SPD-Krise Platzeck zieht den Schlussstrich

Es sei die "schwierigste Entscheidung" seines Lebens gewesen, sagte Matthias Platzeck heute in Berlin. Wegen massiver gesundheitlicher Probleme habe er "einen Strich" ziehen müssen, das Amt des SPD-Parteichefs übernehme Kurt Beck.


Berlin - Das Willy-Brandt-Haus, die Berliner Parteizentrale der SPD, war schon lange von Journalisten belagert, als Matthias Platzeck und Kurt Beck heute um kurz vor zwölf vor die Kameras traten. In einer ausführlichen Erklärung begründete Platzeck seinen Rücktritt vom Amt des SPD-Parteivorsitzenden. Sein Rücktritt sei auf "dringenden ärztlichen Rat" erfolgt.

Einen ersten Hörsturz habe er an Neujahr erlitten. Das habe er zunächst nicht ernst genommen und sei den Ratschlägen seiner Ärzte nicht gefolgt. Im Februar habe er einen Kreislauf- und Nervenzusammenbruch erlitten, dann folgte am 29. März der zweite Hörsturz "mit erheblichem Verlust des Hörvermögens".

Es habe keine andere "verantwortbare Entscheidung" gegeben, als von seinem Amt zurückzutreten, sagte der sichtlich angeschlagene Platzeck, er habe "einen Strich" ziehen müssen, weil er seine Kräfte überschätzt habe. Es hätte keinen Sinn ergeben, "weiter gegen die Wand zu laufen", sagte der scheidende SPD-Chef. Platzeck bedankte sich für viele Genesungswünsche, die ihn in den vergangenen Wochen erreicht hätten.

Das SPD-Präsidium sprach sich einstimmig für den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck als Nachfolger von Platzeck an der SPD-Spitze aus. Die Entscheidung über den Vorsitz wird auf einem Parteitag fallen. "Ich bitte die Mitglieder meiner Partei, sich eng um Kurt Beck zu scharen", sagte Platzeck.

Platzeck lobte die bisherige Zusammenarbeit mit seinem designierten Nachfolger Beck. Sie hätten gemeinsam für eine starke Position für die Sozialdemokraten in den Verhandlungen mit der Union für eine Große Koalition gesorgt. Was zu tun war, hätten sie eng miteinander abgestimmt.

Beck hob hervor, Platzeck habe auch in der SPD-Spitze einen "neuen, guten Stil" eingeführt. Diesen wolle er fortsetzen. Er kündigte an, im Fall seiner Wahl zum neuen Vorsitzenden Ende Mai den SPD-Politiker Jens Bullerjahn aus Sachsen-Anhalt als Vize-Vorsitzenden vorschlagen. Bullerjahn signalisierte seine Bereitschaft, auf dem geplanten SPD-Sonderparteitag Ende Mai für den Posten des stellvertretenden Parteivorsitzenden zu kandidieren.

Generalsekretär Hubertus Heil und Bundesgeschäftsführer Martin Gorholt sollen nach dem Willen des Präsidiums in ihren Ämtern bleiben, berichtete Beck. Er werde nun schnellstmöglich direkt mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und CSU-Chef Edmund Stoiber sprechen, sagte Beck.

Die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Ute Vogt sagte dem designierten neuen Parteichef Beck ihre volle Unterstützung zu. Beck sei "eine gute und richtige Wahl" für die Nachfolge Platzecks, sagte Vogt heute in Stuttgart. Beck sei "bürgernah, erfolgreich, traditionsbewusst und zukunftsgerichtet". Ihr Landesverband werde ihn "mit ganzer Kraft" unterstützen, versprach Vogt, die auch baden-württembergische SPD-Chefin ist.

Der brandenburgische Ministerpräsident Platzeck war am 15. November 2005 zum SPD-Vorsitzenden gewählt worden. Er löste damals Vizekanzler Franz Müntefering ab. Platzeck sagte, er werde sich bemühen, wieder gesund zu werden und sich "dann mit ganzer Kraft wieder dem Land Brandenburg widmen".

hen/dpa/ddp



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