SPD-Kanzlerkandidat im Angriffsmodus Steinbrück macht den Schröder

Die Lage ist mies, Peer Steinbrück hat jetzt nichts mehr zu verlieren - das befreit offenbar. 87 Tage vor der Bundestagswahl schaltet der SPD-Kanzlerkandidat endlich auf Angriff. Die Grünen freuen sich, dass sie nicht mehr allein kämpfen müssen.

Von und


Berlin - Es kommt selten vor, dass Jürgen Trittin mal jemandem Respekt zollt, der nicht Jürgen Trittin ist. An diesem Vormittag ist es so weit: Der Grünen-Fraktionschef sitzt in der ersten Reihe des Bundestagsplenums, beugt sich vor und blickt nach rechts zu den Sozialdemokraten. Dort sitzt Peer Steinbrück, der gerade vom Rednerpult zurück ist. Trittin nickt anerkennend. Als wolle er sagen: Schau an, schau an.

Der Donnerstag beginnt ziemlich angenehm für den SPD-Kanzlerkandidaten, was ja durchaus erwähnenswert ist in diesen Tagen. Steinbrück ist zum Rededuell mit der Kanzlerin gekommen, es geht um Europapolitik, und es passt diesmal viel zusammen: Angela Merkel ist schon im Brüssel-Modus, was sichtlich auf den Elan ihrer Anhänger drückt. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle ist ganz abwesend, was aus Sicht der Sozialdemokraten auch nicht schlecht ist. Und so kann Steinbrück einigermaßen frei aufspielen. Er hat sich vorgenommen, es der Kanzlerin mal ordentlich zu zeigen.

Steinbrück versucht gar nicht erst, besonders staatstragend aufzutreten. Er bescheinigt Merkel auf der Regierungsbank, nur Plattitüden von sich zu geben, die er "schon drei-, viermal gehört" habe. Er hält der Kanzlerin entgegen, innenpolitisch nur "leere Schachteln" produziert zu haben, wirft ihr vor, daheim das Füllhorn zu öffnen und in Europa alle zum Sparen zu zwingen. "Sie können", das ruft Steinbrück zu Merkel hinüber, "einfach nicht mit Geld umgehen. Wenn Sie die Wüste regieren, wird der Sand knapp". Seine Leute feiern die Umwandlung dieses angestaubten DDR-Witzes.

Frei nach dem Motto: Wenn du keine Chance hast, nutze sie

Dass das überhaupt noch geht, hatte man zuletzt ja fast nicht mehr für möglich gehalten. Die SPD und in besonderer Weise ihr Kanzlerkandidat sind ziemlich abgeschmiert - aber interessanterweise scheint sich bei Steinbrück dadurch eine gewisse Erleichterung einzustellen. Frei nach dem Motto: Wenn du keine Chance hast, nutze sie. Wer Steinbrück an diesem Donnerstagmorgen im Bundestag beobachtet, oder zwei Tage zuvor auf dem Hoffest der SPD-Bundestagsfraktion, erlebt einen beinahe befreit wirkenden Kanzlerkandidaten. Selbst das miese Wetter und die schlechte Luft in der Ersatz-Location konnten ihm am Dienstagabend nicht die Laune verderben. Am Ende rief Steinbrück: "Ich will von allen hören: Das werden wir gewinnen! Das ist die Einstellung!"

Sollen doch alle denken, wir seien chancenlos. Alles ausblenden, Visier runter, kämpfen. So haben es Gerhard Schröder und Joschka Fischer 2005 gemacht. Wie zwei Berserker zogen sie über die Marktplätze der Republik und wetterten gegen die Umfragen - und beinahe hätten SPD und Grüne damals noch die Bundestagswahl gedreht.

Die Umfragen für Rot-Grün sind ähnlich mies in diesen Tagen - nur dass der eine Teil des potentiellen Bündnisses zuletzt eher larmoyant als kämpferisch in Erscheinung trat. Und das lag vor allem am Kanzlerkandidaten persönlich. "Steinbrück jammert sich durch den Wahlkampf", schrieb der SPIEGEL. Das hat den Kandidaten sehr geärgert, weil die Wahrheit wehtut. Aber manchmal kann sie auch dafür sorgen, dass sich etwas ändert.

Gemeinsames rot-grünes Manifest

Bei den Grünen wünscht man sich nichts mehr, als dass Steinbrück und die Sozialdemokraten endlich ihren Kampfgeist zurückgewinnen. Immerhin hat man den Glauben an eine mögliche Koalition noch nicht komplett aufgegeben, das zeigt der jüngste gemeinsame Aufruf unter dem Titel "Bewegung jetzt". Aber dann sollen die Genossen sich bitte endlich mal zusammenreißen.

Das war am Mittwochabend deutlich zu spüren, als sich Sozialdemokraten und Grüne im Biergarten des Berliner Zollpackhofes - nur durch die Spree und ein paar symbolische Meter vom Kanzleramt entfernt - zum Start der neuen rot-grünen Kampagne trafen. "Unsere Leute da draußen sind hochmotiviert, die wollen Wahlkampf machen", sagte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt in die Juni-Kälte. Im Subtext heißt das: Liebe SPD, jetzt hängt es an euch.

Es wird nicht die letzte gemeinsame rot-grüne Aktion sein, demnächst wollen Steinbrück und Göring-Eckardt zusammen in der Bundespressekonferenz auftreten. Ein bisschen wirkt es so, als müsste sich die schwächelnde SPD gerade bei den selbstbewussten Grünen unterhaken.

Nicht jedem bei den Grünen gefällt diese Nähe zu den Sozialdemokraten. Aber offenbar hat sich auch hier die Überzeugung durchgesetzt, dass man gegen die übermächtig wirkende Merkel nur gemeinsam Erfolg haben kann, um das "Prinzip Gummiwand" aufzubrechen, wie die "Zeit" schreibt.

Noch steht die Gummiwand kerzengerade. Und es wird eines kleinen politischen Wunders bedürfen, um das zu ändern. Aber seit Donnerstag dürfte auch Angela Merkel wissen, dass ihr Herausforderer noch nicht aufgeben hat.

insgesamt 188 Beiträge
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Seite 1
rasten 27.06.2013
1. Dabei sein ist alles...
Herr Steinbrück; auch der zweite Sieger ist sportlich...
tomkey 27.06.2013
2. Bitte nicht den Schröder machen!
Sonst drohen weit unter 20%!
greece2012 27.06.2013
3. Wird Zeit!
Es wird Zeit, dass er aufwacht! Merkel hat keine Chancen, weil sie so erfolgreich und gut ist, sondern, weil die Opposition so schwach ist! Und die GRÜNEN alleine bringen noch keinen Umschwung. Es kann NICHT so weitergehen: Wäre der deutsche Mittelstand und die Industrie nicht so erfolgreich (auch ohne Merkel können sie das!), wäre nichts da, worauf Tante Merkel stolz sein könnte. Der zweite Selbstverteidigungsminister schießt sich langsam selbst ab, neue, politische Ideen kommen von ihr nicht mehr und die Probleme von Europa stinken unterm Tisch weiter. Tante Merkel wartet ab... Die Probleme werden dadurch nicht kleiner...
tthomas 27.06.2013
4. Die Merkel weiß es schon,
dass Peer Steinbrück ein nicht zu unterschätzender Gegner ist. Da hat sie sich von den süffisanten Schreiberlingen in den Medien nicht irritieren lassen. Und so habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es vielleicht auch Spiegel-online gelingt, den Kandidaten in den verbleibenden Tagen ernst zu nehmen.
nichzufassen 27.06.2013
5. Mäh
Zitat von rastenHerr Steinbrück; auch der zweite Sieger ist sportlich...
In Ihrem Fall wohl eher: Im Stumpfsinn dabei sein. Wie immer: die argumentlose Rechthaberpose der deutschen Rechten
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