Torsten Albig im Wahlkampf: Kuschler von der Küste

Von , Dagebüll

Bloß nicht anecken: SPD-Mann Torsten Albig will Ministerpräsident Schleswig-Holsteins werden, dafür gibt er den sanften Bürger-Versteher. Seine Gegner nennen diese Strategie des ausgebufften PR-Profis beliebig. Doch sie zieht.

Wahlkampf im Norden: Torsten Albig auf Sympathiefang Fotos
dapd

Torsten Albig weiß, auf welche Bilder es im Norden ankommt. Der SPD-Mann nimmt einen Wattwurm in die Hand, geht in die Hocke, lächelt in die Kameras. Hinter dem 48-Jährigen glitzert die Mittagssonne im ablaufenden Wasser. Seine blauen Gummistiefel sinken langsam im Schlick ein. Seht her, ich bin einer von euch, lautet die Botschaft an die Wähler zwischen Husum und Flensburg. Mehr Symbolik geht nicht.

Dagebüll an der nordfriesischen Nordseeküste. Albig ist auf Wahlkampftour. Lange hat der Ex-Pressesprecher Bilder für Finanzminister Oskar Lafontaine, Hans Eichel und Peer Steinbrück geschaffen, stand selbst in der zweiten Reihe. Jetzt strebt der Jurist nach vorne - und nutzt dabei sein ganzes Know-how aus der Trickkiste der PR-Profis. Albig will Schleswig-Holsteins nächster Ministerpräsident werden - und dafür setzt der Noch-Oberbürgermeister von Kiel auf Nähe.

Es ist eine ausgeklügelte Strategie: Albig, der mit allen Wassern des Berliner Polit-Betriebs gewaschen ist, setzt darauf, dass Polarisierung bei den Wählern nicht gut ankommt. Deshalb gibt er sich in diesem Wahlkampf ganz sanft und verströmt die Aura des pragmatischen Machers.

"Mein Lieblingsland" heißt sein Wahlslogan. Er prangt mit einem blau-roten Herz auf jeder Broschüre, jedem Schokoherzen, jedem Plakat. Albig besucht viele kleine Veranstaltungen. Täglich radelt der SPD-Mann durchs Land, verteilt in den Fußgängerzonen Rosen und Schokolade, besucht Kindergärten, Kliniken - oder eben das Watt, das er, in Ostholstein groß geworden, erst jetzt richtig kennenlernt. Albig führt eine Art landesweiten Oberbürgermeister-Wahlkampf.

Der ehemalige stellvertretender Leiter der Landesfinanzschule, Ex-Konzernsprecher der Dresdner Bank und Mitverfasser des SPD-Steuerkonzepts, gibt sich solide, freundlich und verbindlich. Es ist die Sympathie-Strategie, mit der schon sein Parteifreund Olaf Scholz 2011 in Hamburg die Macht für die Sozialdemokraten zurückeroberte.

"Wahlkampf ist Wahlkampf. Feddich!"

Auch Albig vermeidet nun möglichst jede Attacke. Den CDU-Konkurrenten Jost de Jager bezeichnet er als "klugen Minister". Der Sozialdemokrat glaubt: Herr Jager habe es verdient, dass er ihn anständig behandele.

So viel Nettigkeit geht dann selbst Peer Steinbrück zu weit, möglicher Kanzlerkandidat der SPD, er unterstützt Albig im Wahlkampf: "Wahlkampf ist Wahlkampf. Feddich!"

Doch Albigs Stil ist das nicht, er glaubt: "Die Menschen haben Schreihälse und Krawall satt." Es soll ein fairer Wahlkampf bleiben. Keine Schlammschlacht, wie sie Schleswig-Holstein so oft erlebt hat.

Parteifreunde klagen, Albig sei zu zahm. Noch immer verstehen viele nicht, dass er seinen Rivalen Ralf Stegner von der Parteilinken nicht rausgeschmissen hat. Albig hatte den polarisierenden Landes- und Fraktionschef beim Mitgliederentscheid um die Spitzenkandidatur haushoch geschlagen - und danach überraschend mit ihm einen Burgfrieden geschlossen. Der 48-Jährige nennt es das "klügere Modell", einen "organisierten Widerpart", der die Partei stärke. Bisher geht die Strategie auf. Nach außen geben sich die Sozialdemokraten geeint: Albig bedient die Mitte, Stegner die Linken.

Im Ungefähren

Albig, verheiratet, zwei Kinder, geht behutsam auf die Menschen zu, lächelt viel und hört zu. Bei seinen Wahlkampfterminen lässt er lieber andere sprechen: Zum Beispiel den Wattführer, der ihm Würmer und Schnecken zeigt und erklärt. Oder die Friesen-Vertreter, die um den Erhalt ihrer Sprache kämpfen. Ihnen fehlt dafür - wie so oft im hoch verschuldeten Schleswig-Holstein - das Geld.

Das ist eines der Themen, bei denen Albig seinen Vorsatz, wenig zu sprechen, aufgibt. Er mache generell in solchen Runden keine Finanzversprechen, das sei "unseriös". Lang erklärt er, künftig das wenige Geld "klüger ausgeben" zu wollen. Man müsse nicht "auf den letzten einen Euro schauen", den das Land letztendlich ausgebe, sondern auf "den Aufwand dafür". Was das genau heißt, sagt Albig nicht, er bleibt bei seinen wolkigen Ausführungen.

Der Sozialdemokrat spricht lieber über den Stil, mit dem er regieren und Schleswig-Holstein, das so oft abgeschrieben werde, eine Perspektive geben will. Über den Dialog mit den Menschen, der dazu notwendig sei. Über die Verantwortung des Landes gegenüber den Kommunen, denen er finanziell helfen will. Und natürlich immer wieder über gute Haushaltspolitik, die trotz Spardrucks in Bildung investiere. Alles andere produziere gigantische Sozialkosten.

"Sehr pastoral" nennt Steinbrück, ein Freund klarer Ansagen, solche langen Ausführungen seines ehemaligen Mitarbeiters. Albigs Gegner werden deutlicher: Sie finden diese Exkurse beliebig, Wischiwaschi. Sie ätzen: Mit seinem Wohlfühlwahlkampf vermeide der Kieler Sozialdemokrat jegliche inhaltliche Auseinandersetzung.

Notlösung Große Koalition?

Kritik lässt Albig meist souverän an sich abperlen, auch wenn er den Ärger über Schlagzeilen wie "Politiker ohne Kurs" nicht verbergen kann. Seine sanfte Tour hat sich bisher ausgezahlt: In den Umfragen ist er inzwischen mit großem Abstand der beliebteste Politiker im Norden.

Allerdings hat Albig hat ein Problem: Laut jüngsten Erhebungen liegen seine SPD und die CDU gleich auf oder die Sozialdemokraten führen nur knapp. Für einen Machtwechsel reicht es nicht: Die Grünen schwächeln angesichts des Hypes um die Piraten in den Umfragen. "Ein Problem", wie der Sozialdemokrat zugibt. Auch für die "Dänenampel" mit dem Südschleswigschen Wählerverband, der Partei der dänischen Minderheit, sieht es derzeit sehr knapp aus.

"Wie Daumenkino, nur bewegt sich nichts"

Albig gibt sich trotzdem siegessicher. Er setzt auf seine Markenzeichen: die tiefe Stimme und vor allem den kahlen Kopf. "Der mit Glatze" nennt er sich selbst. 32.000 Plakate plus 670 Großplakate hat Albig im Norden aufstellen lassen, auf jedem ist er abgebildet. Es sind so viele, dass einige Grüne schon spotten: "Das ist wie Daumenkino, nur bewegt sich nichts."

Doch Albigs Wahlstrategie verfängt: Im Watt sprechen ihn zwei Medizinstudenten aus Lübeck an, zwei Urlauber rufen "viel Glück" und am Fähranleger Dagebüll begrüßt ihn freudestrahlend eine Besucherin: "Ach, der zukünftige Ministerpräsident."

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insgesamt 16 Beiträge
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1.
heiko_2012 30.04.2012
Herr Albig fiel schon der Vergangenheit sehr negativ auf, zuletzt wollte er allen ernstes 400 Schilder mit der Aufschrift "Kein Ort für Neonazis" in der Stadt anbringen lassen. Das er damit Rechtsextremisten erst Recht extrem viel Aufmerksamkeit und damit Kraft gibt - auf die Idee kam er nicht. Außerdem war diese Aktion so einseitig, das sie einem schon beim Lesen peinlich war. Albig und Helfershelfer tun so, als wenn Neonazis das Hauptproblem der deutschen Innenpolitik wären. Er und die politische Klasse haben den Kontakt zum Normalbüger verloren, der Bürger sieht in den Politikern keinen Interessensvertreter. Aber das merken diese Leute ja noch nicht einmal. Das ist ein weiteres Problem ... .
2.
charlybird 30.04.2012
und ich war mir sicher, noch eine Paragrafenblüte.
3.
covy 30.04.2012
...SPON ist wohl nicht auf dem Laufenden. Die jüngste Umfrage des ZDF besagt, das CDU und die Sozis mit jeweils 31% gleichauf sind. War ja bei den Umfragen im Saarland auch so. Bleibt die Hoffnung, dass die SH Sozis genauso abstürzen.
4. SPD-Mann Torsten Albig ist wählbar
ulli7 30.04.2012
"Der 48-Jährige ist mit Abstand der beliebteste Politiker im Norden." Das kann man von der Intelligenzbestie Ralf Stegner nicht sagen. Insofern war es eine kluge Entscheidung der SPD auf Torsten Albig zu setzen.
5. Bei
Claudio Soriano 30.04.2012
Zitat von ulli7"Der 48-Jährige ist mit Abstand der beliebteste Politiker im Norden." Das kann man von der Intelligenzbestie Ralf Stegner nicht sagen. Insofern war es eine kluge Entscheidung der SPD auf Torsten Albig zu setzen.
wem ist er denn beliebt, bei Ihnen ist er es ja offensichtlich. Die SPD ist Bundesweit unwählbar geworden seit Schröder! Nicht besser bei der CDU mit Ihrer Staatsratsvorsitzenden! FDPÖ hoffendlich ganz weg, was bleibt sind Piraten und Linke! Denen wünsche ich Wahlerfolg.
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So wählt Schleswig-Holstein
Vorgezogene Neuwahl
Nur zweieinhalb Jahre nach der letzten Abstimmung müssen die Schleswig-Holsteiner am 6. Mai einen neuen Landtag wählen. Dies hatte das Landesverfassungsgericht 2010 nach Klagen von Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverbund (SSW) angeordnet. Die Richter stuften damals das Wahlgesetz und damit die Zusammensetzung des Landtags als verfassungswidrig ein. Nach dem Urteil wurden das Wahlgesetz und die Verfassung geändert.
Erst- und Zweitstimme
Jeder Wähler in Schleswig-Holstein hat am 6. Mai zwei Stimmen. Mit der ersten entscheidet er über einen Kandidaten aus seinem Wahlkreis. Wer dort die meisten Stimmen holt, kommt ins Kieler Parlament. Zwischen Nord- und Ostsee gibt es 35 Wahlkreise. Die zweite Stimme wird für die Landesliste einer Partei abgegeben. Sie entscheidet mit darüber, wie stark eine Partei im Landtag vertreten ist.
Überhang- und Ausgleichmandate
Gewinnt eine Partei mehr Mandate direkt über die Wahlkreise, als ihr nach dem Anteil an den Zweitstimmen zustünden, erhält sie Überhangmandate. Die übrigen Parteien bekommen Sitze zum Ausgleich, damit die Zusammensetzung des Landtags dem Zweitstimmen-Verhältnis entspricht. So kann der Landtag in Kiel größer als eigentlich vorgesehen werden. Derzeit sind es statt 69 Sitzen sogar 95 Mandate.
SSW - Partei der dänischen Minderheit
Um in das Parlament zu kommen, muss eine Partei mindestens 5 Prozent der Zweitstimmen holen. Der SSW als Partei der aus etwa 50.000 Menschen bestehenden dänischen Minderheit ist davon befreit. Damit wird ihre politische Mitwirkung sichergestellt. Allerdings muss der SSW so viele Stimmen erhalten, dass es zumindest für den letzten der zu vergebenden Sitze im Plenum reicht. Ziel des SSW sind diesmal 5 Prozent (2009: 4,3).
Zweitstimmen und Mandate 2009
Bei der Wahl 2009 hatten CDU und FDP zunächst drei Mandate mehr erhalten als SPD, Grüne, Linke und SSW zusammen, obwohl bei der Abstimmung auf sie 27.000 Zweitstimmen weniger entfallen waren. Grund waren die komplizierten Bestimmungen zu Überhang- und Ausgleichsmandaten. Durch das damals geltende Wahlgesetz im nördlichsten Bundesland wurde die Zahl der Ausgleichsmandate begrenzt, so dass CDU und FDP ihre Mehrheit bekamen. Diese schrumpfte später auf eine Stimme, nachdem ein Auszählfehler korrigiert worden war.