SPD-Kompetenzteam: Steinmeier zieht ohne Stars in den Wahlkampf

Aus Potsdam berichtet

Bewährte Minister, dazu kaum bekannte Fachleute: Mit einer Mannschaft ohne Stars zieht Frank-Walter Steinmeier in den Wahlkampf. Kritiker mögen sein Team als mutlos werten - aber es ist schlicht das ehrliche Abbild der Möglichkeiten, die sich dem SPD-Kanzlerkandidaten derzeit bieten.

Kommt da etwa doch noch ein Coup? Am Donnerstagmittag steht plötzlich ein Mann auf dem Parkplatz vor dem Inselhotel in Hermannswerder - in voller Motorradkluft und gelbem Fußball-Schal. Es ist Peter Struck, der scheidende Fraktionschef der SPD im Bundestag. Nein, nein, versichert er. Er werde nicht der neue Sportbeauftragte im "Team Steinmeier". "Wollte nur mal gucken, was hier so los ist."

SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier nach der Vorstellung seines "Kompetenzteams" in Potsdam: "Wir haben die besseren Köpfe"
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SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier nach der Vorstellung seines "Kompetenzteams" in Potsdam: "Wir haben die besseren Köpfe"

Er weiß das natürlich ziemlich genau, schließlich hat er bis eben an der Klausur der SPD-Spitze teilgenommen. Zwei Tage hat die Riege um Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier zusammengesessen und über den anstehenden Wahlkampf beraten. Zwei Tage, die einmal ruhiger geplant waren, dann aber gehörig durchgerüttelt wurden, nachdem Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sich in den Fallstricken ihrer Dienstwagen-Affäre verhedderte. Denn genau genommen ging es bei diesem Treffen nur um eins: um das "Team Steinmeier", die Mannschaft mit der der Kanzlerkandidat die Wahl gewinnen will - und für die Schmidt als amtierende Ministerin eigentlich als gesetzt galt.

Steinmeier marschiert um 12 Uhr ohne Schmidt in den schmucken Hotelgarten am Templiner See. Ihr Platz bleibt vorerst frei, darauf hatten sich die beiden in einem offenbar nicht ganz unkomplizierten Gespräch am Mittwoch geeinigt.

So sind es jetzt 18 Mitglieder, die der Kandidat beim kurzen Bildtermin am Mittag präsentiert. Die restlichen amtierenden SPD-Minister sind darunter, ein paar No-Names wie der Bauernfunktionär Udo Folgart, der sich um die Landwirtschaftspolitik kümmern soll - vor allem aber: viele Frauen. Zehn sind es insgesamt, von der stellvertretenden Parteichefin Andrea Nahles, die die Bereiche Bildung und Integration abdecken soll, über die Bundestagsabgeordneten Ulrike Merten für Verteidigungspolitik, Karin Evers-Meyer für Behindertenbelange und Dagmar Freitag für den, man glaubt es kaum: Sport.

Der einzige Name, der vorher noch nicht bekannt war: Harald Christ, ein 1972 geborener Unternehmer, der die Mittelstandspolitik repräsentieren und CSU-Star Karl-Theodor zu Guttenberg herausfordern soll.

Es ist ein grundsolides Team geworden. Ohne Ecken und Kanten, ausgewogen, was die Geschlechter angeht, die Parteiflügel und die wichtigen Landesverbände. Aber eben auch ein Team, das nicht gerade regelmäßig in den Glamour-Gazetten auftauchen dürfte und keinerlei wirkliche Überraschung bietet. Mit der Mannschaft dürfte es Steinmeier schwer haben, Säle zu füllen.

Aus den Ländern kommt wenig Personal nach

Natürlich liegt es nahe, das Team mit Häme zu überziehen. Viele Frauen sind dabei, na gut. Aber ist das nicht überwiegend Mittelmaß? Was sollen unbekannte Funktionäre und Fachpolitiker von den Bundestagshinterbänken in einem Regierungsteam? Wo bleibt der Star, mit dem Steinmeier die Stimmung drehen will? Und natürlich kann man fragen, warum er unbedingt eine Sportbeauftragte benennen musste. Steht in Deutschland wieder eine Fußball-WM an? Haben wir uns für die olympischen Spiele beworben? "Die Teamvorstellung der SPD ist eine Demonstration der Ohnmacht, nicht der Stärke", ätzt der ehemalige Wahlkampfberater von Edmund Stoiber, Michael Spreng, bereits in seinem Blog.

Man kann es so formulieren, man kann aber auch schlicht feststellen: Das Team ist ein ehrliches Abbild der Möglichkeiten, die die SPD derzeit hat. Aus den Bundesländern kommt wenig Personal nach, das ähnlich vielversprechend ist wie Manuela Schwesig, die junge Sozialministerin aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich im "Team Steinmeier" um die Familienpolitik kümmern soll. Die Schwergewichte in der Bundestagsfraktion sind meist so alt, dass viele von ihnen im Herbst eher den wohlverdienten Ruhestand antreten, statt einen neuen Karrieresprung in Angriff zu nehmen.

Hinzu kommt, dass manche Kandidaten, die das Team attraktiver gemacht hätten, das Risiko einer schmachvollen Niederlage bei der Bundestagswahl gefürchtet haben dürften. Interessant ist jedenfalls, dass selbst von den jetzigen Mitgliedern des Teams der eine oder andere gezögert hat, als er von Steinmeier gefragt wurde. Bauernfunktionär Folgart etwa. Er hatte sich 48 Stunden Bedenkzeit ausgebeten.

Und was ist mit dem Star? Es ist verständlich, dass Steinmeier auf einen solchen verzichtet hat. Er wäre auch immer ein Risiko - das hat nicht zuletzt das Beispiel des "Professors aus Heidelberg", Paul Kirchhof, gezeigt, den die Sozialdemokraten selbst genüsslich sezierten. Eine vermeintliche Galionsfigur wäre auch für Steinmeier persönlich gefährlich geworden. Womöglich wäre er noch blasser erschienen, als er ohnehin schon ist. Und außerdem - das droht in den Hintergrund zu treten - sind die Kernthemen Wirtschaft, Arbeit, Bildung und Umwelt durch die entsprechenden Minister im Team ausreichend prominent abgedeckt.

Für manche anderen Mitglieder der Mannschaft dürfte die Ernennung trotz der miserablen Aussichten für die Wahl tatsächlich eine Chance sein. Für Manuela Schwesig sowieso - da muss sie nicht mehr viel tun. Das gilt aber auch für Carola Reimann, die bisher nur in der naturwissenschaftlichen Szene als äußerst gut vernetzt gilt und sich für Steinmeier um Forschung und Hochschulen kümmern soll. Thomas Oppermann, der ehrgeizige und kluge Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, dürfte die volle Freude haben, sich an den Waden von Innenminister Wolfgang Schäuble festzubeißen.

Steinmeier ist jedenfalls zufrieden. "Wir haben die besseren Ideen und die besseren Köpfe", sagt er am Ende der Klausur. Es bleiben ihm 59 Tage, um davon auch die Wähler zu überzeugen.

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