Brief an SPD-Mitglieder Schulz berichtet über Rücktrittsgedanken am Wahlabend

Nach der historischen Wahlschlappe wendet sich Parteichef Schulz an die SPD-Mitglieder - und behauptet etwas anderes als am Sonntagabend. Kritik äußert er indirekt an seinem Vorgänger Sigmar Gabriel.

Martin Schulz
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Martin Schulz


Das Ergebnis war für die SPD ein Schock. 20,5 Prozent - der schlechteste Wert der Sozialdemokraten in der Nachkriegsgeschichte. Was heißt das für den Parteichef und Spitzenkandidaten? Noch am Wahlabend antwortete Martin Schulz in der ARD auf die Frage, ob er über einen Rücktritt nachgedacht habe: "Nein, hab ich nicht. Wer sagt das?"

Das war entweder nicht die Wahrheit, oder Schulz hat sich mittlerweile eine andere Kommunikationsstrategie zurecht gelegt. In einem Brief wandte sich der gescheiterte Kanzlerkandidat nun an die mehr als 440.000 SPD-Mitglieder. Darin schreibt er entgegen seiner ursprünglichen Aussage: "Natürlich habe ich am Sonntagabend mit mir gerungen und mich gefragt, ob es nicht besser wäre zurückzutreten."

Nach "unzähligen Gesprächen", so Schulz, "bin ich aber zu der Überzeugung gelangt, dass ich zusammen mit der Partei den dringend notwendigen Neuanfang der SPD voranbringen möchte".

Die Zukunft von Schulz an der Spitze der Sozialdemokraten gilt als offen - viel hängt auch von der Niedersachsenwahl am 15. Oktober ab. Scheitert die SPD dort abermals, könnten Schulz-Kritiker verstärkt einen Führungswechsel fordern.

In dem Schreiben an die Mitglieder verspricht der Parteichef jedoch einen "strukturellen, organisatorischen, inhaltlichen und strategischen Neuanfang", den er gemeinsam mit der neuen Fraktionschefin Andrea Nahles voranbringen wolle. "Es geht in den nächsten vier Jahren um nicht weniger als um die Existenz der deutschen, ja der europäischen Sozialdemokratie."

"Keine echten Konsequenzen"

Nach den verlorenen Bundestagswahlen 2005, 2009 und 2013 habe es eine ehrliche und tiefergehende Debatte über die Gründe der Wahlniederlagen nicht gegeben, so Schulz. Es seien "auch keine echten Konsequenzen gezogen worden".

Schulz kritisiert indirekt seinen Vorgänger als Parteichef, Sigmar Gabriel. "Auch in der praktischen Durchführung der Wahlkampagne 2017 haben sich alte Fehler wiederholt", schrieb er. "Wie schon 2009 und 2013 haben wir auch dieses Mal beim Verfahren zur Bestimmung des Kanzlerkandidaten einen Weg gewählt, der uns zu wenig Zeit für die Vorbereitung der Kampagne gelassen hat."

Die Ausrufung des Kanzlerkandidaten lag in Händen des damaligen SPD-Chefs Gabriel, der im Januar seinen Verzicht erklärte und Schulz als Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl vorschlug.

Über den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD soll offenbar mit deutlich größerem Vorlauf entschieden werden. "Spätestens beim ordentlichen Parteitag 2019 werden wir die Weichen für 2021 stellen, um bei der nächsten Wahlauseinandersetzung wieder erfolgreich zu sein", kündigte Schulz an. Der nächste Parteitag findet im Dezember statt. Schulz, der im März mit 100 Prozent gewählt worden war, will sich zur Wiederwahl stellen.


Im neuen SPIEGEL: Die Wahlkampagne hautnah:

Autor Markus Feldenkirchen hat den SPD-Kanzlerkandidaten fünf Monate bei seiner Wahlkampagne begleitet hat. Feldenkirchen war dabei, als Schulz sich im Willy-Brandt-Haus mit seinem Kampagnenteam ausgetauscht hat, er war dabei, als Schulz für das TV-Duell mit der Kanzlerin geübt hat, er erlebte die depressiven und die euphorischen Momente des Kandidaten. Heute ab 18 Uhr im digitalen SPIEGEL, morgen im Heft.

kev/Reuters



insgesamt 157 Beiträge
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Seite 1
WolfThieme 29.09.2017
1. Haut den Schulz
Der Beitrag lässt vermuten, wie die Berichterstattung im SPIEGEL und SPON in Zukunft aussehen wird, nämlich so wie in der Vergangenheit: negativ – aber nicht erfolgreich: Ich bin gerade in die SPD eingetreten.
Augustusrex 29.09.2017
2. Ist doch klar
Niemand hätte das am Wahlabend zugegeben, dass er womöglich über Rücktritt nachdenkt. Sie wissen doch: "Stiff upper lip".
tomxxx 29.09.2017
3. Ja klar...
immer der andere. Fängt er früh an, war es zu früh und der Kandidat hat sich verbrannt (war nicht auch der Schulz-Hype etwas kurzlebiger?) Fängt er später an.... dann war es viel zu spät!!! Was soll der Rotz? Dann hat Angela Merkel Schulz keine für ihn passende Themen in die Öffentlichkeit gebracht... ein Anschlag auf die Demokratie!!! Schulz ist echt der einzige Kandidat der von der Inaktivität seiner Gegnerin überfordert wird und sich trotzdem für geeignet hält!
Mister Stone 29.09.2017
4.
"Es geht in den nächsten vier Jahren um nicht weniger als um die Existenz der deutschen, ja der europäischen Sozialdemokratie." Hätte er doch nur einmal, nur dieses eine mal, sein "Europa" weggelassen. "Europäische Sozialdemokratie" klingt nucht nur wie Merkels "martkonforme Demokratie", der verschleidernde Begriff meint auch das gleiche. Und nein, es geht mir nicht darum, Herr Schulz. Mir und meinen Freunden geht um die Menschen in Deutschland. Das werden Sie nie mehr kapieren...
Proggy 29.09.2017
5.
Bleibt zu hoffen, das Herr Schulz sich nach der Wahl beim nächsten SPD-Parteitag - mit den gleichen Argumenten - zurückzieht, wenn das Wahlergebnis unter sein letztes Ergebnis von 100% fält.
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