder des SPD-Vorstands, für den Nachmittag lud er zur Pressekonferenz im Willy-Brandt-Haus.

Gabriel, so hört man, war verärgert über das plötzliche Durcheinander. Manch einer in der SPD machte dafür Steinmeier verantwortlich. Gabriel ließ sich öffentlich nichts anmerken: "Eines ist die SPD nie: langweilig", sagt er am Nachmittag.

Auch vor den zugeschalteten Parteivorstandsmitgliedern gab sich Gabriel einige Stunden zuvor entspannt. Als Grund für die vorgezogene Nominierung sagte er laut Teilnehmern, dass andernfalls jede inhaltliche Debatte weiterhin mit der K-Frage verbunden worden wäre. Steinbrück sei ein hervorragender Kandidat, so Gabriel. Kritische Nachfragen blieben aus. Ganze acht Minuten dauerte die Telefonkonferenz.

Parteilinke haben "Bauchgrummeln"

Dafür gab es in anderen Runden mehr heftige Worte über die vorgezogene Nominierung. Besonders der linke SPD-Flügel ist ob der Steinbrück-Personalie verunsichert, entsprechend gereizt war die Stimmung in einer Schalte am Freitag. Dass Ralf Stegner, der Landeschef von Schleswig-Holstein, zur Geschlossenheit aufrief, gefiel nicht jedem Parteilinken. Mehrere Vertreter sprachen später davon, Stegner sei von der Parteispitze "gekauft" worden. Linke-Sprecherin Hilde Mattheis warnte in der Schalte davor, sich im Rentenstreit "ausschließlich kompromissbereit" zu geben. Sie sprach von "Bauchgrummeln" und mahnte ihre Kollegen, sich "nicht devot zu Boden" zu neigen.

In der Sitzung des geschäftsführenden Fraktionsvorstands am Mittag äußerte sich erstmals Steinmeier. Er hielt sich kurz, sprach von "persönlichen Gründen" für seinen Verzicht, ohne diese näher zu erläutern. Mehrere Abgeordnete bekundeten anschließend ihr "Bedauern" über seine Entscheidung, Vertreter des linken Flügels mahnten angesichts der noch ausstehenden inhaltlichen Weichenstellung an, doch bitteschön die Mehrheitsverhältnisse in Partei- und Fraktion zu beachten.

Die könnten schon bald eine Rolle spielen. Eine wichtige inhaltliche Frage, die Haltung der SPD zur Senkung des Rentenniveaus, ist noch zu klären, und bei dem Thema schien Steinbrück bislang kompromisslos. Im Gegensatz zu den Parteilinken möchte er an der Senkung des Rentenniveaus festhalten. Am Montag will die SPD-Spitze auf einer Sondersitzung des Parteivorstands nun einen neuen Versuch starten, den Streit zu befrieden. "Es bahnt sich eine Lösung, die jedweder Kandidat glaubwürdig vertreten kann", sagt Steinbrück.

Steinbrück weiß, dass er auf dem linken, gewerkschaftsnahen Flügel und bei vielen Funktionären noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten hat. Aber er ist lernfähig. Zu seinen weiteren Plänen als Kandidat könne er nur begrenzt etwas sagen, so Steinbrück. Er wolle sich erst "den Gremien meiner Partei vorstellen", auch "aus stilistischen Gründen". Gremien - das war in der Vergangenheit eine Art Schimpfwort aus dem Mund Steinbrücks gewesen.

Aber jetzt ist er SPD-Kanzlerkandidat. Und die versammelten Mitarbeiter und Funktionäre im Willy-Brandt-Haus applaudieren.

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insgesamt 140 Beiträge
aras62 28.09.2012
übel - übel - übel - hier will wieder ein "Schröder" (nur mit feinerem Benehmen) ans Ruder. Deutsche seid wachsam! Es sind keine Sozialdemokraten mehr. Wie es auch keine "GRÜNEN" mehr gibt.
übel - übel - übel - hier will wieder ein "Schröder" (nur mit feinerem Benehmen) ans Ruder. Deutsche seid wachsam! Es sind keine Sozialdemokraten mehr. Wie es auch keine "GRÜNEN" mehr gibt.
prophet46 28.09.2012
Der Gesichtsausdruck sagt alles. Hauptsache ich, ich. Als Ministerpräsident gescheitert, als Finanzminister die Finanz- und Bankenkrise mehr schlecht als recht verwaltet, als Bunzelkanzler sich der klugsch.. Rohrkrepierer. [...]
Zitat von sysopDie Entscheidung ist gefallen: Peer Steinbrück soll die Sozialdemokraten ins Kanzleramt zurückführen. Eigentlich wollte Parteichef Gabriel die Personalie viel später bekanntgeben - am Ende musste er dem Druck der Beteiligten nachgeben. Mit diesem Kandidaten spielt die SPD volles Risiko. SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Kandidatenkür mit Schönheitsfehler - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-kanzlerkandidat-steinbrueck-kandidatenkuer-mit-schoenheitsfehler-a-858596.html)
Der Gesichtsausdruck sagt alles. Hauptsache ich, ich. Als Ministerpräsident gescheitert, als Finanzminister die Finanz- und Bankenkrise mehr schlecht als recht verwaltet, als Bunzelkanzler sich der klugsch.. Rohrkrepierer. Da der Spiegel Steinbrück offenbar promotet, wird der Beitrag sicher gelöscht werden.
Dio_genes 28.09.2012
Der nette Herr Steinmeier hätte keine Chance gehabt. Der letzte Wahlkampf verdiente den Namen nicht. Mutti brauchte nur zu Plakatieren "Blumen sind schön", "Pizza ist lecker" und schon gewann sie gegen den [...]
Der nette Herr Steinmeier hätte keine Chance gehabt. Der letzte Wahlkampf verdiente den Namen nicht. Mutti brauchte nur zu Plakatieren "Blumen sind schön", "Pizza ist lecker" und schon gewann sie gegen den Langweiler - haushoch. Auch als Fraktionschef war er kein Kämpfer - und ließ immer mit der Regierung stimmen in den wichtigen Fragen. Das war eine taktische Fehlleistung. Gabriel hätte das Zeug zum Wahlkämpfer - wird aber immer als unbeliebt dargestellt (und das beeinflusst dann auch die Wähler). Fazit: Steinmeier hätte um die 25 % geholt - ebenso Gabriel. Mit Steinbrück könnten es mehr werden (bei gleichzeitiger Stärkung der Linkspartei). Somit stellt das kein Risiko, sondern die einzige Chance dar. Wofür es langt, werden wir sehen (Kanzler, GroKo unter Merkel oder was auch immer). Je nach Themenlage und Entwicklung der Eurokrise kann es natürlich immer ein paar Prozente mehr oder weniger werden (für den SPD-Kandidaten und auch für Merkel). Unfair wäre es aber, an dieser Stelle Steinbrück die Hauptverantwortung für die NRW-Wahl zuzuschieben. Die SPD war dort Jahrzehnte in der Regierung. Man war ihrer Überdrüssig, es herrschte Wechselstimmung, zudem riss Schröder alle in die Tiefe. Jeder hätte dort verloren - selbst Frau Merkel!
wilckinson 28.09.2012
[QUOTE=sysop;11049483]Die Entscheidung ist gefallen: Peer Steinbrück soll die Sozialdemokraten ins Kanzleramt zurückführen. Eigentlich wollte Parteichef Gabriel die Personalie viel später bekanntgeben - am Ende musste er dem Druck [...]
[QUOTE=sysop;11049483]Die Entscheidung ist gefallen: Peer Steinbrück soll die Sozialdemokraten ins Kanzleramt zurückführen. Eigentlich wollte Parteichef Gabriel die Personalie viel später bekanntgeben - am Ende musste er dem Druck der Beteiligten nachgeben. Mit diesem Kandidaten spielt die SPD volles Risiko. Da werden aber die herumliegende Länder keine Freude haben, denn wer nicht Steinbrücks Meinung ist wird zertrampelt! Nach der Kavallerie schickt er vermutlich die Panzerbrigade in die Schweiz, nach Holland und nach Oesterreich :-( Ein echter Napoleonkopie dieser Steinbrück!
Bonneville78 28.09.2012
Ich persönlich kann mir Peer Steinbrück schon in einer Reihe mit Willi Brand, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder vorstellen. Aber im nächster Jahr die deutschen Wähler dazu zu bringen, das genauso zu sehen, das wird harte [...]
Ich persönlich kann mir Peer Steinbrück schon in einer Reihe mit Willi Brand, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder vorstellen. Aber im nächster Jahr die deutschen Wähler dazu zu bringen, das genauso zu sehen, das wird harte Arbeit!
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  • Freitag, 28.09.2012 – 18:37 Uhr
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    Peer Steinbrück, 65, trat 1969 in die SPD ein. Nach dem Studium der Volkswirtschaft und Sozialwissenschaft begann er im Bundesbauministerium. Es folgten Stationen im Forschungsministerium und Kanzleramt, ehe Steinbrück ab Ende 1986 das Büro von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau leitete.

    1993 machte ihn die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis zum Wirtschaftsminister. 1998 wechselte er wieder nach NRW und wurde zunächst Wirtschafts-, später Finanzminister.

    Nach dem Wechsel von NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement in die Bundesregierung übernahm Steinbrück Ende 2002 das Amt des NRW-Regierungschefs, 2005 verlor er die Landtagswahl. Nach der Bundestagswahl 2005 wurde er Finanzminister in der Großen Koalition, verschaffte sich als Manager in der Finanzkrise 2008 hohes Ansehen.

    Seit der SPD-Niederlage bei der Bundestagswahl 2009 sitzt Steinbrück als einfacher Abgeordneter im Bundestag. Seinen Posten als SPD-Vizechef gab er Ende 2009 auf.

Kurzporträts der SPD-Spitze
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Mit 51 Jahren wurde Gabriel, Jahrgang 1959, jüngster Parteichef seit Willy Brandt. In der Großen Koalition war er bis Herbst 2009 Umweltminister und profilierte sich im Wahlkampf mit Attacken gegen die Atomkraft. Nach dem Wahldesaster der Sozialdemokraten griff er entschlossen nach dem Parteivorsitz. Nach einem starken Start hat seine Autorität zuletzt im Streit um Thilo Sarrazin und die Migrantenquote Schaden genommen. Als natürlicher Kanzlerkandidat gilt er inzwischen nicht mehr.

Der gelernte Lehrer aus Goslar ist seit 1977 SPD-Mitglied. Mit 40 Jahren war er jüngster deutscher Ministerpräsident in seinem Heimatland Niedersachsen (1999-2003). Nach der Abwahl wechselte Gabriel nach Berlin und gab ein Intermezzo als "Pop-Beauftragter" der Sozialdemokraten, was ihm eher Spott als Anerkennung einbrachte ("Siggi Pop"). Gabriel ist mit einer Zahnärztin verheiratet.




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